Alles gut, oder was?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Am Mittwoch den 19.02. wurde der OP-Termin für Montag den 24.02. festgelegt. Als ich fragte, ob ich schon am Sonntag "einchecken" könnte, da ich von Bad Kissingen anreise, und sich das von dort aus mit der Bahn nicht ganz so einfach gestalten lässt, teilte man mir mit, die Krankenkasse übernimmt diese Kosten nicht mehr. War auch nicht nötig, an dem Mittwoch wurde schon jede Menge Blut abgezapft und die Anweisungen, Montag um acht Uhr nüchtern zu kommen, ab Mitternacht auch nichts mehr zu trinken, die standen ja auf dem Blatt: Hinweise zur Operationsvorbereitung zu Hause. Unter anderem stand da auch ein Passus mit der Überschrift ... Am Abend vor der Operation wegen Einbestellungszeit bitte ab 20 Uhr auf der A- bzw. B-Station unter folgender Nummer anrufen: die Telefonnummer und die Station B (auf die ich kam) waren mit Marker gekennzeichnet. Also rief ich an, teilte mit, ich käme morgen mit dem Zug und werde pünktlich um acht da sein. Zu meiner Verblüffung sagte die Dame: Wir haben Sie schon heute erwartet.
Da war wohl was dumm gelaufen.
Um halb neun war ich dann endlich im Zimmer, hatte mein krankenhauseigenes Nachthemdchen an, das neckische mit hinten offen, und wartete. Ich wartete auf den Arzt, der mich operieren wird. Von der ersten OP war mir noch das aufmunternde Lachen von Frau Dr. Bani im Gedächtnis geblieben, und der kräftige Griff, mit dem sie meine Hand drückte und mir einiges von meiner Angst nahm.
Doch es kam weder Frau Dr. Bani noch ein anderer Arzt und um halb zwei ging es ab in den OP. Dort angekommen, fragte ich nochmal nach, wer mich denn überhaupt operiert. Direkte Antwort bekam ich keine, nur so ein lapidares: der Arzt kommt gleich zu Ihnen. Er kam nicht. Die Narkoseärztin kam und schwupp war ich im Land der Träume.
Als ich die Augen wieder aufmachte, schaute ich direkt vor mir an der ´Wand auf die Uhr, 15:35 Uhr.
Dem Brustpanzer nach war ich operiert. Ich wartete noch einige Minuten, und wieder war die Hoffnung da, der Arzt, der mir meine Brust abgenommen hat, würde gleich kommen. Doch er kam nicht, hatte sicher was anderes zu tun.
Doch in meinem Kopf schwirrten tausend ungute Gedanken. Kam Dr. Bani nicht, weil es vielleicht doch besser gewesen wäre, sie hätte mir beim ersten Mal die Brust abgenommen? War es ihr peinlich, mich nun doch wieder am OP-Tisch gehabt zu haben?
Um halb vier fragte ich, ob ich was trinken könnt, und Hunger hätte ich auch. Es gab weder was zu trinken noch zu essen, war auch nur richtig, denn ich lag ´ja noch im Aufwachraum. Erneut versuchte ich zu erfahren, wer mich operiert hat, doch ich bekam keine Antwort.
Um halb sechs brachte man mich in mein Zimmer. Es gab auch gleich Abendessen, ich stand auf und setzte mich an den Tisch. Früher mal, da verdonnerte man die Patienten bei einer simplen Blinddarm OP zu absoluter Bettruhe und ich saß wenige Stunden nach der OP am Tisch und hatte auch noch einen gesegneten Appetit. Kein Wunder, meine letzte Mahlzeit lag ja auch schon mehr als 24 Stunden zurück.
Hoffnung flackerte auf, gleich würde der Arzt kommen, der mich operiert hat. So war es ja auch bei der Operation vor sieben Jahren. Ich erinnerte mich, Frau Dr. Bani war damals früh um sieben, also lange vor der OP kurz bei mir, und kam abends spät nochmal, um zu fragen, wie es mit geht. Verwundert dachte ich damals, die hat aber einen langen Arbeitstag.
Doch es kam kein Arzt.
Er wird sicher morgen kommen, weil viel zu tun ist, vertröstete ich mich. In der Nacht wachte ich einige Male auf und grübelte nach, was wohl der Grund sein kann, dass der Arzt sich nicht sehen lässt. Ist etwas nicht gut gelaufen? Etwas misslungen? Hat er etwas entdeckt, das er mir nicht sagen kann oder noch nicht will? Bin ich am Ende total verkrebst?
Den ganzen Dienstag ließ sich der Arzt, der mir meine Brust amputiert hat nicht sehen. Und obwohl das gesamte Personal bis hin zum Stationsarzt absolut fürsorglich war, verunsicherte mich der Umstand, dass dieser OP-Arzt sich nicht bei mir zeigte. Es blieb mir natürlich nicht verborgen, dass eine Bettnachbarin von der Ärztin, die sie am Tag zuvor operiert hatte aufgesucht wurde. Sie hatte auch nur Zeit für ein paar nette Worte, ein über die Schulter streichen und einen Händedruck, doch das hätte mir auch gereicht.

Und es hat es mir dann auch gereicht. Mir fiel die Proschüre der Patientenbefragung ein. Da konnte man seine Beurteilung von 1 (sehr gut) bis 10 (mehr als sehr schlecht) abgeben für alle Zuständigkeitsbereiche sowie das Personal. Auch die Ärzte. Nach dem Abendessen ging ich ins Schwesternzimmer und fragte, ob man mir denn sagen kann, welcher Arzt mich operiert hat.
"Sie wissen das nicht?" fragte Schwester Stephanie.
"Nein, weiß ich nicht. Ich hätte den Arzt ja gerne vor der OP gesprochen. Vielleicht wäre er mir gar nicht sympathisch gewesen und hätte ihn abgelehnt," witzelte ich.
Schwester Stephanie schaute in der Akte nach und sagte mir den Namen des Arztes.
"Den hätten Sie bestimmt nicht abgelehnt!" meinte eine der Schwester und alle lachten.
"Da bin ich mir nicht so sicher. Er hat sich mir weder vor noch nach der OP gezeigt und sich auch heute den ganzen Tag nicht sehen lassen. Sie können ihm ausrichten, in der Beurteilung werde ich ihn auf die 10 setzen."
Kurz darauf kam eine Schwester ins Zimmer und teilte mir mit, Dr. S. würde in einer halben Stunde zu mir kommen.
Und dann kam er. Er war sehr groß, sehr schlank, seeeeehr gutaussehend. Lässig schnappte er sich einen Stuhl, stellte den ans Fußende vom Bett, setzte sich, lehnte sich zurück und es hätte nur noch gefehlt dass er ein Bein übers andere schlägt, die Arme vor der Brust verschränkt und fragt: "Alles gut...oder was?"
Statt dessen war seine Einleitung: "Ich halte es generell nicht so wie einige Kollegen, dass ich meine Patienten gleich nach der OP aufsuche, weil sie zu dem Zeitpunkt das meiste von dem was ich sage, ohnehin noch nicht aufnehmen können."
An einem Gespräch mit fachlichen Inhalten war ich auch gar nicht interessiert. Doch auf die Idee, es könnte einer Frau in meiner Situation gut tun, wenn er sich nur mal ans Bett stellt, sich vielleicht ein wenig runter beugt und sagt, dass alles gut gegangen ist, und vielleicht noch fragt, wie man sich fühlt und dann noch ein Händedruck. Mehr habe ich nicht erwartet.
So bekam ich dann doch ein wenig Fachliches runtergeleiert, auf meine Frage, ob und wie viele Lymphen man entfernt hat, erhielt ich eine schwammige Antwort von der ich nur das Wort säubern deutlich verstanden hatte, und er beendete seine Visite mit dem Satz: "Haben sie sonst noch Fragen?"
Hatte ich nicht.
Er erhob sich, stellte den Stuhl zurück, reichte mir die Hand und ging. Seine Mimik war vom Einritt bis zum verlassen des Zimmers gleichbleibend kühl.
Verständlicher Weise war er angezipft, falls die Schwestern weiter gegeben hatten, ich beabsichtige, ihn auf die Zehn zu setzen. Und ich bin mir sicher, das wurde ihm mitgeteilt.
Doch von den Ärzten und Schwestern die mich betreuen weiß ich auch, er hat bei mir hervorragende Leistung erbracht und ist ganz sicher ein sehr guter Arzt. Doch auch wenn er noch so gut operieren kann, was in einer Frau vorgeht, was sie beschäftigt und durchlebt bevor und nachdem sie eine Brust verliert, davon hat dieser Halbgott in Weiß anscheinend keine Ahnung.

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