wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Krollen (Sägespäne) Erlebte Geschichte meiner Frau Rita

11.02.2014, 17:58 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Krollen
Nach der Vertreibung aus Schlesien im Jahr 1946 und der Ankunft von uns Dreien
1947 in Weeze, dem Heimatort meiner Mutter, bestand unser Zuhause für drei Jahre
aus einem Zimmer, das die Behörden meinen Eltern zuwiesen. Wir besaßen keine
irdischen Güter, aber Zuwendung, Nestwärme und lnnigkeit bekam ich in Hülle und
Fülle. lch genoss die Enge der Behausung und die Nähe zu Vater und Mutter.
1950 - kurz vor meiner Einschulung - wurde die erste Etage eines Hauses frei, das
mitten im Ort stand. Die Miete war günstig, weil WC und Wasseranschluss fehlten.
Diese Dinge galten damals als Luxus, der nicht unbedingt zur Ausstattung einer
Wohnung gehörte. Wie meine Mutter diese Probleme löste, bleibt mir ein ewiges
Rätsel. Der Umzug ging schnell über die Bühne, es gab nicht viel zu transportieren.
Nur beim Klavier meines Vaters schwitzten die beiden Helfer, weil die Treppe so
schmal und ihre Angst so groß war, das Ungetüm fallen zu lassen.
Die Stunden mit meinem Vater an diesem lnstrument, dem er so herrliche Melodien
entlockte, gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Unser Familienleben fand in der Küche statt, weil nur dieser Raum geheizt
werden konnte. Um den alten weißen Herd anzustochen, der dann im Nu so wohlige Wärme
verbreitete, brauchte sie besonderes Material. Und da ich schon sechs Jahre alt war,
betraute meine Mutter mich mit einer Aufgabe.
Sie rief mir zu: ,,lch hab' keineKrollen mehr'!
,Krollen" ist Weezer Dialekt und heißt ,,Locken" - gemeint sind Hobelspäne.
lch wusste, was dieser Ruf bedeutete.
Schon holte sie den ollen Sack hervor, mit dem sie mich in die nahegelegene
Schreinerel schickte. Den lnhaber kannte sie schon aus ihrer Kinderzeit. ln dem
Betrieb duftete es herrlich. lch liebte diesen herben harzigen Geruch, obwohl ich
nicht gerne mit dem verschlissenen Sack loszog. Aber mein Vater machte aus allem
ein Spiel. Er blieb oben am Treppenabsatz stehen und sagte; ,Mal sehen, ob Du
diesmal auch so schnell bist wie zuletzt", und dazu nahm er unseren abgegriffenen
Wecker in die Hand. Oder er empfing mich bei meiner Rückkehr mit meiner Mütze
auf dem Kopf. Manchmal malte er sich einen Schnurrbart aus Ruß und schnitt
Grimassen, wenn ich wieder erschien. lmmer ließ er sich etwas einfallen. Er spürte,
dass mir der Gang überhaupt keine Freude machte.
lch war acht Jahre alt und stand schon wieder in der Schreinerei. An diesem Tag
blieb ich ganz ruhig an der Tür stehen. Die vier Männer dort guckten erstaunt. lch
verhielt mich still und war entsetzt, weil ich auf einmal merkte ,,lch stehe hier als
Bettlerin". Zuhause erzählte ich sofort von meiner Not. Und meine wunderbare und
so praktisch veranlagte Mutter wusste sofort eine Lösung. Sie nahm vier lose
Zigaretten aus der Gold-Dollar-Dose meines Vaters und schickte mich erneut los.
Freudestrahlend kam ich wieder heim.
in Zukunft machten wir das jedes Mal so, und ich war zufrieden.
Alles war gut.
Rita

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren