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.........zu spät

.........zu spät

03.03.2014, 17:59 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

gestern abend läutete das Telefon.
Ich wunderte mich, denn der Mann einer Freundin war am Apparat. Da fiel mir plötzlich ein,
ich hatte schon ganz lange versprochen, wieder mal mit ihr einen Stadtbummel zu machen.

"Christine liegt seit drei Wochen im Krankenhaus" sagte er mit leiser Stimme. "Es geht ihr nicht gut und ich weiß, sie würde sich über deinen Besuch freuen". Ich fragte ihn, was denn passiert sei und warum er mich nicht schon früher informiert hat. Christine hatte vor drei Jahren Brustkrebs und ich war damals an ihrer Seite, habe mit ihr gelitten und sie bei ihrem schweren Kampf unterstützt. Sie hat es geschafft, es ging ihr wieder gut und sie freute sich über ihr neu geschenktes Leben.
Wie oft sind wir dann zusammen wieder durch die Stadt gebummelt, haben die Verkäuferinnen in den diversen Modegeschäften zur Verzweiflung gebracht, weil wir uns nicht entscheiden konnten. Danach saßen wir dann regelmäßig in unserem Lieblingscafe und konnten nicht aufhören zu lachen, bei dem Gedanken daran.
Eines Tages erzählte mir Christine, sie werde ein Enkelkind bekommen und strahlte dabei so glücklich,
wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte. Die kleine Anna kam zur Welt und als die Schwiegertochter
wieder in ihren Beruf zurückkehren wollte, übernahm die Oma gerne die Betreuung. Von da an sahen wir uns nur noch selten, denn Christine ging in ihrer neuen Rolle total auf, was ich gut verstehen konnte.
Wir telefonierten zwar oft und versprachen dabei immer uns bald wieder zu treffen, aber es blieb bei den Versprechungen.
"Der Krebs ist zurückgekommen" hörte ich Martin, ihren Mann, sagen. "Sie wird es diesmal nicht mehr schaffen". Meine Gedanken kreisten vollkommen durcheinander in meinem Kopf und ich konnte nur noch
einen Satz herausbringen: "Sag ihr, ich komme".
Ich schlief sehr schlecht in der vergangenen Nacht und viele Bilder waren auf einmal wieder deutlich in meinem Gedächtnis. Da war die Zeit, in der wir beide unsere "große Liebe" kennenlernten, als wir innerhalb von zwei Jahren beide heirateten und wir beide als erstes Kind einen Sohn bekamen.

Froh, daß es endlich Zeit war, machte ich mich heute mittag auf den Weg ins Klinikum.
Was ich sah, traf mich mitten ins Herz. Christine lag blass und zerbrechlich in ihrem Bett. Martin stellte mir einen Stuhl ganz nahe heran und sagte:" Gut daß Du da bist, ich muß ein wenig an die frische Luft."

Ich setzte mich und nahm Christines Hand in meine. "Mädel, Du schaffst das nochmal" sagte ich zu ihr und mußte mit den Tränen kämpfen. "Nein, diesmal ist der Kampf verloren, das ist so". flüsterte sie. "Schön, daß wir uns nochmal sehen können, ich hab es mir so gewünscht. Heute vormittag habe ich mich von meiner Anna verabschiedet, ich will nicht, daß sie nochmal herkommt". Dabei liefen ihr Tränen über das
blasse Gesicht. "Es tut mir unendlich leid" sagte ich zu ihr, "daß ich Dich nicht längst wieder mal besucht habe. Warum hast Du mich nicht über deine neuerliche Erkrankung informiert?" Sie schüttelte ganz leicht den Kopf und schloss die Augen. Ich merkte, es fiel ihr schwer länger zu sprechen. Eine ganze Zeit blieb ich an ihrem Bett und streichelte ihre Hand und ihr Gesicht. Als ich bemerkte, daß sie eingeschlafen war,
wollte ich gehen. Da schlug sie die Augen, sah mich ganz seltsam an und flüsterte: " Leb wohl meine beste Freundin". Ich drückte ihr einen Kuß auf die Wange und ging schnell aus dem Zimmer.

Auf dem Gang stand Martin, traurig und hilflos." Die Ärzte sagen, daß uns nur noch Tage bleiben." erklärte er mir und sein Blick verriet wie unendlich verzweifelt er ist.
Ich fuhr nach hause, ganz langsam, denn ich mußte immer wieder meine Tränen aus den Augen wischen.

Vor einer halben Stunde rief mich Martin an: "Christine ist friedlich eingeschlafen, mit einem Lächeln".

Es ist ganz seltsam, aber ich mußte das jetzt sofort schreiben und nun ist mir etwas leichter ums Herz.

Leb wohl, Christine. Ich wünsche Dir eine gute Reise.

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32 Kommentare

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Auch ich habe deine Geschichte hier verpasst und bitte dich um Entschuldigung. Wie ergreifend du das geschrieben hast. Ich habe es mit Tränen in den Augen gelesen. Das erinnert mich an unseren Günter, der so wundervolle Gedichte hier geschrieben hat. Er liegt ganz schwer mit Lungenkrebs. Ich weiß nicht, ob du heute den Aufruf gesehen hast. Ja Krebs ist eine teuflische Sache. Ich hatte vor 8 Jahren Darmkrebs. Meine Schutzengel hatten mich begleitet und er hatte Gott sei Dank noch nicht gestreut. So ist mir eine Chemo erspart geblieben., Die OP habe ich gut überstanden. Ja meine Liebe du solltest doch öfter hier schreiben. Dein Schreibstil gefällt mir wirklich sehr gut. Ich schicke dir liebe Grüße in deinen Abend
  • 08.04.2014, 23:51 Uhr
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Liebe Rosi, ich habe Deinen Bericht sehr bewußt gelesen. In dem Moment geht auch vom eigenen Leben und Fühlen viel mit hinein. Das hast Du sehr gut erzählt und es hat mich sehr gerührt. Aber es war gut für Dich, dass Du mit ihr nochmal gesprochen hast. Da wirst Du immer dankbar dafür sein.
Viele Grüße
Gisela
  • 07.03.2014, 19:13 Uhr
Ja Gisela, ich bin dem Schicksal unendlich dankbar, daß ich mich noch von ihr verabschieden konnte, so lange sie bei vollem Bewußtsein war. Sie hat sicher gespürt, daß ich sie ein Stück in eine andere Welt begleitet habe.
  • 07.03.2014, 20:12 Uhr
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liebe Angelika, ich bin so froh, daß wir uns noch verabschieden konnten, wäre aber gerne noch ganz lange für sie da gewesen.
  • 06.03.2014, 11:03 Uhr
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Liebe Rosi,
danke für diese so menschliche Geschichte! Leider gehört das Sterben zu unserem Leben dazu und ich finde es wichtig, dass wir ab und zu daran erinnert werden.
Alles Gute, Conny
  • 05.03.2014, 13:08 Uhr
Ja Conny, das Sterben gehört zum Leben.
Nur manchmal vergessen wir das.
  • 05.03.2014, 13:37 Uhr
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  • 04.03.2014, 17:22 Uhr
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Hallo Rosi ! Wie gut ,daß Du nochmal bei ihr sein durftest u.dich von ihr zu verabschieden .....die schönen Erinnerungen an deiner Freundin die kann dir keiner mehr nehmen !Ich habe ähnliches erlebt ! Alles Gute
  • 04.03.2014, 11:51 Uhr
Hätte ich mich nicht entschlossen, sofort an diesem Tag noch zu ihr zu fahren, könnte ich mir das niemals verzeihen.
Danke für Deine lieben Worte,Renate.
  • 04.03.2014, 12:09 Uhr
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Sehr berührend. Wenn man die Geschichte liest, trifft es einem ganz tief im Herzen. Und ich denke sofort darüber nach ob ich mit meiner besten Freundin sofort und spontan mal wieder etwas unternehmen sollte. Danke Rosi für diese anrührende Schilderung.
  • 04.03.2014, 08:29 Uhr
liebe Helge, melde Dich bei Deiner Freundin und verlebt schöne Stunden zusammen. Wie gerne würde ich das wieder tun.
  • 04.03.2014, 10:19 Uhr
Wir sehen uns 1x wöchentl. beim Yoga, aber je mehr Unternehmungen je besser......
  • 04.03.2014, 11:19 Uhr
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Ich weiß, wie du dich fühlst und mach dir keine Vorwürfe, eine bessere Freundin wie dich gibt es nicht.
Es ist schön, dass ihr euch noch verabschieden konntet und wo sie jetzt ist quälen sie keine Schmerzen mehr.
Eine Bekannte sagte zu mir nach Kurtls Tod, sag nicht er musste sterben, sag er durfte sterben.
Da auch er so viel leiden musste vor seinem Tod, sind diese Worte tatsächlich ein Trost.
Und deine Freundin ist friedlich und mit einem Lächeln eingeschlafen.
Behalte das in Erinnerung und die schöne Zeit, die ihr miteineander verbracht hab und auch, das gemeinsame Lachen in eurem Lieblingscafe.
Lass dich umarmen , Lore
  • 04.03.2014, 02:19 Uhr
liebe Lore,
heute nacht stand Christine im Traum vor mir und ich konnte spüren,
daß sie glücklich ist.
  • 04.03.2014, 06:17 Uhr
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mach dir keine vorwürfe, rosi... alles hat seine zeit und es sollte wohl genau so sein...
ich umarm dich...
  • 03.03.2014, 23:39 Uhr
ja, so ist es wohl, liebe Evelyn, es tut mir aber leid, daß ich unsere gemeinsame Zeit viel mehr genützt habe.
  • 04.03.2014, 06:19 Uhr
nicht viel mehr genutzt habe, sollte es heissen.
  • 04.03.2014, 16:11 Uhr
rosi, es wird immer zu wenig sein... es ist so wie es nun mal eben ist und wie es war...

als mein tanzpartner starb, hab ich mich so ähnlich gefühlt wie du jetzt... eine halbes jahr habe ich ihn begleitet auf seinem weg... das ende kam für mich überraschend... er hat es allerdings gespürt und bat mich einen tag vorher noch, doch bitte vorbei zu kommen... ich konnte einfach nicht, hatte unheimlich viel zu tun... ich hätte mich so gern von ihm verabschiedet...
  • 04.03.2014, 16:24 Uhr
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Liebe Rosi,
schreiben befreit und deine Geschichte erinnert mich an den Tod meines Bruders. Sehr einfühlsam geschrieben...danke Dir
  • 03.03.2014, 21:58 Uhr
danke Peter,
ich bin so froh, daß es Dir besser geht.
  • 03.03.2014, 23:09 Uhr
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