Angekommen?
Angekommen?

Angekommen?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Merkwürdig, wie verschieden Bahnhöfe wirken können. Sei es, ob man wartet, nur mal schnell Blumen holt, ob man abfährt oder ob man ankommt. Und auch: wie man ankommt.
Den meinen hatte ich bei der Abfahrt recht hektisch in Erinnerung, den deinen fand ich spannend – nur hab‘ ich ihn nicht wirklich gesehen, denn ich hatte nur Augen für dich.
Es waren ein paar Stunden mit dem Zug zu dir. Stunden, in denen ich zurückdenken konnte an das, was war, und mir Gedanken darüber machen konnte, was kommen könnte. Es waren keine schlechten Gedanken. Mehr entsprangen sie meiner inneren Spannung. Wer spürt die nicht vor einem ersten Date?
Obwohl … ein richtiges Date war’s ja eigentlich nicht. Wir waren uns zufällig bei Seniorbook begegnet, schrieben uns und schrieben immer mehr, dann telefonierten wir, und da war eine ganze Menge, die uns menschlich verband - über dich als Frau hatte ich mir so recht noch keine Gedanken gemacht. Ich wusste, dass du wohl am Ende einer Beziehung angekommen warst, und “Beziehungen” war darum eines unserer prägendsten Themen.
Im Grunde ging es bei unserem Treffen nur darum, den jeweils anderen auch mal zu sehen. Ich wollte wissen, wie du lachst. Und du wolltest wissen, wie ich „bin“. So ergab sich das dann irgendwie. Und jetzt sollte ich dir gleich das erste Mal gegenüberstehen, auf einem Bahnsteig.
Ich musste selbst lachen über mich, weil ich mich wie Humphrey Bogart fühlte, als ich kurz vor dem Aussteigen einen Blick aus dem Zugfenster warf: Ein trister, grauer, Außenbahnsteig, umrahmt von Schneegestöber. Sowas wie Ingrid Bergmann würde gleich strahlend auf mich zugelaufen kommen, gehüllt in einen weißen, flatternden Mantel.
Dann kam Werbung.
Zumindest das langsamer werdende Vorbeigleiten einer Zigarettenwerbung über einer Bank ließ mich das so interpretieren, bevor ich aussteigen und nach dir Ausschau halten konnte. Ich sah dich gleich (der Mantel war dunkelgrau), ohne strahlende Augen, schlicht wartend am Beginn des Bahnsteiges. Und aus diesen ganzen Gedanken heraus lachte ich dich an, als ich dir entgegen kam.
Auch du hattest mich schnell gesehen und schautest mir entgegen. Ganz normal eigentlich - so, wie ich dich auch beim Schreiben empfand.
Ich mochte sie gleich, deine Augen. Sie schienen so ehrlich und offen zu sein, wie dein Schreiben. Da war nichts von Abwehr, Angst oder Misstrauen. Nur ruhige Erwartung. Und Forschen.
Ich hörte auf mit dem blöden Grinsen und begann unwillkürlich zu lächeln, weil du trotz deiner unergründlichen Tiefe unglaublich warm schautest. Es schien, als wärest du irgendwie froh …
Ich nahm nichts von dem wahr,was um uns herum passierte, weil dieser Blick mich schlicht faszinierte. Er war „anders“ als ich dich erwartet hatte, fester und sicherer. Und so staunte ich vor mich hin, bis ein Lächeln in den Augenwinkeln mich erlöste und ich dich weich in den Arm nehmen konnte.
Und du mich.
Ich ahnte, ich war angekommen - ohne mich wirklich auf den Weg gemacht zu haben ...

Mehr zum Thema