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Die letzte Station

Die letzte Station

02.03.2014, 14:46 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Schienen ohne Ausweg


Es ist Nacht. Die Stadt schläft. Nur die Lichter am Bahnhof lassen noch Leben erahnen.
Er sitzt in seiner Wohnung, neben sich eine Flasche Whisky. Er leert das letzte Glas. Er trinkt alleine. Er hat keine wirklichen Freunde. Klar, wenn man in der Gruppe ist, macht er mit, lacht und albert mit, aber er fühlt sich alleine. Bea hat mit ihm Schluss gemacht. Hobi ist ja auch viel interessanter. Der hat zu allem den richtigen Spruch drauf. Immer gut drauf und immer der Anführer, wenn es um Blödsinn machen geht. Er beneidet solche Menschen. Wie machen die das bloß? Warum kann er nicht so sein? Gute Sprüche fallen ihm immer erst viel später ein, wenn er alleine auf seiner Bude ist. Dass Bea überhaupt mit ihm zusammen war, hatte ihn sehr gewundert. An ihm ist doch nichts dran. Er sieht nicht gut aus, er ist nicht lustig und besondere Fähigkeiten hat er auch nicht. Er ist eben ein Langweiler. Ja, er schreibt seine heimlichen Gedanken auf, aber die hat er ihr noch nie preisgegeben. Wer will das schon hören? Traurige Gedanken, hoffnungslose Gedanken.
Er steht auf, leicht torkelnd nimmt er die Jacke vom Haken. Er muss hier raus, die Decke fällt ihm auf den Kopf. Er muss keine Rücksicht nehmen, seine Eltern kriegen sowieso nicht mit, wenn er mitten in der Nacht geht. Reden kann er schon lange nicht mehr mit ihnen. Sie fragen und fragen, wo soll er die ganzen Antworten hernehmen. Warum gibst du dir nicht mehr Mühe? Sie geben ungefragte Ratschläge. Wenn du mal Hausaufgaben machen würdest, hättest du auch bessere Zensuren! Immer dieselbe Leier. Es ist alles nur noch trostlos. Wozu soll er sich denn Mühe geben? Für wen? Für was? Bringt doch eh nichts.
Die Tür fällt ins Schloss. Ein rauher Wind weht, aber es ist nicht wirklich kalt. Ziellos setzt er einen Schritt vor den anderen. Ist doch egal wohin. Hauptsache weg. Am Bahnhofskiosk holt er sich noch eine Wodkaflasche. Mit gesenktem Kopf schwankt er über die Straße, kein Auto weit und breit zu sehen. Die Stadt ist menschenleer. Spärliche Lichter im Park, er setzt sich auf eine Bank. Nur das laute Pfeifen der Züge ist zu hören. Das monotone Rattern auf den Gleisen. Langsam erhebt er sich. Mechanisch zieht es ihn zu den Geräuschen. Er nimmt noch einen großen Schluck. Das Pfeifen kommt näher. Er fühlt den rauhen Wind nicht mehr. Er fühlt gar nichts mehr.
Die Bremsen quietschen laut, die Räder sprühen Funken. Keine Chance - der Bremsweg ist zu lang. Der Lokführer sieht von weitem etwas auf den Schienen. Im Zeitlupentempo kommt es näher. Verzweifelt versucht er den Zug zum Stehen zu bekommen. Nein, es ist kein Tier, es war ein Mensch...

© Sabine Koss
https://cbeachblog.wordpress.com/

46 Kommentare

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Als erstes möchte ich alle Kommentatoren bitten, den Begriff "Selbstmord" nicht zu verwenden, sondern von Suizid zu schreiben.
Mord ist eine Straftat und hat in diesem Zusammenhang meiner Meinung nach nichts zu suchen.
Als selbst Betroffene habe/hätte ich zu diesem Thema sehr viel zu sagen.
Mein Mann entschied sich vor mehr als 6 Jahren auch zu gehen, und da ich eine Selbsthilfegruppe von Hinterbliebenen nach Suizid leite, habe ich auch sehr viel Einblick in das Leben vor und nach diesem traumatischen Ereignis.
Vor allem sollte man es unterlassen, irgendjemandem irgendwelche Schuld zuzuweisen.
  • 05.03.2014, 18:07 Uhr
http://www.zdf.de/ML-mona-lisa/Regen...783352.html
Dieser absolut ergreifende Bericht passt sicher sehr gut zu Bines Beitrag
  • 05.03.2014, 18:08 Uhr
Danke Eva
  • 05.03.2014, 18:43 Uhr
Bin sehr nachdenklich. Vielen Dank für diese Darstellung. Ist Darstellung das richtige Wort dafür? Ich weiß es nicht.
  • 23.09.2014, 19:12 Uhr
Bernd, meinst du meinen Beitrag oder Evas Erläuterung zu dem angesprochenen Problemthema?
  • 23.09.2014, 20:18 Uhr
Bine, ich meine natürlich Deinen Beitrag.
  • 23.09.2014, 22:17 Uhr
Bernd, dann solltest Du evtl. nicht unter meiner Erläuterung posten
  • 23.09.2014, 22:52 Uhr
Eva, sorry, mein Fehler.
  • 23.09.2014, 22:55 Uhr
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Leider kommt Deine Geschichte dem realen Leben sehr nah, und von Dir sehr gut dargestellt und beschrieben. Super gemacht.
  • 05.03.2014, 17:03 Uhr
*Freu - danke Günther
  • 05.03.2014, 17:56 Uhr
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Deine Geschichte Sabine, lässt manches offen und man überlegt, warum sich Jugendliche das Leben nehmen . Ich habe festgestellt, dass viele Themen denen der Erwachsenen gleichen, mangelndes Selbstwertgefühl, Einsamkeit, Fehlende Freunde, scheinbare Ausweglosigkeit. Beim jungen, noch unfertigen Menschen besonders tragisch. Hast du gut rübergebracht
  • 05.03.2014, 16:34 Uhr
Herzlichen Dank, Sabine
  • 05.03.2014, 16:45 Uhr
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Deine lesenswerte Geschichte verstehe ich für mich als Appell, genauer hin zu sehen und auf andere zu zugehen. Mit größerer Anteilnahme könnte so etwas vielleicht verhindert werden.
  • 02.03.2014, 19:34 Uhr
Das ist wohl die einzige Möglichkeit, denke ich. Vielen Dank, Renate
  • 02.03.2014, 19:40 Uhr
Ich denke, damit hättest du keine Chance, Renate.
Er war ein Verlorener.
  • 03.03.2014, 11:01 Uhr
Das sehe ich nicht so, auch wenn mein Bemühen allein vielleicht nichts nützt. Es gibt viele Mittel und Wege, einen Menschen zu retten, aber der erste Schritt ist, die Situation richtig einzuschätzen und zu erkennen, dass jemand Hilfe braucht Das meinte ich mich meinem Kommentar.
Ich weiß von vielen Selbstmorden, die verhindert wurden und die Menschen leben jetzt glücklich und sind nicht verloren.
  • 03.03.2014, 11:42 Uhr
Das sehe ich auch so, Renate
  • 03.03.2014, 12:00 Uhr
Das ist ja, ja auch richtig. Aber in diesem Text wird nun mal eine andere Möglichkeit angedeutet. Mir wäre es auch lieber gewesen, dass es sogar "gewollt" hätte.
  • 03.03.2014, 12:41 Uhr
Stimmt Robert, meine Figur war nicht mehr zu retten. Aber dass mein Artikel Renate animiert, Lösungen zu finden oder "genauer hinzuschauen", finde ich super ,
  • 03.03.2014, 12:56 Uhr
Ich kann mich an eine Situation erinnern, vor langen Jahren, da sah ich eine mir fremde Frau an einem Tisch in einer Kneipe sitzen. Sie stierte vor sich hin, trank ziemlich viel Rotwein und wirkte auf mich verzweifelt. Ich hätte hin gehen können und sie ansprechen, vielleicht hätte sie mich an ihrem Kummer teilhaben lassen, vielleicht auch nicht.
Aber ich hab' es nicht getan, aus Bequemlichkeit, aus Respekt vor ihrer Intimsphäre, mit der Entschuldigung: Was geht mich diese Frau an? Ich weiß es nicht mehr. Danach fühlte ich mich sehr unwohl, weil ich das Gefühl hatte, eine Hilfestellung unterlassen zu haben, die ihr möglicherweise gut getan hätte.
  • 03.03.2014, 13:06 Uhr
Mir wär' ein Happy-end auch lieber gewesen, Sabine. Aber das Leben ist nicht immer "gerecht" ...

Ich glaube, du hättest kein Glück gehabt, Renate. Wenn sie Hilfe gebraucht oder gewollt hättest, hättest du es ihr wohl angesehen.
  • 03.03.2014, 13:22 Uhr
Sie?
  • 03.03.2014, 17:24 Uhr
Ich bezog mich auf Renate, auf ihr "eine mir fremde Frau".

Bei deinem Protagonisten empfand ich es noch "endgültiger". Während Renate Frau wohl (noch) nicht konnte, hat der deine nicht mehr gewollt.
  • 03.03.2014, 17:28 Uhr
Du hast recht, Robert. Das hat sich überschnitten. Ich hatte Renates Kommentar da noch nicht lesen können.
  • 03.03.2014, 18:22 Uhr
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Es gibt das Recht auf Leben
aber nicht die Pflicht,zu leben
wer gehen will soll gehen
  • 02.03.2014, 18:22 Uhr
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Grausam, wenn ein junger Mensch nur noch diesen Ausweg sieht,habe es auch schon im Bekanntenkreis erlebt,man ist fassungslos! Sehr gut geschrieben,Sabine
  • 02.03.2014, 18:04 Uhr
Danke, Martina
  • 02.03.2014, 18:43 Uhr
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Bine, eine Geschichte mit traurigem Ende, leider Alltag in userer Gesellschaft. Toll beschrieben, die letzten Stunden eines Menschen, der Suizid begeht. Suizid, eines der großen Tabu-Themen in der Gesellschaft.
  • 02.03.2014, 17:51 Uhr
Ja, so ist es Peter.
  • 02.03.2014, 18:02 Uhr
Peter, leider ist es ein Tabu-Thema...
und wir als Hinterbliebene leiden sehr darunter
  • 05.03.2014, 18:54 Uhr
Ich weiss das Eva und ich hätte zu dieser Thematik noch viel mehr zu erzählen, leider zu privat und so verbleibt es leider in meinen Gedanken.
  • 05.03.2014, 19:02 Uhr
Peter, aber wir können alle gegen dieses Tabu ankämpfen - so wie ich das schon seit fast 7 Jahren mache.
Indem ich den Suizid meines Mannes niemals tabuisiert habe und immer offen damit umgegangen bin -
dabei habe ich gemerkt, dass nicht ICH ein Problem damit habe, sondern mein Umfeld
  • 16.10.2014, 23:21 Uhr
Liebe Eva,
absolut, so sehe ich es mittlerweile auch, auch mein Umfeld, hat ein Problem, mit der Thematik. Seit Juni 2014, befinde ich mich in Therapie, irgendwann fehlt die Kraft, sich immer wieder erklären zu müssen. LG
  • 17.10.2014, 01:08 Uhr
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Ich weiss hier nicht, was ich schreiben soll; wievielen Menschen geht es ähnlich; wieviele haben keine Worte mehr, wieviele sind auf einer überbevölkerten Erde allein, paradox und doch so real, wieviele Menschen haben sehr viel weniger und fühlen sich doch glücklich und wie viele Menschen haben großen Reichtum und sind doch unglücklich. Wovon hängt eigentlich Glück ab, wovon innere Stärke, wovon die Kraft zu leben..... Schwierige Fragen und manche haben einfach keine Antwort mehr.
  • 02.03.2014, 17:34 Uhr
Ja, so ist es leider manchmal - einfach traurig.
  • 02.03.2014, 17:47 Uhr
  • 02.03.2014, 17:52 Uhr
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Bine, Deine Geschichte ist leider so oft bittere Realität. Sehr schön geschrieben.
Und weisst Du was komisch ist, Deine Geschichte ließ mich cool und Maddin's Geschichte trieb mir Tränen in die Augen. Obwohl beide Geschichten gleich enden.
  • 02.03.2014, 17:02 Uhr
Danke, Eva. Ich wollte ganz bewusst nicht auf die Tränendrüsen drücken. Ich finde, das Thema ist schon traurig genug und eben, wie du auch schreibst: bittere Realität.
  • 02.03.2014, 17:14 Uhr
Ja so ist es
  • 02.03.2014, 17:28 Uhr
Christine, Menschen sind verschieden
  • 02.03.2014, 21:25 Uhr
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Kinder, vor allem labile Jugendliche beobachten und immer wieder aufbauen ist eine der wichtigsten und schwierigsten Aufgabe der Eltern...
  • 02.03.2014, 16:32 Uhr
Ja stimmt, Monika, das ist sehr schwierig.
  • 02.03.2014, 16:43 Uhr
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