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Vielleicht Rosen

Vielleicht Rosen

22.02.2014, 19:10 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Arndt fühlte sich wie gelähmt. Aus dem Telefonhörer, den er immer noch in der Hand hielt, tönte ein hohles „Düüd-düüd-düüd“, das ihn gar nicht erreichte.
Fast dreißig Jahre war er täglich nach Hause gekommen, und sie war da. Elli hatte für ihn gekocht, sie hatten gemeinem gegessen und sich dann vor den Fernseher gesetzt. Dreißig Jahre!
Er kannte es gar nicht anders als dass sie immer da war. Abends der Kuss zur Begrüßung, morgens zum Abschied das Streicheln über ihren Po – ein Ritual, das beiden etwas bedeutete, weil sie sich lachend verabschieden konnten. Seit dreißig Jahren.
Nie hatte Arndt auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre ohne sie. Sie war zuverlässig immer da. Wenn er morgens aufbrach in die Schlosserei stand schon immer seine Tasche bereit. Vier belegte Brote, ein Apfel oder eine Orange, eine Flasche Bier. Über dreißig Jahre.
Er hatte das so „mitgenommen“, weil es immer war wie es immer war. Und nun war es plötzlich anders.
Elli war gestürzt und lag mit einem Oberschenkelhalsbruch im „Städtischen“. Der Anruf war sachlich, trotzdem glaubte er erst, er hätte sich verhört.
Ja, es war schon komisch, nach Hause zu kommen und niemand war da. Das hatte er noch nie erlebt. Die Wohnung wirkte dunkler und fast kalt. Und dann klingelte auch schon das Telefon, bevor er auch nur seinen Mantel ausziehen konnte.
Und immer noch glaubte er der Stimme der Staionsschwester nicht und war sicher, Elli würde gleich in ihrer Kittelschürze aus der Küche kommen. Oder aus dem Schlafzimmer.
Arndt legte den Hörer auf und ging dann durch die Wohnung. Leer das Wohnzimmer, leer die Küche, leer das Schlafzimmer und leer das Schreibzimmer, das früher Kinderzimmer war.
Sämtliche Kraft schien aus ihm gewichen. Arndt war das, was man einen „Bär“ nannte. Schultern wie ein Kleiderschrank, Hände wie Baggerschaufeln, und jetzt doch nur ein ratloses, kleines Häufchen Elend - so stand er eine ganze Zeit im Flur, zunächst unfähig, überhaupt zu denken.
Christine! Er würde Christine fragen. Seine Tochter wusste Rat, davon war er überzeugt.
„Mutti ist im Krankenhaus …“, begann er gleich, als er sie am Telefon hatte, und es schnürte ihm die Brust zusammen. Aber es war auch gut, ihre Stimme zu hören. Er musste sich zwar anfangs regelrecht zusammenreißen, um ihr zuzuhören, aber sie fragte ihn so lange, bis er alles erzählt hatte, was er wusste. Und irgendwie tat ihm das gut.
„Papa, nun mach‘ dir mal keine Sorgen. Im Krankenhaus wissen sie schon, was sie machen müssen, da ist sie gut aufgehoben. Ich ruf‘ gleich nochmal an und rede mit ihnen, und du gehst hin und bringst Mutti ein paar Blumen.“ Am Wochenende wollte sie dann selber kommen; sie wohnte fast 300 Kilometer entfernt.
Es ging ihm besser jetzt nach diesem Gespräch. Aber er musste sich nun auch sputen, um noch vor sechs ins Blumengeschäft zu kommen. Deshalb war er ein wenig atemlos, als er der Floristin gegenüber stand. „Ich brauche einen Strauß für meine Frau im Krankenhaus“, sagte er und deutete dabei auf ein großes Gebinde roter Rosen.
„Fürs Krankenhaus?“, blickte ihn die junge Frau skeptisch an. „Wissen Sie was? Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Diesen Strauß stellen Sie ihrer Frau hin, wenn sie wieder nach Hause kommt. Und fürs Krankenhaus nehmen wir einen kleineren Strauß, ja? Was sind denn die Lieblingsblumen Ihrer Frau?“
Tja, da stand er nun. „Ähhh … eigentlich mag sie alles so. Irgendwie.“
„Nein“, lächelte sie, „fast jede Frau hat ihre eigene Blume, die ihr etwas Besonderes sagt.“
Arndt gniedelte an seinen Fingernägeln und überlegte.
Und überlegte.
„Kann ich mal schnell telefonieren?“ – „Selbstverständlich!“
„Christine, du, sag mal …“, legte danach auf und schmetterte der Floristin fast ein „Veilchen“ entgegen.
„Da hamse Glück“, lächelte sie ihn wieder an, „kleinen Moment“, und ging nach hinten, um nach kurzer Zeit mit einem kleinen, hübsch gebundenen Sträußchen zurück zu kommen.
Arndt war erleichtert und begeistert und rannte dann prompt mit seinem Strauß gegen die Tür, die sich nur nach innen öffnete. Ein verlegenes Lachen und dann raus auf die Straße.
Zuhause legte er die Blumen auf die Flurkommode, dann ging er ins Schlafzimmer, um den dunkelblauen Anzug anzuziehen, in dem Elli ihn immer so stolz anschaute. Wie war das noch mit der Krawatte …?
Dreißig Jahre hatte Elli ihm die Krawatte gebunden, seine eigenen Finger waren einfach zu wurstelig dafür. Und nun stand er da. Aber irgendwie kriegte er den Knoten gebunden – zwar ein wenig schief und unförmig, aber immerhin.
Nun die schwarzen Schuhe an und ein Taxi gerufen
Nervös stand er auf der Straße. Doch der schwarze Wagen ließ nicht lange auf sich warten. Arndt ließ sich in den Sitz plumpsen, „ins Städtische bitte“, und dort angekommen merkte er, dass seine Hände leer waren. 30 Minuten später stand er dann erneut vor dem Portal. Schwitzend. Und so richtig eine Ahnung, wie er den kleinen Blumenstrauß halten sollte, hatte er immer noch nicht.
Seufzend schaute er die Fassade empor, bevor er die Halle betrat und Ellis Zimmernummer im dritten Stock erfragte. Rein in den Fahrstuhl, hochgefahren, und dann stand er da, vor Ellis Zimmertür. Ganz zart klopfte er mit seinen Riesenhänden, wartete und nestelte an seinem Blumenstrauß. Dann erneutes, lauteres Klopfen und ein zweistimmiges „Herein“ darauf.
Drei Betten sah er, zwei davon belegt, und Elli in einem von ihnen. Zaghaft ging er auf sie zu, und seit langem wieder spürte er ihre Augen. Am liebsten wäre er hingelaufen, um sie in den Arm zu nehmen und zu weinen. Aber dies war ja ein Krankenhaus – und dann stand er doch vor ihrem Bett: „Was machst du nur für Sachen?“
Sie lächelte ihn an. „Gut siehst du aus – sind die Blumen für mich?“
Er hatte vergessen, sie aus dem Papier zu nehmen. Verlegen begann er, das jetzt nachzuholen, riss etwas heftig mit seinen großen Händen, und hielt ihr dann die Stiele mit ein paar Blüten dran entgegen.
Sie schien den Tränen nahe. Er ärgerte sich, und ihm war’s peinlich und wollte die Blumen gerade hinter seinem Rücken verstecken, als sie leise sagte: „Bitte lass, Arndt. Das ist der schönste Strauß, den ich je bekommen habe …“

46 Kommentare

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Deine Geschichten gehen über einen kleinen Umweg durch das Herz direkt in die Seele….
  • 26.07.2014, 15:36 Uhr
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Sehr schön geschrieben
  • 24.02.2014, 17:41 Uhr
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wunderschön und klingt irgendwie nach selbsterlebt. Aber Du bist nicht der Schlosser, Robert, oder
  • 23.02.2014, 19:53 Uhr
Nein, Roswitha. Aber ein bisschen ähnlich ist er mir schon ...
  • 23.02.2014, 23:22 Uhr
Hallo Robert, danke für Deine Nachricht - dachte mir sowas....
  • 24.02.2014, 11:53 Uhr
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Eine schöne Geschichte, danke für's Erzählen
  • 23.02.2014, 18:39 Uhr
Danke fürs Zuhören
  • 23.02.2014, 23:28 Uhr
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Schöne Geschichte Robert. Und sie passt zu Dir und dem wirklichen Leben. Hat mich sehr berührt. Dankeschön!
  • 23.02.2014, 08:41 Uhr
wieso, mir hat er gesagt er hat sie abgeschrieben
  • 23.02.2014, 12:14 Uhr
Du hast sie mir nicht zugetraut, und da wollte ich dich einfach nicht beunruhigen
  • 23.02.2014, 12:45 Uhr
DU bist gemein
  • 23.02.2014, 13:07 Uhr
Das hab ich schon öfters gehört, kann mir aber gar nicht vorstellen, wie die alle darauf kommen. Ich bin ja mehr so der typische Keinwässerchentrübenkönner.
  • 23.02.2014, 16:09 Uhr
Ja Robert, das ist es ja gerade
  • 23.02.2014, 16:38 Uhr
Keinwässerchentrüber???????Illusionenräuber trifft eher zu
  • 23.02.2014, 20:57 Uhr
Illusionen kann man ja neu schaffen.
In der Beziehung kann ich zaubern.
  • 23.02.2014, 23:23 Uhr
geraubt ist geraubt, nix mit neu schaffen
  • 23.02.2014, 23:35 Uhr
Naja, besonders wichtig scheinen dir deine Illusionen ja auch nicht gewesen sei, wenn du sie dir so leicht rauben lässt.
Ich gehe jetzt übrigens mit Bedacht nicht auf die näheren Umstände des Verlusts deiner Unschuld ein.
Geht mich ja eigentlich auch nix an.
  • 23.02.2014, 23:43 Uhr
Das sind auch zwei verschiedene Paar Schuh
  • 24.02.2014, 11:49 Uhr
Sie könnten aber beide auf einen labilen Charakter hinweisen *g*
  • 24.02.2014, 12:00 Uhr
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Och ,ist das eine schöne Geschichte....ehrlich, hätte ich Dir nicht zugetraut.
  • 22.02.2014, 21:14 Uhr
Was hättest du mir nicht zugetraut - dass ich einen Text bei Facebook abschreiben kann?
Kann doch jeder!
  • 22.02.2014, 21:22 Uhr
jetzt bin ich enttäuscht
  • 22.02.2014, 21:25 Uhr
ABEND VERSAUT
  • 22.02.2014, 21:25 Uhr
Warum das? Erst hat es dich überrascht und dann enttäuscht?
Bist du sicher, dass du weißt, was du willst? *ichverstehdiefraunmanchmalnich*
  • 22.02.2014, 21:30 Uhr
Robert, sie wollte Dir doch nur sagen, dass das eine schöne Geschichte ist!!! Was ist daran nicht zu verstehen? Tzzzzz
Ich find Deine Geschichte übrigens auch gut, gell!
  • 23.02.2014, 11:51 Uhr
jaaa ich dachte doch nicht das sie abgeschrieben ist, habe gehofft das er es selbst geschrieben hat
  • 23.02.2014, 12:13 Uhr
Hab ich doch verstanden, Connie. Ich fand's nur besser, darüber zu lachen als deswegen zu weinen
  • 23.02.2014, 12:49 Uhr
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hat sie die rosen auch bekommen...? nachher... zuhause...
  • 22.02.2014, 20:48 Uhr
Ich kann's dir nicht sagen. Aber ich denke, sie hat wenigstens mehr bekommen als vorher.
  • 22.02.2014, 21:23 Uhr
ich seh sie lächeln...
  • 22.02.2014, 21:27 Uhr
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umgekehrt selber erlebt, nach 43 Jahren sitzt man allein am Tisch. doch wenn im Frühling die ersten Veilchen blühen, kommt die Erinnerung. Mein Martin pflückte mir immer die ersten Veilchen von der Wiese
  • 22.02.2014, 20:39 Uhr
Komisch, dass eine solche Geste hinterher noch wertvoller erscheint, als sie schon vorher war, nicht? Solche Dinge sind "Reichtum" für mich, Kunigunde.
  • 22.02.2014, 21:24 Uhr
auch für mich Robert, und obwohl es auf der Waage der "Gesten" im Leben auch weniger schöne Dinge gab, ist es wichtig den Guten den Vorrang zu geben (ersetzt den Psychologen )
  • 23.02.2014, 10:40 Uhr
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Hab`ich das nicht schon mal kommentiert?
Gelesen auf jeden Fall.
Also hier mein Kommentar: Anrührend und wunderbar farbig geschildert.
Schreiben kannste!
  • 22.02.2014, 20:08 Uhr
Möglich, Renate. Die Geschichte entstand hier, und ich hatte sie kurz vor meinem *hrrrm* Weggang gelöscht - wie auch die anderen. Nach und nach wirst du also die eine der andere wiedererkennen und ein paar neue dazu.
  • 22.02.2014, 21:27 Uhr
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zauberhaft,lieber robert.und ein kleines wunder, wenn es so viel liebe noch gibt.sehr schön.
  • 22.02.2014, 19:21 Uhr
Manchmal ist es vielleicht nötig, dass einem bewusst gemacht wird, was man hat.
  • 22.02.2014, 19:29 Uhr
so ist es,diese selbstverständlichkeit.
  • 22.02.2014, 19:40 Uhr
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