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Bahnsteig Nummer 7

Bahnsteig Nummer 7

02.03.2014, 15:15 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie las mal ein japanisches Gedicht


dein blick hängt steinern
wie eine eisblume schwer
frostiger morgen


und dachte niemals daran, dass sie sich jemals so fühlen würde wie heute.

Sie gingen auf den Bahnsteig. Ein letztes Mal gemeinsam. Er küsste das Taschentuch und überließ es ihren Händen. Sein verzweifelter Blick. Niemals wird sie es vergessen.

Wenn sie ihn heute sah, in ihrer Erinnerung, sein Blick, umweht von tausend Schneeflocken in der frühen Morgenstunde dieses harten Winters, dann verstand sie nicht, warum sie sich nicht vor den nächsten Zug geworfen hatte. Der Zug fuhr los. Sein Kopf lehnte aus dem Fenster, als ob er sich ewig herauslehnen und immer nach ihr schreien würde. Bahnsteig Nummer 7. Oft stand sie an dem Gleis, in den folgenden Jahren, sie stand dort und hörte seine Gedanken, wie sie noch heute nach ihr riefen. Sie hallten wie ein ewiges Echo, dass sich durch die Stromkabel fraß, durch alle Stromkabel des Landes. Auch wenn sie auf anderen Bahnhöfen stand, hörte sie sein Schreien wie damals im harten Winter.

Wenn sie nicht auf Reisen war, ging sie an jedem Morgen auf den Bahnsteig und fühlte ihren Schmerz, fühlte jede Pore der Erinnerung an ihren Geliebten. Und wenn sich ein Zug in Bewegung setzte, war es ihr, als hinge sein Kopf aus dem Fenster. Und das an jedem Tag. Er verließ sie jeden Tag. Sie konnte ihn nicht zurückhalten.

Es war einer der vielen Sommertage, in der Morgenfrühe, sie ging wie gewohnt zum Bahnhof. Weit hinter sich hörte sie Schreie. Er verfolgte sie. Als sie sich umdrehte, sah sie ihn nicht. Nur wenige fremde Gesichter. Sie begriff nicht, warum er sich ihren Augen verbarg. Trotzdem, er war ihr auf den Fersen, und es wird der Moment kommen, und er wird sie einholen. Dessen war sie sich sicher und betrat die Bahnhofshalle beseelt vor Glück, denn so nahe war er ihr lange nicht gewesen. Zielstrebig schlenderte sie zum Bahnsteig Nummer 7. Als sie die Treppe hochstieg, sah sie schon die Stromkabel schreien, so laut, dass sie Funken versprühten. Hinter ihr auch Schreie. Sie drehte sich um, und sah flimmrige Luft.

Von allen Seiten schrien Stimmen. Versteinerte Schreie wie Eisblumen, die frostig über ihren Rücken glitten. Sie hallten auch in den Schweißperlen, die an der Stirn klebten und im Rhythmus einer losfahrenden Dampflokomotive hämmerten.

Es war die letzte Dampflokomotive gewesen, die ihren Geliebten forttrug, und sie in eine Welt von Stromkabeln katapultierte. Der Rauch verflog vor fielen Jahren schon, doch jetzt war sie wieder eingehüllt. Die Stromkabel dampften vor Geschrei. Sie kam näher, immer näher. Ihr Geliebter sah aus dem Wagenfenster. Noch weit weg, sie erkannte ihn aber sofort. Er winkte ihr fröhlich zu, in der Hand ein Taschentuch. Er streichelte ihr Haar, und sie sah in die leuchtenden Augen der Dampflokomotive, trat einen Schritt nach vorne und fiel in die Arme des Geliebten. Endlich hatten sie sich wiedergefunden.

©MartinStauder

11 Kommentare

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Martin, ich mußte diese Geschichte gleich mehrmals lesen. Du schreibst kraftvoll und das Irre der Situation kommt in deinen Worten klar zum Ausdruck, w.enn zB Strom kabel schreien,dass sie Funken sprühen und Schweißperlen hämmern.Nur an einer Stelle finde ich deine Worte nicht stimmig. Sag mir, wie kann jemand zielstrebig schlendern? Ich meine, das geht nicht, wer schlendert ist nicht zielstrebig. Beim nächsten Stadtbummel werde ich das mal probieren.
Kurz und gut, ich mag deine Erzählung,
  • 16.03.2014, 21:57 Uhr
Hallo Monika, sehr gut beobachtet. Zielstrebig schlendern beißt sich. Ist mir beim Schreiben nicht aufgefallen. Vielen Dank für den Hinweis.
  • 16.03.2014, 22:05 Uhr
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Auch für mich war das Lesen gewöhnungsbedürftig, da ich den Text "zerrissen" empfand. Doch mit dem Schluss wurde das stimmig.
  • 03.03.2014, 10:58 Uhr
Vielen Dank fürs kommentieren.
  • 03.03.2014, 11:31 Uhr
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Maddin, ein wunderbarer Schreibstil, das ist reine Poesie, wunderbar. Ich ziehe meinen Hut vor dir..
  • 02.03.2014, 17:45 Uhr
Vielen Dank, Doris, freut mich
  • 02.03.2014, 17:47 Uhr
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Mensch Maddin, ich kämpfe mit den Tränen. Sehr schön geschrieben
  • 02.03.2014, 16:53 Uhr
Vielen Dank, Eva
  • 02.03.2014, 16:54 Uhr
Maddin, Sabines Geschichte ließ mich total cool, obwohl das Ende gleich war. Ist das nicht komisch?
  • 02.03.2014, 17:05 Uhr
Sabine schreibt ganz anders....
  • 02.03.2014, 17:07 Uhr
Ja daran muss es wohl liegen, deine Geschichte berührt mehr
  • 02.03.2014, 17:27 Uhr
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