Urlaub an der Ostsee 1970
Urlaub an der Ostsee 1970Foto-Quelle: Klaus Franke, www.bundesarchiv.de

Trügerisches Gedächtnis - wie wir unsere Erinnerungen schönen

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Eigentlich sollte man meinen, dass wir uns an die Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit auch am besten erinnern können. Doch je älter wir werden, desto mehr drängen sich Gedanken an Zeiten auf, die viel weiter zurück liegen. Das liegt vor allem daran, dass das Gedächtnis ganz andere Prioritäten setzt. Und es geschieht etwas sehr eigentümliches mit unseren Erinnerungen: sie werden mit der Zeit immer besser.

Manche Ereignisse erscheinen uns im Hier und Jetzt außerordentlich wichtig, doch mit der Zeit schwindet ihre Bedeutung. Die wirklich entscheidenden Momente dagegen prägen sich über lange Zeit ein. Es handelt sich oft um Erfahrungen, die unserem Leben eine andere Wendung gegeben haben: eine neue Liebe, Kinder, der Umzug an einen anderen Ort. Diese Erfahrungen haben eine weitere Gemeinsamkeit: sie sind meist mit starken Emotionen verbunden – im Guten wie im Schlechten. Und das gilt natürlich auch für die traumatischen Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit: Ältere Menschen erinnern sich plötzlich an lange Verdrängtes, obgleich sie gerne vergessen würden. Da kann es hilfreich sein, sich ganz bewusst den angenehmen Erinnerungen zuzuwenden. Denn das ist die gute Nachricht: Erinnerung ist formbar!

Erinnerung ist wie Heimweh

Was wir für gewöhnlich vergessen, sind jene Dinge, die für uns belanglos waren, die uns nicht besonders berührt haben – selbst dann, wenn sie für andere sehr wichtig waren. So kann es passieren, dass Zeugen schon kurz nach einem Unfall deutlich voneinander abweichende Aussagen machen. Oder, dass Geschwister vollkommen unterschiedliche Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit haben.

Erinnerung ist ein wenig wie Heimweh nach einer Zeit, in der man sich geborgen fühlte. Und sie hat viel weniger mit Fakten zu tun, als mit Gefühlen. Das Haus, in dem man geboren wurde, das Wohnzimmer der Großeltern, der Urlaub mit der Familie - es geht letztlich gar nicht darum, wie es wirklich war, sondern wie wir es empfunden haben. Mit der Zeit neigen wir dazu, diese wohligen Gefühle immer mehr zu verklären.

Wir wollen uns an das Schöne erinnern

Frustrationen sind schnell verflogen. Wir wollen die Dinge in guter Erinnerung behalten! Zudem sind unseren Verarbeitungskapazitäten Grenzen gesetzt und unser Alltag ist überfrachtet mit Informationen. Also selektieren wir negative Eindrücke großzügig aus.

Der Urlaub zum Beispiel. Wir neigen dazu, solche Ereignisse schon im Vorfeld zu verklären. Die Vorfreude ist dabei oft größer als die Freude an dem, was wir dann tatsächlich erleben und hinterher bauen wir das Erlebnis – vor Freunden und Verwandten und schließlich vor uns selbst - zu einem ganz besonderen Ereignis aus und schönen es dabei nach allen Regeln der Kunst. Zum Beispiel mit Hilfe von Fotos, die uns und das Urlaubsziel von der Zuckerseite zeigen und so manche unangenehme Erinnerungen „ersetzen“.

Wie „wirklich“ sind Erinnerungen?

Um diese Frage zu beantworten, genügt ein kleiner Perspektivwechsel: Betrachten wir ein Ereignis durch die rosarote Brille eines Verliebten stellt es sich vollkommen anders dar, als wenn wir es mit den Augen eines Depressiven sehen. Unsere Wahrnehmung verändert sich dramatisch je nach Gefühlslage. Sie ist niemals objektiv und deswegen sind auch unsere Erinnerungen subjektiv. Wenn wir reicher an Erfahrung sind, verändert sich unsere Wahrnehmung - wir bewerten vieles anders. Deswegen wandelt sich auch unsere Haltung zu den Dingen, die lange zurück liegen. Nicht nur unsere Erfahrungen wirken sich also auf unser Gedächtnis aus, sondern auch unsere Wahrnehmung macht etwas mit unseren Erfahrungen: es schreibt unsere Erinnerungen um und taucht sie dabei oft in ein versöhnlicheres und milderes Licht.

Literaturtipp: Douwe Draaisma: Die Heimwehfabrik. Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert