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Das "Wunder" von Wolfkirchen

Das "Wunder" von Wolfkirchen

16.02.2014, 05:23 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Heute ist Sonntag und ich habe euch eine Geschichte versprochen. Bevor ich Morgen mit einer neuen Fortsetzungsgeschichte beginne, will ich jetzt eine Kurzgeschichte hier einstellen.
Ich bin in einem bayrischen Marktflecken geboren, habe die ersten Jahre hier verbrachte und bin nun vor zehn Jahren wieder hierher zurück gekommen.
Der Kreis schließt sich, an dem Ort, an dem ich eine schöne Kindheit verbrachte habe, möchte ich auch das letzte Drittel meines Lebens verbringen.
In Bayern gibt es ja die Bittprozessionen, bei einem Gang durch die Fluren wird um gutes Wetter für die Ernte und auch um Schutz vor Naturkatastrophen gebetet.
Davon handelt meine Geschichte und meine beste Freundin, die meine Geschichten immer als Erste testen darf, nannte sie: Eine kleine bayrische Lausbubengeschichte.

Das "Wunder" von Wolfkirchen

Seufzend legt Pfarrer Berger den Füller beiseite und rollt etwas mit den Schultern, um die Verspannung zu lockern.
Er ist froh, wenn seine Sekretärin Frau Pfanner wieder aus dem Urlaub zurück kommt.
Ein Blick auf die Standuhr zeigt ihm, dass es bereits nach 22 Uhr ist und am besten geht er jetzt gleich zu Bett, denn Morgen früh um 4 Uhr kommt die Bittprozession aus Gerlodbach und er muss die Hl. Messe lesen.Erschrocken zuckt er zusammenEr muss ja den Computer für die Glocken auf vier Uhr programmieren.Er kennt sich mit diesem vermaledeiten Ding doch überhaupt nicht aus, als er jung war gab es weder Handys noch Computer.Seine Sekretärin hatte ihm zwar, bevor sie in Urlaub fuhr alles noch einmal erklärt, aber verstanden hatte er so gut wie nichts.
„Es ist ganz leicht, nur ein Knopfdruck und die Glocken beginnen um die eingegebene Zeit zu läuten,“ meinte Frau Pfanner und hat aufmunternd gelächelt.
Der Pfarrer verlässt sein Arbeitszimmer und geht hinüber in die Kirche.
In der Sakristei steht der kleine schwarze Kasten, in dem das Wunderwerk der Technik verborgen ist.
Früher hatten die Ministranten mit einem langen Strang die schweren Kirchenglocken in Bewegung gebracht und hatten einen Riesenspaß, wenn sie mit dem schwankenden Seil durch den Raum flogen.
Doch als sich letztes Jahr der Sohn des Bürgermeisters bei dem Gerangel den Fuß gebrochen hat, hat sein Vater bei der Gemeinde die sehr teure Anschaffung einer computergesteuerten Anlage für die Glocken, durchgesetzt.
Pfarrer Berger hat nun den Computer eingeschaltet. Das eben noch schwarze Bild leuchtet grell weiß auf .Verwirrt sieht der alte Mann auf die vielen Knöpfe.
„Nur ein Knopfdruck, dass ich nicht lache,“ murmelt er verbittert. Wenn er nur wüsste welchen.
Vorsichtig drückt er, ein schrilles Geräusch ertönt und hastig fährt er mit der Hand über einige Knöpfe.
Stille! Der Bildschirm wird schwarz. Wütend knallt er den Deckel zu. Was nun?
Er verlässt die Sakristei und hastet die Dorfstraße hinunter.
Etwas atemlos betritt er die Dorfkneipe und wird mit großen Hallo begrüßt. Der Bürgermeister winkt ihn an seinen Tisch. Der Pfarrer begrüßt die Männer und lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Der Wirt stellt ihm grinsend ein Glas Bier hin.
„Herr Pfarrer sollten sie denn nicht im Bett sein, morgen kommen die Pilger doch schon ganz früh aus Gerlodbach.“
Pfarrer Berger nimmt einen tiefen Schluck Bier und wischt sich über den Mund. „Wer kennt sich von euch mit einem Computer aus.“ Achselzucken ringsum!
Der alte Wildgruber, der größte Bauer im Dorf knurrt:
„Mein Sohn plagt mich schon dauernd, dass ich so ein Ding anschaffe. Ohne Computer könne man heutzutage keine Landwirtschaft mehr führen.“
Er schlägt wütend mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser hüpfen.
„Solange ich noch nicht übergeben habe, kommt mir so ein neumodischer Kram nicht ins Haus.“
Hilfesuchend sendet der Pfarrer einen Blick zum Lehrer, doch auch dieser schüttelt den Kopf.
„Ich gehe nächstes Jahr in Pension und habe keine Lust mich noch mit dieser neuen Technik auseinanderzusetzen.“
Ein listiger Blick fliegt zum Bürgermeister.
„Was ist mit dir, Franz, schließlich hast du dem Herrn Pfarrer ja das ganze eingebrockt und dein Sohn besitzt ja auch das allerneueste Handy.
Jedenfalls stört er den Unterricht mit dem Ding, an dem er ständig herum fummelt.“
Dieser zuckt verlegen mit den Schultern.
„Mein Bub kennt sich aus, aber ich nicht. Dann muss es eben mal ohne Glocken gehen.“
Der Pfarrer nickt, trinkt sein Glas aus und verlässt die Kneipe.
Schweißgebadet wacht er am nächsten Morgen auf. Er hatte einen fürchterlichen Traum.
Viele Glocken, mit großen aufgerissenen Mündern zu einem stummen Schrei, verfolgten ihn.
Er schüttelt sich.
Schon seltsam was einem das Unterbewusstsein träumen lässt.
Nach einer eiskalten Dusche ist sein Kopf wieder klar.
Als er in die Sakristei tritt schlüpft er in das grün goldene Messgewand, dass der alte Mesner bereit gelegt hat, wirft noch einen finsteren Blick auf den stummen Computer und geht in die Kirche.
Beide Portale sind einladend geöffnet und Pfarrer Braun gesellt sich zu seinem Mesner, der wartend vor der Kirche steht.
„Es ist schon schade, dass ich das mit dem Computer vermasselt habe und die Pilger nicht mit Glockenklang begrüßt werden.“
„Pah!“ schnaubt der alte Mesner, „ das kommt nur von dem neumodischen Kram, den der Bürgermeister sich da eingebildet hat.“ „ Naja, nachdem sein Bub sich den Fuß gebrochen hat.“
„Weil ein wilder Lackel ist und nur Faxen gemacht hat, selber Schuld. Und dann gleich den ganzen Strang abzubauen, wäre er noch dran, könnte ich jetzt die Glocken läuten,“ brummt der Mesner.
„Geh Seppl, du hast doch gar nicht mehr die Kraft dazu.“ Die beiden alten Herren sehen sich an und grinsen.
Murmeln ist zu hören und die Pilger kommen langsam die Dorfstraße herunter.
Voran der Fahnenträger, dahinter die Männer, denen die Frauen folgen und am Ende ein paar Kinder.
Die Mädchen brav die Hände gefaltet und betend und dahinter einige Buben auch auffallend ruhig.
Unterwegs hat es nämlich einen Zwischenfall gegeben.
Die Buben alles anders als andächtig, sind sie doch nur mitgegangen weil sie dann nicht zur Schule müssen, haben die Mädels immer wieder geärgert.
Sie haben sie an den Zöpfen gezogen, ihnen die Schürzenbänder aufgezogen und allerlei Unsinn getrieben. Plötzlich stoppte die Prozession.
Der Fahnenträger, der baumlange Karl , Knecht beim Bauern Hinterhuber, hat seine Fahne in den Boden gerammt und ist mit langen Schritten nach hinten gestapft.
Dort hat er die Buben bei den Ohren gepackt und ihre Köpfe zusammen gestoßen und ihnen eine ordentliche Standpauke gehalten. Die Mädchen kicherten und die Erwachsen nickten zustimmend.
Dann war der Karl wieder nach vorne gegangen, hatte die Fahne aus dem Boden gezogen und es ging wieder weiter. Die Buben verhielten sich nun auffallend still.
Nur Xaver und Pauli stießen sich immer wieder feixend an, doch wenn die alte Wimmer Anna strafend nach hinten schaute, machten die Schlingel unschuldige andächtige Gesichter.
Nun haben die Betenden die Kirche erreicht.
Karl lehnt die Fahne an die Mauer und betritt als Erster die Kirche. Die anderen folgen und verteilen sich auf die Bänke. Xaver und Pauli aber schlüpfen in die allerletzte Bank und Pauli zieht ein Päckchen Karten heraus und sie spielen Mau Mau.
Pfarrer Berger begrüßt die Pilger und erzählt ihnen in launigen Worten von seinem Missgeschick mit dem Computer.
Paul und Xaver sehen sich an und beide denken dasselbe und als der Mesner die ersten Akkorde auf der Orgel ertönen lässt, schlüpfen die Beiden leise aus der Kirche. Wenig später stehen sie in der Sakristei vor dem Computer. „Denkst du, du kriegst das hin?“ fragt Pauli.
„Klar doch, das Ding ist echt cool!“
Xaver nicht der beste in der Schule aber ein Genie auf dem Computer, drückt nun einige Knöpfe und bald verschwindet das düstere Schwarz und der Bildschirm leuchtet wieder.
Mit flinken Fingern fährt der Junge über die Tasten und meint zufrieden. „Alles wieder in Ordnung. Wie spät ist es?“ „4 Uhr 25, aber stelle die Glocken etwas später ein, dass wir wieder in der Kirche sind. Vielleicht glaubt der Pfarrer dann, es ist ein Wunder geschehen.“
Die beiden grinsen und wenig später sitzen sie wieder in der hintersten Bank und verfolgen mit unschuldigen Gesichtern den Ablauf der Messe.
Der Pfarrer hat gerade den Segen gesprochen, da beginnen die Glocken voll und tönend zu läuten.
Ein Lächeln überzieht Pfarrer Bergers Gesicht.
„Man könnte fast an ein Wunder glauben, sie tönen wieder, wenn auch mit Verspätung.“
In der hintersten Bank heben Pauli und Xaver die Hand und schlagen feixend ab.

Nun wünsche ich euch einen schönen Sonntag. Wisst ihr ich liebe den Klang der Glocken und für mich gehören sie zum Sonntag. Morgen gib es dann wieder eine längere Geschichte.


www.pixelio.de Wolfgang Dirscherl

6 Kommentare

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Liebe Lore

eine schöne Geschichte, zum schmunzeln...
  • 19.02.2014, 13:58 Uhr
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Ich danke euch allen für diese netten Worte zu meiner Geschichte.
Es macht einfach Spaß für euch zu schreiben.
  • 17.02.2014, 04:20 Uhr
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Sehr schön....
  • 16.02.2014, 12:56 Uhr
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Eine "schöne" Geschichte - und kann so wahr sein -
wir haben sicher alle schon mal vor dem PC gesessen
und der hat nicht das getan, was wir wollten. Aber die
Jugend kennt sich damit aus, zum Glück für uns.
Schönen Sonntag noch. Lieben Gruß - Karin
  • 16.02.2014, 10:30 Uhr
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Guten Morgen Lore,
danke für diese schöne Geschichte und ich denke, es gibt bestimmt viele SBler hier, die als Ministranten ein Lausbubenstück "gedreht" haben.
Auch mir geht es immer mal wieder so, dass die "Kiste" macht was sie will. Wenn ein Fenster erschein und da steht: Die Seite kann nicht geöffnet werden oder ungültiger Zugang - na dann - und da fällt mir eine Karikatur dazu ein:
Ein Männlein steht auf dem Stuhl und hält den Revolver an die Scheibe und sagt: O.k. du machst jetzt genau das, was ich sage
Schönen Sonntag auch für Dich, liebe Grüße
Roswitha
  • 16.02.2014, 10:18 Uhr
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Liebe Lore. Eine richtige "Sonntags-Geschichte" hast Du uns heute vorbereitet.
Nicht nur der Herr Pfarrer hat seine liebe Not mit dem Computer. Ich denke, manchmal sitzt doch jeder von uns hilflos vor diesem "Kasten"
Dir noch einen gemütlichen Sonntag.
  • 16.02.2014, 06:23 Uhr
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