Die kleine Stadt     Teil 1
Die kleine Stadt Teil 1

Die kleine Stadt Teil 1

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die kleine Stadt Teil 1

Nun lebe ich schon seit über 40 Jahren in dem Moloch Berlin. Zum Glück ein wenig weg vom Lärm der vielen Menschen, dem Rattern der S- und U-Bahnen und dem Sprachgewirr der tausenden Touristen. Und obwohl ich diese große hektische Stadt nicht mehr vermissen möchte kommt regelmäßig die Sehnsucht auf mal meine kleine Heimatstadt Naumburg / Saale zu besuchen.
Längst sind die Eltern die dort zurückblieben verstorben und die einzige Schwester weggezogen.
Auch von den Freunden aus den Kindertagen sind nur noch wenige zurückgeblieben. Verstreut in alle Welt und auch von ersten Einschlägen bereits getroffen.
Zum Glück ist da jedoch der beste Freund für Nostalgietrips fünfundfünfzig jähriger Erinnerungen verblieben.
Unsere Frauen sind natürlich für unser tagelanges herumstreichen durch die Gassen der Altstadt, der Wiesen vor den Toren, den Tümpeln der alten Saale und das erklettern der Burgruinen nicht zu begeistern. Und das ist auch gut so. Sie haben nicht unsere Nasen, sie riechen nicht unsere vor Jahrzehnten gesetzten Markierungen, sie haben nicht unsere Augen zum spiegeln der Erinnerungen. Für sie ist die alte Saale nur ein stinkender Tümpel voller Mückenlarven, kein magischer Ort mit Erdhöhle, Baumausguck und benachbarten Gemüsegärten, ideal zum Möhren klauen für die Versorgung der ganzen Räuberbande.
Wie sollen sie unsere Frauen auch begreifen das hinter dem kleinen Schuppen inmitten der Felder das erste Mal geknutscht wurde, Erinnerungen bei den uns alten Kerlen immer noch warm ums Herz wird, oder den gewaltigen Berg bewundern, der heute erstaunlicherweise nur ein kleiner Hügel ist, auf dem im Winter auf der Schultasche sitzend die vereiste Todesschanze bewältigt wurde.
Und bei dem streifen durch die Gassen und Straßen knistern die Geschichten an jeder Ecke. Noch sind sie vereinzelt da, die an die Fenster geschraubten schräg gestellten Spiegel. Eine wunderbare Erfindung ,im Sessel sitzend , selbst unerkannt, die ganze Straße fest im Blick zu haben. Und damit Gesprächsstoff für den Milchmann, die Gemüsefrau oder den Bäcker zu haben. Wer mit wem, wann, wie oft, war somit immer bekannt und konnte in Voraussagen für Beziehungen aller Art und Schwangerschaften einbezogen werden.
Statt mit selbst zusammengebauten Fahrrad nun im dicken Auto waren dann die Sagen umwitterten Burgen Saaleck , Rudelsburg, Neunburg, Schönburg dran. Alle im 7 km Umkreis um Naumburg. Diesmal bequem auf Serpentinenstraßen zu erreichen statt querfeldein die Bergeshänge und Trampelpfade zu erklimmen. Dann die Saalewiesen mit der Sandbank für die ersten Schwimmversuche, das Teufelsloch. Ein kleiner tiefer Tümpel, wo der Sage nach der Teufel mit Blitz und Donner eine ganze Kutsche verschwinden ließ. Gleichzeit aber auch der Ort um mit der nötigen Ausdauer Kammmolche und Kaulquappen zu fangen, die dann zuhause in Einweckgläsern ein erbärmliches Leben fristeten. Und nicht weit entfernt auf der anderen Seite des Flusses lagen die Buchen- und Kastanienwälder an den Saalehängen. Wiederum ein Ort barbarischer Handlungen. Im Mai gab es Maikäfer, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Erste Vorbereitung war das schnurren von Zigarrenkisten im Tabakladen. Die waren ideal zur Aufbewahrung der Käfer, wurden mit ein paar Luftlöchern versehen und ließen sich mit Einweckgummis gut verschließen. Aber hier hieß es, mehrere Gummis zu nehmen, den eine ganze Truppe von Maikäfern war in der Lage den Deckel zu heben und zu flüchten.

Fortsetzung folgt

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