Zisterzienserstift Zwettl, Kellerabgang
Zisterzienserstift Zwettl, KellerabgangFoto-Quelle: Henry Kellner unter http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Der Keller

Beitrag von wize.life-Nutzer

Als ich ein kleiner Junge war, ging ich niemals gerne in den Keller. Wenn ich in Strümpfen die Steinstufen herabstieg, und meine Füße auf dem Gestein erkalteten, meine Hände sich am Geländer festkrampften, damit ich bloß nicht ausrutsche, dachte ich immer, ich gehe unter die Erde. Und dort wollte ich niemals hin. Aber in der Vorratskammer lagen körbeweise wunderbare Äfel aus unserem Garten, in den Regalen Kekse und Büchsen von Gemüse. In einem Holzverschlag lagerte ein Haufen Kartoffeln. Meine Mutter sagte: „Es ist gut, etwas auf Vorrat zu haben.“

In der Weihnachtszeit erhöhte sich der Anteil an Süßigkeiten gewaltig, und zu Ostern entdeckte ich Ostereier. Natürlich war es für mich eine Versuchung, in den Keller zu gehen um zu naschen. Wenn meine Mutter mich erwischte, wie ich mit Strümpfen die Treppe hinabstieg, schimpfte sie: „Eines Tages rutscht du aus und brichst dir die Knochen!“, und ich rief zurück, ich wolle Äpfel holen. Natürlich schaute ich auch nach Süßigkeiten, aber nur selten war eine Tüte angebrochen, sodass ich nicht, ohne dass es aufgefallen wäre, nach Belieben naschen konnte. Noch heute höre ich die strengen Worte meiner Mutter. Jedesmal wenn ich daran denke, läuft mir ein kalter Schauder den Rücken, denn eines Tages passierte es wirklich.

Papa stieg mit einem Werkzeugkasten in der Hand die Steinstufen hinunter und plötzlich hörten wir ein lautes Scheppern. Papa ging niemals in Strümpfen, aber die Klappern, die er trug, waren nicht trittfest. Versehentlich machte er einen größeren Schritt und setzte mit seinen Latschen auf der Höhe der Ferse an der Kante einer Stufe auf und rutschte ab, knallte mit dem Gesäß auf das unbarmherzige Gestein, sodass ihm für einen Moment die Luft stehengeblieben sein musste. Mama und ich schreckten auf und ahnten das Schlimmste. Wir rannten zur Kellertür, Mama riss sie auf und schrie „Um Gottes Willen!“, und ich sagte: „Wie Großmutter liegt er nun unter der Erde“. Mama warf mir einen bösen Blick zu: „Wie kannst du nur so was sagen, Bengel“, zürnte sie. Ich glaubte aber, dass ich recht hatte, und erklärte: „Wenn man die Treppe hinuntergeht, gelangt man unter die Erde. Oder was meinst du, Mama, warum man im Keller auch tagsüber Licht anmachen muss? Im Keller ist es genauso dunkel wie bei Oma.“

Unsere Oma war damals schon ein Jahr unter der Erde. Als ich sah, wie die Holzkiste von bösen Männern in das Loch gelassen und Erde darüber geschaufelt wurde, schwor ich, dort will ich niemals hin. Ich stellte mit vor, wie kalt es im Grab sein musste. Darum hasste ich den Keller. Nicht nur die kalten Füße auf dem Steinboden und die Erinnerung an den Treppensturz meines Vaters, trugen dazu bei, dass ich fröstelte, wenn ich an den Keller dachte. Nein, in erster Linie dachte ich an Oma, die jetzt ewig in ihrem Grab lag und fror wie im Eisschrank, und das nur wegen der bösen Männer.

Nach seinem Sturz rappelte sich Papa wieder auf, aber Oma war gefangen unter der Erde und kam da niemals raus. Ich habe sie nie wieder gesehen. Am liebsten wäre ich mit meiner Sandkastenschaufel auf den Friedhof gegangen und hätte Oma eigenhändig ausgegraben. Ich ärgerte mich, warum sie nicht einfach im Keller ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Das wäre für sie viel schöner gewesen. Ich könnte jeden Tag die Kellertreppe hinuntergehen, und sie in der Vorratskammer besuchen. Ich könnte die Kiste aufklappen und sagen: „Oma, habe keine Angst. Du bist nicht allein. Jeden Tag kommen ich dich besuchen.“ Und dann würde ich den Sargdeckel wieder zuklappen, mich umschauen, ob eine Keckspackung geöffnet war, einen Apfel mitnehmen und die Kellertreppe wieder hoch.

Wenn Oma im Keller liegen würde, hätte ich viel weniger Angst unter die Erde zu gehen, aber so kostete es mich jedesmal eine große Überwindung, die Kellertür zu öffnen und in das Reich der Toten zu gehen. Im Keller entdeckte ich tote Spinnen, einmal sogar eine tote Maus. Niemals berührte ich die Tierleichen und ließ sie dort liegen. „Die gehören hier hin“, sagte ich mir, und es kam der Tag, der Apflelkorb in der Küche war wieder einmal leer, auch Minnie, meine Katze, war an diesem Tage verschwunden. Manchmal versteckte sie sich unter dem Sofa oder kletterte hoch auf dem Wohnzimmerschrank. Trotzdem huschte sie hin und wieder durch die Wohnung. Aber heute war nichts von ihr zu sehen. „Wer weiß, wo sie sich wieder versteckt hat“, sagte Mama und mehr fiel ihr nicht dazu ein, aber ich erinnerte ich mich an die bösen Männer, die meine Oma in ein finsteres Loch gruben, und ich war fest davon überzeugt, jetzt haben sie Minnie verbuddelt. Sie friert wie der Teufel. Niemand hört ihr Schreien. Wer will schon freiwillig verbuddelt sein.

Tote Spinnen im Keller schreien auch. Die tote Maus muss laut gefiepst haben, bevor Mama sie in dem Mülleimer warf. Der große Müllwagen kam und brachte die Maus auf die Deponie. In dem großen Wagen schreien viele Mäuse, und ich fand das widerlich. Mir wurde schlecht, ich ließ mein Frühstück stehen, sagte nur kurz: „Ich habe keinen Hunger.“ Ständig schrien Mäuse in meinem Kopf. Einmal fuhr Papa mit mir an den Stadtrand zeigte mir die Mülldeponie, und jetzt wusste ich, Mäuse und Ratten schreien sich dort den Hals wund. Ich sprang also vom Frühstückstisch auf und wollte Minnie suchen. Weil Katzen Mäuse fressen, stellte ich mir vor wie dunkel es im Magen von Minnie ist, kalt und dunkel wie im Keller. Ich fand das grausam und wollte niemals so enden wie eine Maus oder wie Großmutter.

Wenn ich nur daran dachte, zitterte ich am ganzen Leib und fluchte, dass ich geboren war. Ich fluchte auf die bösen Männer, die Menschen in die Erde buddelten und Katzen stahlen. Sie war auch nicht in meinem Zimmer. Ich schaute unter das Bett, unter dem Schrank, hinter dem Papierkorb, aber sie war einfach zu entdecken. Sie konnte nur noch im Keller sein. Jemand musste die Kellertür offen gelassen haben, und schwupps war sie hinunter zu den Spinnen, Mäusen, Kakerlaken, Asseln und sonstigem grässlichen Getier der Unterwelt. Der grässliche Abschaum dieser Welt, war mir erst jetzt in diesem Moment bewusst geworden.

Heute wundere ich mich, dass ich es damals als kleiner Junge überhaupt wagte in den Keller zu gehen, nur wegen eines Apfels, wegen Prinzenrollen oder Spekulatius, aber seit diesem Tage, seitdem mir die Grässlichkeit der Unterwelt bewusst wurde mit all dem toten Kleinvieh, seitdem bin ich für viele Jahre nicht mehr in das Kellerloch gegangen. Nur ein einziges Mal, und das wegen Minnie. Eigentlich wollte ich nicht, aber Minnie war mein eins und alles. Wenn Oma neben den Kartoffeln in einer Holzkiste gelegen hätte, wäre ich auch hinabgestiegen, und so drückte ich die Türklinke herunter. Meine Hände feucht vom kalten Schweiß, und das Herz pochte fürchterlich den Hals hinauf.

Meine Hände krampften beidseitig an dem Geländer. Ich wollte nicht, nur weil die Knie erweichten, auf die Nase fallen, und es dauerte elendig lang, bis ich endlich vor der Vorratskammer stand. Die Tür stand einen Schlitz offen. Normalerweise ist sie geschlossen. Das wusste ich genau. Die Luft war stickig. Am liebsten hätte ich kehrt gemacht. Auch wenn ich wusste, dass Katzen keine Äpfel mögen, bildete ich mir ein, in der Vorratskammer wäre sie am ehesten zu finden. Ich wagte nicht, die Tür anzufassen, und trat mit einem Fuß dagegen. Die Tür öffnete sich. Aber nicht ganz. Sie schlug irgendwo gegen und prallte zurück. Ich erschrak fürchterlich. Etwas stimmte hier. Aber was? Neugierig streckte ich meine rechte Hand aus und schob die Tür langsam auf, bis sie wieder an das Hindernis stieg. Da lag etwas herum.

Mit der anderen Hand knipste ich das Licht an und mein Kopf schob sich an der Tür vorbei. Vor meinen Augen breitete sich das Unvorstellbare aus, aber es bestätigte sich, dass der Keller das Reich der Toten ist. Trotzdem, ich war auf dieses Schreckliche nicht vorbereitet. Eine Ohnmacht schien der einzige Ausweg aus diesem Grauen zu sein. Ich kann mich auch nicht mehr genau daran erinnern, was dann geschah. Als ich in meinem Bett aufwachte, erinnerte ich mich, dass aus dem Maul der Katze der halbe Körper einer Maus ragte und Mama erzählte mir, Papa habe die Minni im Garten begraben müssen. Warum, sagte sie nicht, und ich konnte es mir nur so zusammenreimen, dass Minnie an der Maus erstickt war. So muss es gewesen sein, und ich fand es widerlich, dass das Leben unter der Erde endet.

©MartinStauder