ICE im Bahnhof
ICE im BahnhofFoto-Quelle: Jorge Royan unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Bahnhof

Beitrag von wize.life-Nutzer

Langsam rollt der ICE in den Bahnhof ein. Es ist gleich Mitternacht und vor dem Fenster tanzen ein paar Flocken, die den einfahrenden Zug begleitet haben. Noch ist es warm und gemütlich auf meinem Platz, doch die freundliche Stimme aus dem Lautsprecher „Bitte alle aussteigen dieser Zug endet hier!“ und die sofort einsetzende Geschäftigkeit der Menschen um mich herum beenden das wohlig warme Gefühl. Obwohl ich doch müde bin kann ich mich nicht im Sitz zurücklehnen, mich einkuscheln und die Augen schließen und so einfach weiter durch die Nacht träumen.

Wie all die Anderen ziehe ich meine warmen Wintermantel über, verpacke mich in Mütze, Schal und Handschuhen , hole meinen kleinen schwarzen Reisekoffer, genau den für kurze Reisen, so für 3 bis 4 Tage aus dem Gepäcknetz und stelle mich in die Reihe der Menschen an die Tür.
Auf dem Bahnsteig weht mit die kalte Luft einer klaren Winternacht entgegen. Oh, wie beneide ich die Menschen, die zielgerichtet davon eilen. Sicher sind sie hier in dieser fremden Stadt zu hause und brauchen nur noch ein paar schnelle Schritte oder ein paar Minuten mit dem Auto dann können sie den Wohnungsschlüssel aus der Tasche ziehen, ihre Tür auf schließen, die Tasche in die Ecke fallen lassen und die dicken Winterstiefel mit den gemütlichen Hausschuhen tauschen.

Angekommen
Ich hingegen werde jetzt die ganze nächste Stunde auf diesem Bahnhof verbringen. Ein Bahnhof so mitten in der Nacht, beleuchtet und kalt. Da hinten ganz in der Ecke, dort sieht es so aus, als ob sogar eine kleine Kaffeebar geöffnet hat. Den Koffer hinter mir herziehend setze ich mich in Bewegung. Vorbei an den geschlossenen Läden des Bahnhofs. Schade, in diesem großen Buchladen könnte ich jetzt bestimmt die gesamte Wartezeit verbringen und in Büchern blättern. Da wäre die Stunde sehr schnell herum-
Vorbei am Blumenladen und der kleinen Boutique mit den netten Geschenkideen.
Mit einem warmen und duftenden Tee suche ich mir einen Platz in der Ecke des Kaffee und Tee Shops und beginne die Menschen um mich herum zu beobachten. Wer sie wohl sind, wo kommen sie her und wo wollen sie hin. Die kleine Tee Bar ist fast voll zu dieser späten Stunde.
Am Tisch mir gegenüber sitzen ein Mann und eine Frau. Sie könnten so alt sein wie ich, vielleicht auch ein paar Jahre jünger. Sie halten sich an den Händen und sehen sich tief in die Augen. Ob sie wohl miteinander unterwegs sind, oder ob sie sich gleich voneinander verabschieden werden, und der Eine in die eine und der Andere in eine andere Richtung davonfahren wird?

Genau am Tisch vor mir sitzt ein junger Mann mit einem riesengroßen Rucksack. Lange Haare, braungebrannt mit einem verwegenen Hut auf dem Kopf sieht er aus, als ob er von einer langen und abenteuerlichen Reise nach Hause kommt. Wo wird er gewesen sein und was wird er alles erlebt haben. Er sieht kein bisschen müde aus, aber ich traue mich einfach nicht zu fragen. Und dann bin ich auch viel zu kaputt für ein langes Gespräch.
Da vorn die ältere feine Dame mit dem kleinen Hund. Sie ist schick, doch wieso reist sie nicht am Tag. Wieso sitzt Sie mitten in der Nacht hier am Bahnhof? Und mit ihr am Tisch die junge Frau mit dem kleinen Kind? Warum sitzen die beiden hier nachts im Bahnhof? Oder gehören die beiden Frauen zusammen? Nein, das kann nicht sein. Während die ältere Frau wie eine richtige Lady aussieht, und ihren schwarzen Tee mit Kondensmilch verfeinert, steht vor der jungen Frau ein großes Glas Cola. Na gut, was sagt das schon? Sie ist leger gekleidet, aber eine längere Zugfahrt mit einem kleinen Kind ist anstrengend. Und dann ist es ja auch schon weit nach Mitternacht. Das Kind liegt in ihren Armen und schmiegt sich an sie. Versunken sehe ich zu den Beiden hinüber.

Erschrocken starre ich den Herrn an, der nachfragt ob am Tisch noch ein Platz frei ist, ja klar. Er setzt sich mit einer großen Tasse Kaffee zu mir, lächelt und beginnt zu erzählen. Gern lausche ich seinen Worten und trinke währenddessen meinen Wintertee. Der Herr erzählt mir dass er zu seinen Kindern unterwegs ist, um dort die Weihnachtstage zu verbringen. Für die Enkelin hat er große Puppe in seiner Reisetasche. Ach ja sie schaut oben heraus. Dann erzählt er mir von seiner kleinen Enkelin und wie stolz er ist, Großvater oder Opa zu sein. Eigentlich sieht er noch gar nicht aus wie ein Opa.
Und ich? Ich fühle mich doch auch nicht wie eine Oma. Aber ich bin so mächtig stolz eine Oma, die Oma zu sein.
Schnell vergehen die nächsten 25 Minuten. Die Menschen um mich herum habe ich gar nicht mehr wahrgenommen, so sehr war ich in unseren Großelternerfahrungsaustausch vertieft.
Nun aber schnell. Nur noch wenige Minuten und mein Zug fährt. Ich verabschiede mich und eile durch die große Halle zum Bahnsteig.
Im vorbeirennen nehme ich einen schlafenden Mann auf einer Bahnhofsbank wahr und mir fährt wieder einmal der Gedanke durch den Kopf. Der Gedanke daran, wie gut es mir geht.

Gleich werde ich in den Zug steigen. Der Regionalexpress ist warm und das gedämpfte Licht macht es sogar ein klein wenig gemütlich. Ich kann mich in meinem Sitz zurücklehnen und vor mich hin träumen. Der Zug rauscht durch die Nacht und bringt mich nach hause.
Auf Wiedersehen Bahnhof der fremden Stadt.

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