.........zu spät
.........zu spätFoto-Quelle: josef kummer/pixelio.de

.........zu spät

Beitrag von wize.life-Nutzer

gestern abend läutete das Telefon.
Ich wunderte mich, denn der Mann einer Freundin war am Apparat. Da fiel mir plötzlich ein,
ich hatte schon ganz lange versprochen, wieder mal mit ihr einen Stadtbummel zu machen.

"Christine liegt seit drei Wochen im Krankenhaus" sagte er mit leiser Stimme. "Es geht ihr nicht gut und ich weiß, sie würde sich über deinen Besuch freuen". Ich fragte ihn, was denn passiert sei und warum er mich nicht schon früher informiert hat. Christine hatte vor drei Jahren Brustkrebs und ich war damals an ihrer Seite, habe mit ihr gelitten und sie bei ihrem schweren Kampf unterstützt. Sie hat es geschafft, es ging ihr wieder gut und sie freute sich über ihr neu geschenktes Leben.
Wie oft sind wir dann zusammen wieder durch die Stadt gebummelt, haben die Verkäuferinnen in den diversen Modegeschäften zur Verzweiflung gebracht, weil wir uns nicht entscheiden konnten. Danach saßen wir dann regelmäßig in unserem Lieblingscafe und konnten nicht aufhören zu lachen, bei dem Gedanken daran.
Eines Tages erzählte mir Christine, sie werde ein Enkelkind bekommen und strahlte dabei so glücklich,
wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte. Die kleine Anna kam zur Welt und als die Schwiegertochter
wieder in ihren Beruf zurückkehren wollte, übernahm die Oma gerne die Betreuung. Von da an sahen wir uns nur noch selten, denn Christine ging in ihrer neuen Rolle total auf, was ich gut verstehen konnte.
Wir telefonierten zwar oft und versprachen dabei immer uns bald wieder zu treffen, aber es blieb bei den Versprechungen.
"Der Krebs ist zurückgekommen" hörte ich Martin, ihren Mann, sagen. "Sie wird es diesmal nicht mehr schaffen". Meine Gedanken kreisten vollkommen durcheinander in meinem Kopf und ich konnte nur noch
einen Satz herausbringen: "Sag ihr, ich komme".
Ich schlief sehr schlecht in der vergangenen Nacht und viele Bilder waren auf einmal wieder deutlich in meinem Gedächtnis. Da war die Zeit, in der wir beide unsere "große Liebe" kennenlernten, als wir innerhalb von zwei Jahren beide heirateten und wir beide als erstes Kind einen Sohn bekamen.

Froh, daß es endlich Zeit war, machte ich mich heute mittag auf den Weg ins Klinikum.
Was ich sah, traf mich mitten ins Herz. Christine lag blass und zerbrechlich in ihrem Bett. Martin stellte mir einen Stuhl ganz nahe heran und sagte:" Gut daß Du da bist, ich muß ein wenig an die frische Luft."

Ich setzte mich und nahm Christines Hand in meine. "Mädel, Du schaffst das nochmal" sagte ich zu ihr und mußte mit den Tränen kämpfen. "Nein, diesmal ist der Kampf verloren, das ist so". flüsterte sie. "Schön, daß wir uns nochmal sehen können, ich hab es mir so gewünscht. Heute vormittag habe ich mich von meiner Anna verabschiedet, ich will nicht, daß sie nochmal herkommt". Dabei liefen ihr Tränen über das
blasse Gesicht. "Es tut mir unendlich leid" sagte ich zu ihr, "daß ich Dich nicht längst wieder mal besucht habe. Warum hast Du mich nicht über deine neuerliche Erkrankung informiert?" Sie schüttelte ganz leicht den Kopf und schloss die Augen. Ich merkte, es fiel ihr schwer länger zu sprechen. Eine ganze Zeit blieb ich an ihrem Bett und streichelte ihre Hand und ihr Gesicht. Als ich bemerkte, daß sie eingeschlafen war,
wollte ich gehen. Da schlug sie die Augen, sah mich ganz seltsam an und flüsterte: " Leb wohl meine beste Freundin". Ich drückte ihr einen Kuß auf die Wange und ging schnell aus dem Zimmer.

Auf dem Gang stand Martin, traurig und hilflos." Die Ärzte sagen, daß uns nur noch Tage bleiben." erklärte er mir und sein Blick verriet wie unendlich verzweifelt er ist.
Ich fuhr nach hause, ganz langsam, denn ich mußte immer wieder meine Tränen aus den Augen wischen.

Vor einer halben Stunde rief mich Martin an: "Christine ist friedlich eingeschlafen, mit einem Lächeln".

Es ist ganz seltsam, aber ich mußte das jetzt sofort schreiben und nun ist mir etwas leichter ums Herz.

Leb wohl, Christine. Ich wünsche Dir eine gute Reise.

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