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Trügerisches Gedächtnis - wie wir unsere Erinnerungen schönen

Trügerisches Gedächtnis - wie wir unsere Erinnerungen schönen

Christine Kammerer
22.02.2014, 17:02 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Eigentlich sollte man meinen, dass wir uns an die Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit auch am besten erinnern können. Doch je älter wir werden, desto mehr drängen sich Gedanken an Zeiten auf, die viel weiter zurück liegen. Das liegt vor allem daran, dass das Gedächtnis ganz andere Prioritäten setzt. Und es geschieht etwas sehr eigentümliches mit unseren Erinnerungen: sie werden mit der Zeit immer besser.

Manche Ereignisse erscheinen uns im Hier und Jetzt außerordentlich wichtig, doch mit der Zeit schwindet ihre Bedeutung. Die wirklich entscheidenden Momente dagegen prägen sich über lange Zeit ein. Es handelt sich oft um Erfahrungen, die unserem Leben eine andere Wendung gegeben haben: eine neue Liebe, Kinder, der Umzug an einen anderen Ort. Diese Erfahrungen haben eine weitere Gemeinsamkeit: sie sind meist mit starken Emotionen verbunden – im Guten wie im Schlechten. Und das gilt natürlich auch für die traumatischen Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit: Ältere Menschen erinnern sich plötzlich an lange Verdrängtes, obgleich sie gerne vergessen würden. Da kann es hilfreich sein, sich ganz bewusst den angenehmen Erinnerungen zuzuwenden. Denn das ist die gute Nachricht: Erinnerung ist formbar!

Erinnerung ist wie Heimweh

Was wir für gewöhnlich vergessen, sind jene Dinge, die für uns belanglos waren, die uns nicht besonders berührt haben – selbst dann, wenn sie für andere sehr wichtig waren. So kann es passieren, dass Zeugen schon kurz nach einem Unfall deutlich voneinander abweichende Aussagen machen. Oder, dass Geschwister vollkommen unterschiedliche Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit haben.

Erinnerung ist ein wenig wie Heimweh nach einer Zeit, in der man sich geborgen fühlte. Und sie hat viel weniger mit Fakten zu tun, als mit Gefühlen. Das Haus, in dem man geboren wurde, das Wohnzimmer der Großeltern, der Urlaub mit der Familie - es geht letztlich gar nicht darum, wie es wirklich war, sondern wie wir es empfunden haben. Mit der Zeit neigen wir dazu, diese wohligen Gefühle immer mehr zu verklären.

Wir wollen uns an das Schöne erinnern

Frustrationen sind schnell verflogen. Wir wollen die Dinge in guter Erinnerung behalten! Zudem sind unseren Verarbeitungskapazitäten Grenzen gesetzt und unser Alltag ist überfrachtet mit Informationen. Also selektieren wir negative Eindrücke großzügig aus.

Der Urlaub zum Beispiel. Wir neigen dazu, solche Ereignisse schon im Vorfeld zu verklären. Die Vorfreude ist dabei oft größer als die Freude an dem, was wir dann tatsächlich erleben und hinterher bauen wir das Erlebnis – vor Freunden und Verwandten und schließlich vor uns selbst - zu einem ganz besonderen Ereignis aus und schönen es dabei nach allen Regeln der Kunst. Zum Beispiel mit Hilfe von Fotos, die uns und das Urlaubsziel von der Zuckerseite zeigen und so manche unangenehme Erinnerungen „ersetzen“.

Wie „wirklich“ sind Erinnerungen?

Um diese Frage zu beantworten, genügt ein kleiner Perspektivwechsel: Betrachten wir ein Ereignis durch die rosarote Brille eines Verliebten stellt es sich vollkommen anders dar, als wenn wir es mit den Augen eines Depressiven sehen. Unsere Wahrnehmung verändert sich dramatisch je nach Gefühlslage. Sie ist niemals objektiv und deswegen sind auch unsere Erinnerungen subjektiv. Wenn wir reicher an Erfahrung sind, verändert sich unsere Wahrnehmung - wir bewerten vieles anders. Deswegen wandelt sich auch unsere Haltung zu den Dingen, die lange zurück liegen. Nicht nur unsere Erfahrungen wirken sich also auf unser Gedächtnis aus, sondern auch unsere Wahrnehmung macht etwas mit unseren Erfahrungen: es schreibt unsere Erinnerungen um und taucht sie dabei oft in ein versöhnlicheres und milderes Licht.

Literaturtipp: Douwe Draaisma: Die Heimwehfabrik. Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert

7 Kommentare

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Einen Satz habe ich selber so im Vorwort unserer Familiengeschichte geschrieben. Ich hatte meine 4 Geschwister aufgefordert von ihrer Kindheit zu erzählen. Während drei ähnliche Erinnerungen hatten, mit Freud und Kummer, hatte eine Schwester nur schöne Erinnerungen. Persönlich bin ich aber dabei selber gewisse Erinnerungen zwar nicht zu verschönern, aber sie ganz einfach vergessen.
  • 22.02.2014, 20:55 Uhr
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im letzten jahr habe ich leute getroffen , die ich dreissig jahre nicht gesehen hatte , verschiedene , zu zwei anlässen ! wir haben über die gleichen dinge gesprochen und ich war völlig von den socken über die verschiedenen arten des erlebens und des erinnerns ! 3 verschiedene leute und eigentlich 3 verschiedene geschichten ! da ich nicht glauben kann , das meine wahrheit die ultimative ist , denke ich jetzt oft , wenn ich über was aus der vergangenheit nachdenke : wie war das wohl wirklich ? eine freundin von mir erzählt mir immer , was sie alles getan hat , als ihre mutter krank wurde und ich weiss , das ich dachte : mein gott sie könnte sich wirklich ein bisschen mehr kümmern ! ich glaube , manche sachen sieht man gleich nicht objektiv und andere schönt man sich im nachhinein , weil man damit besser leben kann ! also ist mein leben am ende sicher ein grosses stück meine geschichte , meine erfindung !
  • 21.02.2014, 10:32 Uhr
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Ehrlich gesagt, "schöne" ich meine Erinnerungen nicht, ich weiss gar nicht wie das geht ! Meine Erinnerungen kommen immer wieder in Träumen vor, und nur DAS ist schön...
  • 21.02.2014, 10:29 Uhr
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Ein Leben bestimmt die Zeit,von der Geburt bis zum Absterben.Mitbestimmend
ist dabei die politische Leitung des Landes in dem ich lebe,sowie mein dazutun
wie ich leben will.Hier sind in einem friedlichen Land die Möglichkeiten sehr
groß viele schöne Erinnerungen des Lebens zu haben.
  • 21.02.2014, 10:12 Uhr
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...Nachtrag...
Wem kommt das wohl zu Gute, wenn man den Menschen einreden will, dass ihr Gedächtnis trügerisch ist?
  • 21.02.2014, 10:06 Uhr
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Nicht nur wir, viel schlimmer ist, dass Mensche mit Verantwortung ihre Geschichte erfinden wenn sie Rechenschaft ablegen müssen.
Ich habe einen guten Leitfaden für meine Geschichte, Tagebuch schreiben...
  • 21.02.2014, 10:01 Uhr
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Mein Leben muss ich nicht erfinden, und auch nicht verschönern, ich muss es leben, und ich muss den Rucksack meines Lebens mit mir rumtragen. Wichtig ist nur, daß ich ihn ab und an mal wieder sortiere, damit alles wieder am richtigen Platz liegt. Was mich immer so gewundert hat, daß z.B. meine Mutter (nicht nur sie) in ihrer Erinnerung genau wusste, daß ich schon mit neun Monaten sauber war, und warum ich das mit meinen Kindern nicht hinbekomme. Dabei hat sie vergessen, daß man wegen der noch nicht vorhandenen Windeln der Neuzeit seine Kinder ab dem Alter wo sie sitzen konnten auf den Topf gesetzt hat zu den Zeiten wo sie dann mal mussten. Das war nicht sauber, das war nur Vorsorge, und für die Kleinen bestimmt nicht lustig. Aber in der Erinnerung der alten Damen in der Familie was das einfach so gewesen.
  • 21.02.2014, 10:00 Uhr
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