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Die kleine Stadt Teil 3

Die kleine Stadt Teil 3

16.02.2014, 13:26 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die kleine Stadt Teil 3

Unsere Wohnung lag in der alten ehrwürdigen Windmühlenstraße, unweit des Domes.
Das Haus hatte bereits ein paar hundert Jahre auf dem Buckel und stützte sich so wie die anderen Häuser der Straße gegenseitig vor dem Umfallen. Besonders unheimlich war der tief unter der Erde aus Felsgestein gemauerte, dunkle, stets kalte und feuchte, in mehreren Etagen liegende Keller. In die Wände der Kellernischen waren Löcher geschlagen die als Kühlschrank dienten. Im Keller lagerten die Einkellerungskartoffel, bzw. das was von ihnen im Frühjahr trotz Keimstopp noch übriggeblieben war. Genau so unheimlich wirkten auf uns als Kinder die in einem Hinterhaus in langen Regalen stehenden Holzfußnachbildungen, die Leisten der Kunden des Schuhmachers. Nicht gerade zur Begeisterung des Hausbesitzers, eines orthopädischen Schuhmachermeisters, war dieser nach dem Krieg zur Vermietung der leer stehenden Dachräume verpflichtet wurden. Eine kleine Küche, ein Schlafzimmer mit Zimmerhöhe unter 2 m und ein Wohnzimmer mit großen Fenstern in einer Gaube zur Straße bildete die ganze Wohnung für unsere vierköpfige Familie. Durch richterlichen Bescheid wurde dann nach ewigen Streit, noch eine benachbarte nicht beheizbare Kammer von ca. 4 m² der Wohnung zugeordnet und bildete das Kinderzimmer für mich und meine 6 Jahre ältere Schwester. Luxus an der Wohnung war ein angebauter „Sanitärtrakt“, im 1. OG beim Hauswirt noch ein großzügiges Badezimmer, im DG auf ein Klo von ca. 1 m²verjüngt. Zur Wasserversorgung diente in der Küche ein Wasserhahn mit gusseiserner Ausguss. Das Leben spielte sich in der Küche ab, hier wurde gekocht, gegessen, gebadet und Schularbeiten gemacht. Insbesondere das Baden war eine Herausforderung. Das Wasser wurde aus der Röhre eines kohlebeheizten Kochherdes in Schüsseln geschöpft. Die Schüsseln waren in den Esstisch integriert und konnten herausgezogen werden. Wenn die Eltern sich wuschen wurde die Küchentür verrammelt, damit auch ja nicht die Gefahr bestand sich nackt zu sehen.
Zum Wäschewaschen wurde eine große Waschküche auf dem Hof genutzt. Dieses alle paar Wochen notwendige Ritual bereitet besonderen Stress, den ersten waren die Wirtsleute und wir stets uneins zu den Terminen, jeder wollte die sonnigen Tage, zweitens war die ganze Familie eingespannt. Kesselheizen, Wäsche im Kessel stampfen, Laken gemeinsam ausringen, helfen beim Aufhängen machten so manchen Tag kaputt der doch mit herumstromern bedeutend besser verlaufen wäre.
Ein wenig Trost bot da die folgende Mitwirkung in der einige Straßen entfernten Wäschemangel. Eine phantastische riesige Maschine mit großen Holzwalzen, Zahn- und Bedienungsrädern die man emsig drehen konnte.
Die weiteren Vorteile der Dachgeschoßwohnung die weitgehend unter einem flachenTeerdach lag waren Eiseskälte im Winter und Bruthitze im Sommer. Früh waren in der Wohnung die alten klapprigen Holzfenstern im Winter vollständig vereist und Minusgrade in der ganzen Wohnung da der Küchenherd ja keine Wärme hielt. Im Sommer war es nicht zum Aushalten, den das schwarze Teerdach heizte die Wohnung auf über 40 C° auf. Um Heizung zu sparen wurde der im Wohnzimmer befindliche Kachelofen nur an besonderen Feiertagen und bei extremer Kälte geheizt. So gelang es zu mindestens auch in den nichtheizbaren Schaf- und Kinderzimmer über Null Grad zu bleiben. Jedoch auch im Sommer war das Wohnzimmer das sogenannte Gute Zimmer. Erst als dort Ende der 60er Jahre der erste Fernseher stand wurde auch mal abends in dem Zimmer gesessen.

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3 Kommentare

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Hallo Werner, wie immer hab ich Deine Geschichten mit einem Schmunzeln gelesen. Du in Berlin und ich in einem kleinen Dorf im Sauerland und doch unterscheidet uns kaum etwas, was den Tages- und Wochenablauf betrifft. Ausser, das wir im Sommer vor Hitze, durch die dicken Mauern unseres 100 Jahre alten Hauses, geschützt waren. Die Winter sind ähnlich gewesen. Eisekalt im Schlafzimmer und Flur, nur die Wohnküche geheizt. Trotzdem eine schöne Kindheit.

Wir wohnten direkt neben der Kirche und mussten jeden Morgen und natürlich auch am Sonntag zur hl. Messe. Wehe nicht, dann hatte ich gleich schlechte Karten im Religionsunterricht. Einmal bekam ich das Gesangbuch ins Gesicht, weil ich es gewagt hatte, mich nach hinten umzuschauen. Ab meinem 2. Schuljahr war Schlagen verboten, doch es hielten sich nicht alle daran. Beschwerde zu Hause war nicht angebracht. So nach dem Motto, jeder bekommt, das, was er verdient. Gehorsam war doch immer erste Bürgerpflicht.
Ist heute, GsD, nicht mehr so. LG
  • 08.05.2014, 11:45 Uhr
Danke Linda, ja ich glaube wir lebten in einer Übergangszeit, die alten schlagenden Dogmatiker waren noch nicht ausgestorben, junge liberale Religonslehrer hatten es noch schwer. Kaum vorstellbar auch das bis Ende der 60 er Jahre Frauen in der alten BRD nur mit Erlaubnis des Mannes ein Konto eröffnen bzw. Arbeiten konnten.Und übernachten im Hotel, das war auch in der DDR so , nur für Ehepaare. Hat sich so manches grundsätzlich geändert in unserer Generation was seit Jahrhunderten erstarrt war.
LG Werner
  • 08.05.2014, 16:02 Uhr
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Danke für die Geschichte man kann es direkt nachempfinden.
  • 16.02.2014, 18:02 Uhr
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