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Der Mathelehrer - Kurzgeschichte

Der Mathelehrer - Kurzgeschichte

16.02.2014, 12:02 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Dr. Birgit Sauter war als Urlaubsvertretung für den Landarzt Dr. B. eingesprungen, der sich drei Wochen Urlaub in seiner Finca auf Mallorca gönnte. Die Helferin holte gerade den letzten Patienten aus dem Wartezimmer. Jetzt war der Ansturm des Tages vorüber und Dr. Sauer konnte sich etwas mehr Zeit nehmen.

Ihr gegenüber hatte eine Frau in ihrem Alter Platz genommen, die ihr vage bekannt vorkam. Sie war klein und zierlich und wirkte trotz ihrer 50 Jahre irgendwie schüchtern und mädchenhaft. Die Patientin bat zunächst um ein Rezept für ihren Ehemann. Er litt ab und zu an Schmerzen im Kniegelenk und Dr. B. hatte ihm ein spezielles Schmerzmittel verschrieben. Aber es gab da noch ein neues und besseres Medikament, allerdings musste man Wechselwirkungen mit Alkohol beachten. Sie guckte die Patientin forschend an: „Wenn Ihr Mann auf sein Glas Bier oder Wein nicht verzichten möchte, ist er mit seinen bisherigen Tabletten besser dran.“ Frau P. versicherte der Ärztin, ihr Mann habe sich immer im Griff und sie solle doch bitte das neue und wirksamere Medikament aufschreiben.

Um das Rezept auszustellen, guckte Frau Dr. Sauter auf den Monitor ihres Computers. Karteikarten gab es nicht mehr, alles wurde über Dateien im Computer abgewickelt. „Wie heißt Ihr Mann mit Vornamen?“ „Dieter, Dieter Passuth heißt er.“ Die Ärztin stutzte. 59 Jahre alt, stand auf dem Bildschirm, Mathematiklehrer an einer Regionalschule.

Deshalb kam ihr die Frau irgendwie bekannt vor. Das war Claudia Heimers, jetzt Claudia Passuth. Vor 30 Jahren in der letzten Klasse der Realschule. Alle Mädchen der Klasse hatten damals von dem gutaussehenden jungen Mathematiklehrer geschwärmt. Die Mädchen waren 15, er war 26 und es war seine erste Anstellung nach dem Studium als Lehrer. Wer im Abschlusszeugnis der Realschule damals in den Hauptfächern ein „sehr gut“ hatte, konnte auf das Gymnasium überwechseln. Birgit war eine sehr gute Schülerin, aber der Mathematiklehrer sah das offenbar anders. Wenn sie sich meldete, nahm er sie nicht dran und irgendwann verlor sie die Freude an dem Fach. Eine Drei Minus war die Quittung. Damit konnte sie nicht auf das Gymnasium überwechseln und musste später ihr Abitur auf dem harten und mühsamen zweiten Bildungsweg nachholen. Insgesamt 6 Jahre hatte sie dadurch verloren. Späteres Abitur, späterer Beginn des Studiums, späterer Eintritt in den Beruf einer Ärztin.

Und dann war da noch dieses Mädchen in der letzten Realschulklasse. Zart, engelhaft, hellblondes Haar, blaue Augen. Sie war keine große Leuchte in Mathematik, aber der Lehrer war von ihr sehr angetan und förderte sie, wo er nur konnte. Er bevorzugte das Mädchen, obwohl es eindeutig schlechte Leistungen zeigte. Aber das Mädchen war offenbar sein Typ, während Birgit nur der pickelige und leicht pummelige Mädchentyp war. Inzwischen hatte sie sich verändert, durch konsequente gesunde Ernährung war die Akne verschwunden und sie wirkte heute schlanker als damals. Außerdem hatte sie ihren Mädchennamen längst abgelegt und die Frau ihr gegenüber schien sie nicht zu erkennen. Die Ärztin bemerkte zahlreiche Falten um die Augen ihrer Patientin, tief eingegrabene Nase-Mundfalten und traurig hängende Mundwinkel.

Die Helferin steckte den Kopf in die Tür und fragte, ob sie noch gebraucht würde. „Nein, gehen Sie ruhig schon nach Hause, ich brauche Sie nicht mehr!“. Jetzt war sie mit ihrer Patientin allein.

Claudia P. klagte über Depressionen. Von der Ärztin ermuntert, erzählte sie von ihrer ausweglosen Ehesituation. Aber damals, da war es von beiden Seiten die große Liebe. „Damals?“ fragte die Ärztin. Ja, damals, meinte die Patientin, in der letzten Klasse, da war er ihr Lehrer. Es war Liebe damals. Von beiden Seiten. Er gab ihr Nachhilfestunden bei sich zu Hause und sie landeten im Bett. Über die "Nachhilfestunden" durfte sie in der Schule und zu Hause nicht sprechen. „Das ist unser Geheimnis“, hatte er ihr eingeschärft. Aber irgendwann kamen ihre Eltern doch dahinter. Ihr Vater tobte, sprach von „Verführung Minderjähriger“ und drohte dem Lehrer mit Anzeige. Der stritt erst alles ab, dann gab er es zu und versprach, das Mädchen nach ihrem 18. Geburtstag zu heiraten.

Und so geschah es. Sie heiratete mit 18 ihren Ex-Lehrer. Die Eltern waren zufrieden. Ein Skandal war verhindert worden. Sie gab ihre Berufsausbildung als Technische Zeichnerin auf und wurde Hausfrau. Die Ehe nur kurz glücklich, dann entwickelte ihr Ehemann seltsame Vorlieben. Er bestellte für sie Teenie-Mode für Mädchen im Versandhaus, später im Internet. Sie musste sich zu Hause wie eine Zehnjährige anziehen, mit albernen Kleinmädchenkleidchen, flachen Ballerinaschuhen und kitschigen rosa Schleifen im Haar.
Ihr Mann warf ihr ständig ihr Alter vor, kontrollierte ihr Gewicht auf der Waage und wenn sie ein Kilo zugenommen hatte, musste sie so lange fasten und Sport treiben, bis sie wieder in die Kindergröße 34/36 passte. Ob er sie noch liebt? Nein, da war sie sich sicher. Und dann tauchten nachmittags Nachhilfeschülerinnen auf. Manchmal hatte sie an der Tür zu seinem Arbeitszimmer gelauscht und ihre Vermutung wurde bestätigt. Es handelte sich um Nachhilfe der sexuellen Art.

Die Ärztin tröstete Frau P. und sagte, man bildet sich oft etwas ein, was mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun hat. Man deutet Anzeigen falsch und tut jemand damit Unrecht. Die Patientin schien sich an diesen Rettungsanker zu klammern. Frau Dr. Sauter gab ihr für die Nerven ein Ärztemuster 50 Kapseln Baldrian forte „rein pflanzlich“ mit. Die Patientin steckte auch das Rezept gegen die Knieschmerzen ihres Mannes ein und verabschiedete sich.

Es war Herbst geworden, die Bäume hatten sich gelb und rot gefärbt und morgens lag manchmal Raureif wie weiße Zuckerstreusel über den Wiesen. Die Urlaubsvertretung für Dr. B. war längst vorüber und Frau Dr. Sauter machte diesmal Vertretungsdienste in einem Krankenhaus. Als sie eines Tages müde nach Hause kam, klingelte das Telefon. Dr. B. war dran und hörte sich leicht beleidigt an. Wieso sie nicht bei seiner Verordnung geblieben sei und seinem Patienten Dieter P. das neue Mittel gegen die Knieschmerzen aufgeschrieben hätte? Das sei nämlich schief gegangen. Die Ehefrau hätte ihrem Mann die Tabletten immer am späten Nachmittag zusammen mit einem doppelten Wodka serviert. „Mit einem doppelten Wodka?“ fragte Frau Dr. Sauter verblüfft. Und dabei hatte sie doch ausdrücklich vor den gefährlichen Wechselwirkungen mit Alkohol gewarnt. Aber dann kam ihr ein Verdacht. Die unglückliche Ehe, die seltsamen Vorlieben des Ehemannes, die jahrelangen Demütigungen, die kleinen Nachhilfeschülerinnen.. Irgendwann konnte Frau P. es nicht mehr ertragen..

„Ja“, Dr. B. schnaufte. „Die Leute lesen die Beipackzettel nicht. Und was wir als Ärzte ihnen erzählen, da hören sie gar nicht richtig zu!“ Frau Sauter pflichtete ihm bei. B. redete weiter. Der Lehrer war am Abend mit seinem Auto in die Kleinstadt zu einem Elternabend gefahren. Auf der Rückfahrt über dunkle Landstraßen war er vermutlich im Auto eingeschlafen. Sein Fahrzeug war von der Fahrbahn abgekommen, auf einem Acker gelandet, hatte sich mehrfach überschlagen und war auf dem Dach liegen geblieben. Dieter P. war vermutlich bewusstlos und sein Sicherheitsgurt hatte ihn regelrecht stranguliert.

„Tragisch!“, meinte Dr. B. Und der Unfall es wäre vermeidbar gewesen. Frau Dr. Sauter stimmte ihm zu. Die dummen Patienten halten sich einfach nicht daran, was ihre Ärzte sagen. Sie legte auf. Ihre Hände zitterten. So dumm waren sie offenbar doch nicht. Frau Dr. Sauter schenkte sich einen doppelten Wodka ein.

1 Kommentar

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Guten Tag Brigitte, durch deine Supermarktgeschichte bin ich auch auf deine anderen Geschichten gestoßen. Alle sind ungeheuer spannend geschrieben und lesen sich prima. Das unerwartet, überraschende Ende in den drei "Krimis" gefällt mir sehr.
Ich freue mich schon drauf wieder etwas von dir zu lesen.
Eine angenehme Osterwoche wünscht dir Ursula
P.S.: Vielleicht hast du schon die Schreibwerkstatt in der Themenwelt entdeckt. Dort wird immer am Anfang eines Monats ein "Reizwort" ausgewählt, über das die Schreibenden dann Geschichten, Krimis, Gedicht etc. schreiben. Vielleicht hast du ja Lust einmal rein zu schauen u, mitzumachen.
Du findest diese Geschichten unter Kultur + Unterhaltung/Schreibwerkstatt, mir macht die Teilnahme Freude, auch wenn es mir manchmal schwer fällt die Reizwörter in einer guten Geschichte zu verpacken.
  • 30.03.2015, 11:51 Uhr
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