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Die kleine Stadt Teil 4

Die kleine Stadt Teil 4

18.02.2014, 12:16 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die kleine Stadt Teil 4

Bereits am sehr frühen Morgen spuckten die grauen verwinkelten Häuser die ersten Menschen in die Straßen und Gassen. Deren Ziel war der große in der Unterstadt liegende Hauptbahnhof den bereits die ersten mit Dampflokomotiven gezogenen Zubringerzüge aus Richtung Freyburg / Unstrut und Zeitz erreicht hatten. Diese schon schwer überschaubaren Menschenmassen mischten sich nun mit den Naumburger LEUNA-Pelzern, die zu Fuß, per Fahrrad oder mit der geliebten Ille, der von uns Kindern auch Groschenhexe genannten betagten Straßenbahn, den Bahnhof erreichten. Einsteigen, Türen schließen, zurückbleiben so ballerten die Lautsprecher die Menschen an und schon setzten sich die LEUNA –Züge mit nun tausenden Menschen randvoll überfüllt in Bewegung. Der gleiche Rhythmus, zeitversetzt zu den Arbeitszeiten der Tagschichten, Früh- Mittags- und Nachtschichten der riesigen Chemiefabriken LEUNA und BUNA prägte nun den ganzen Tag. Als die BUNA Werker Anfang des 19 ten Jahrhunderts gebaut wurden holte man dazu viele Arbeitskräfte aus der Pfalz. Aus Pfälzer wurde dann verballhornt schnell Pelzer und das zur Bezeichnung für alle Arbeiter in dem riesigen Chemierevier bei Halle die Tag für Tag aus bis zu 50 Kilometer Entfernung herangefahren wurden.

Und dann begann das ganz normale Leben in der Stadt. Durch die Enge der Straße und Gassen auch von jedem im Detail verfolgbar. Kindergeschrei im Nachbarhaus, Streit ums Geld gegenüber, Kaffeduft aus dem ersten Stock. Ein wenig Abwechslung bot sich nur wenn nachts mal wieder eine Katze oder aus gleichen Grund das Fräulein Meier von gegenüber um ihr Leben schrie.

Wohltuend dann das Klappern der Rollläden der dutzend kleinen Geschäfte im Quartier. Der Tag begann, die Bäcker öffnen ihre Ladentüren und der Duft des frisch gebackenen Brotes lag in der ganzen Straße. Ganz Naumburg war mit Bäckern, Gemüseläden, Milchläden, Fleischereien und Gasstätten eng durchrastet. In und in unmittelbarer Nähe der Windmühlenstraße gab es 4 Bäckereien. Und jeder davon hatte für uns Kindern ein besonderes ein Groschen-Angebot. Mohnschnecken und Streuseltaler der eine, Randstücken von Kuchenblechen der zweite, Speckkuchen der dritte und Zuckergebäck der Vierte. Selbst diese Groschen waren zu Hause bei der ständig klammen Kasse der Eltern nicht zu bekommen. Also zogen wir als Truppe mit einem Handwagen von Haus zu Haus und sammelten Flaschen, Gläser und Papier, und teilten redlich den Erlös. Zu dem uns am nächsten liegenden Bäcker Schmidt wurden auch die großen, zuhause angefertigten Blechkuchen und Stollen zum Backen getragen. Schon auf dem Hinweg war die Versuchung groß von den noch nicht gebackenen Streuseln zu naschen und die Lücken wieder zurechtzurücken. Noch viel größer war der Appetit beim Abholen der Bleche, hier war die Missetat jedoch leicht zu erkennen. Ein Zielpunkt unserer Kinderbegierde war auch der Lebensmittel- bzw. Gemischtwarenladen an der Ecke Seilergasse, gleich gegenüber unserer Uta-Schule. Da standen diese großen bunten Gläser mit Bonbons und auch Tütchen mit Brausepulver waren bereits für Pfennige zu haben.
Weitgehend Aufgabe der Kinder war es mit der Milchkanne los zu ziehen und aus dem Milchladen Milch, Margarine oder Butter zu holen. Für die Butter brauchte man anfangs noch Lebensmittelmarken, Milch war als Mager – und Vollmilch erhältlich und wurde von der Verkäuferin aus großen Milchkannen geschöpft. Eine echte Herausforderung bildete der Wettbewerb zwischen uns Kindern im Milchkannenschleudern. Sieger war wer ohne Milchverlust die gefüllte Milchkanne ohne Deckel möglichst oft im Kreise schleudern konnte. Den Verlierer erwartete zuhause zumeist dann noch eine Tracht Prügel, wenn er mit leerer Kanne oder abgerissen Bügel angeschlichen kam.
Selbst für die Eltern eine Herausforderung war der tägliche Kampf mit unserer stadtbekannten Gemüsefrau. Die herrschte über ein überschaubares Sortiment von Kartoffeln, Weiß-und Rotkrautköpfen, Möhren und Rüben, ein jahreszeitbedingtes Obstangebot und verfügte über die seltene Gabe bereits beim auf die Waage werfen das richtige Gewicht vorauszusehen.
Auch was weg musste wurde einfach ohne langwieriges befragen in den Korb des Käufers geworfen. Einsprüche waren nicht zugelassen oder wurden im wüsten Naumburger Jargon zurückgewiesen. Kleine Unabhängigkeit von diesem immer mal wieder hinter Gittern verschwindenden Verkaufsgenie bildete da nur die eigene Obstbeschaffung. Naumburg war umgeben von Alleen und Obstplantagen mit allen was das Herz begehrt. Für wenig Geld konnte man einen Baum zum Pflücken von Obst mieten bzw. ganz kostenfrei auf den Streuobstwiesen Fallobst von Äpfel und Birnen sammeln. Mein Vater kannte die besten Orte und so fuhren wir mit unseren Fahrädern und Taschen und Körben los und kamen manchmal erst nach vielen Stunden vollbepackt zu Hause an. An jedem Lenker rechts und links zwei Beutel, auf dem Rücken ein Rucksack, der Gepäckträger haushoch bepackt galt es jede Begegnung mit einem Polizisten zu vermeiden, den fahrtüchtig waren diese Drahtesel nur noch sehr bedingt. Während das Fahrradfahren von mir ja noch halbwegs genossen wurde war die dann notwendige Abfallbeseitigung ein echter Scheißjob. Die Hausbesitzer hatten uns die Entsorgung der Schalen in die Müllbehälter strikt untersagt. Sogar verständlich denn die Sammelwut meines Vaters füllte alle Tonnen im Nu bis zum Rand. Also wurde es mein Job mit den Eimern zu einem Nachbarn zu handeln der eine Ziege hatte. Leider gab es neben dieser Ziege auch noch eine Meckerziege als Ehefrau die nur ungern ein wenig Ziegenmilch für meine Futtertransporte rausrückte. Zu mindestens war durch das Einwecken in hunderten von Gläsern die Basis für Apfelkuchen und Apfelkompott fast ganzjährig gegeben.
Durch die stetig schmale Kassenlage der Eltern war die Fettbemme ein wesentlicher Teil der täglichen Ernährung. Dazu wurde Schmer beim Fleischer gekauft, enthäutet und gewürfelt und ausgebrutzelt. Die damit gefüllten Schüsseln langten immer eine Weile. Und bevor wir uns als Bande auf den Weg zum herumstromern machten war die berühmte Bemme auf die Faust wesentliche Wegzehrung. Geburtstage und Festtage waren somit am Essen deutlich zu erkennen, da gab es mal den Kartoffelsalat mit Bockwurst, Krautrolladen, und im Hochgefühl des Schwelgens Kottelet oder Schnitzel.
Nicht zu vergessen natürlich der immer auf den Kochherd stehende Topf mit Muckefuck, dem Malzkaffee. Ein Gemisch aus gemahlenen gerösteten Getreidekörnern, das scheußlich schmeckte und dennoch den Durst hervorragend löschte. Brause aus Brausepulver oder Fassbrause war dann wieder selbst zu finanzierender Höhepunkt durch Flaschen- und Papiersammlung.

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