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I K A R U S der Sonne entgegen

04.03.2014, 19:37 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Am Rande der großen Stadt, dort wo die Häuser weniger und kleiner wurden, wo sich der Gartencharakter immer stärker bemerkbar machte, dort beginnt unsere Geschichte. Wo die fruchtbare Ebene, sowie der Auwald des nahen großen Stromes gegen die Stadt und deren Ausbreitung protestierten und, allerdings vergebens, Widerstand zu leisten versuchten.
In dieser Siedlung gab es eine ziemlich lange Strasse, auf einer Seite noch Kornfelder, auf der anderen die Häuschen mit ihren Gärten. Früher war diese Strasse noch eingesäumt mit Kirschbäumen, deshalb heißt sie auch heute noch Kirschenallee obwohl jetzt dort gar nicht mehr viele Kirschbäume stehen.
Hier im Vorgarten eines lieben, kleinen, alten Häuschens da stand er. Zwar nicht mehr in voller Pracht wie einst, die Zeit war auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen, aber er war in seinem gut zu ihm passenden weinrot und auch sonstigen guten Zustand noch immer zu neuen Schandtaten bereit. Aber es sollte bald vorbei sein mit seinen Träumereien und er sollte sehr bald einer neuen (schönen?) Zukunft entgegen gehen. Eines Tages erschien nämlich zusammen mit dem Sohn der Hausbesitzer eine junge Frau und zeigte offensichtlich großes Interesse an dem für sie prachtvollen Traum in weinrot.
Schon in den nächsten Tagen hämmerten, schraubten und bastelten diese Frau zusammen mit dem Sohn unbeirrbar und fleißig von früh bis spät und in kurzer Zeit war das Werk vollbracht. Unser weinrotes Prunkstück war fahrbereit und sah mit seiner gut durchdachten Inneneinrichtung seiner neuen Bestimmung als Campingbus entgegen.
Der Ehemann der jungen Frau gab ihm den Namen Ikarus. Nun hoffentlich war das kein schlechtes Omen, er sollte ja mit dem Ehepaar der Sonne entgegenfliegen, aber hoffentlich nicht zu hoch. Ihr wisst ja, das bringt Unglück.
Vorerst hatte er aber noch andere Aufgaben zu erfüllen. Die junge Frau verhalf ihrem Mann mit privaten Fahrstunden zum Führerschein. Dann musste sich der arme Ikarus mit Kleintransporten abmühen und so der Familie zum Lebensunterhalt beitragen. Ja und dann kam der Tag den Ikarus und auch das Ehepaar schon sehnlichst erwartet hatten. Es sollte auf in den Süden gehen und ein Höhenflug sein.
Da ihr Mann den Führerschein erst kurze Zeit hatte und seine Frau ihm nicht zutraute auf dieser langen Strecke mit ihr abwechselnd zu fahren, lud die Frau kurzerhand den vorigen Besitzer des Autos ein, mitzufahren. Der Ehemann stimmte dem widerwillig zu, er hielt von Unternehmungen zu dritt nämlich überhaupt nichts, aber seine Frau bestand darauf.
Nun, der Ärger fing ja auch gleich an. In dem Bus, der ursprünglich ein geschlossener Lieferwagen mit einer seitlichen Schiebetür war, ist die vordere Sitzreihe für drei Personen gedacht. Aber die Frau meinte, dass das zu dritt auf längeren Strecken ziemlich unbequem sei und die Fahrer zusammen bleiben sollten. So musste ihr Mann sich in den fensterlosen Wohnteil zurückziehen und bekam so von der Strecke nur sehr wenig zu sehen.
Es ging durch ganz Jugoslawien, so hieß dieses Land damals noch, bis nach Griechenland. Wohin sollte ein Ikarus sonst wohl fahren?
Der Wagen freute sich und spulte brav Kilometer für Kilometer ab. Thessaloniki, die Stadt, welche vor etlichen Jahren durch ein Erdbeben schwer betroffen und zerstört wurde, lud zu einer längeren Pause ein. Alle wollten sich die Füße vertreten und einen kleinen Imbiss zu sich nehmen, es war ja der erste Aufenthalt auf griechischem Boden. Einige der ganz alten Gebäude und Festungsanlagen waren ganz geblieben bzw. renoviert worden. So blickte der weiße Turm, genau wie früher, noch immer trotzig ins Land. Um sich hier etwas länger umzusehen fehlte es an Zeit und wohl auch an Geduld. Alle wollten so bald als möglich in Marmaras, ihrem Ziel sein. So fuhren sie bald weiter, doch einmal mussten sie noch wegen der Düsenjäger, die hier sehr tief über die Strasse auf die Landebahn zuflogen, anhalten. Hier befand sich nämlich ein Militärflughafen. Und sobald Flugzeuge landen oder starten wollten, kamen Militärs aus ihren Hütten heraus und sperrten die Strasse ab. So konnte es vorkommen, dass sich wegen der so tief fliegenden Düsenjäger eine kleine Kolonne bildete, die warten musste bis die Strasse wieder frei war. Nach dem das Abenteuer mit den Flugzeugen überstanden war, Ikarus hat ganz schön gezittert, ging es weiter, vorbei an weiten Flächen mit Obst und Weinkulturen, in Richtung Chalkidike.
Auf dieser Halbinsel mit ihren drei fingerförmigen Landzungen befand sich das Ziel der langen Reise. Der linke Finger mit der Mönchsrepublik Athos und dem Berg Olymp war zu schwer zugänglich und für Frauen sowieso verboten, der ganz rechte mit dem Namen Kassandra war ganz flach und sandig, ein richtiges Paradies für Familien mit Kindern. So blieb nur mehr der mittlere Finger, von dem die Griechen selber meinten, dass er der schönste sei. Dort wollten sie bei Marmaras ihren Urlaub verbringen.
Das Ehepaar kannte diese Plätze schon von einem früheren Urlaub. Es war ein traumhaft schönes Stück Land. Die vielen kleinen Buchten mit ihrem herrlich klarem Wasser luden zum baden und sonnen ein. Nur ab und zu wurde das Badevergnügen durch die kleinen roten Feuerquallen, deren Berührung äußerst schmerz haft war, getrübt. Tauchten diese Biester auf, konnte man nichts ins Wasser. Auch ein Buschbrand, wie er in dieser Region öfter in der heißen Jahreszeit vorkommt, störte die Idylle. Dieser Brand war aber weit genug entfernt, so dass er Ikarus und seinen Insassen nicht gefährlich werden konnte. Das Prasseln und Lohen der Flammen bot wohl ein etwas unheimliches Bild und der Rauch, den man auch aus dieser Entfernung riechen konnte, machte doch einen Eindruck, bei dem einem die Schauer über den Rücken liefen.
Nun, es war so wie der arme Ehemann befürchtete und wie es schon auf der Fahrt begonnen hatte. Seine Frau beschäftigte sich immer häufiger mit dem früheren Besitzer von Ikarus. Manfred, so hieß der neue Besitzer von Ikarus, bekam immer mehr das Gefühl das fünfte Rad am Wagen zu sein und da halfen weder das köstliche mediterrane Essen, die fröhlich klingende Musik und das prächtige Wetter darüber hinweg. Und die frischen blauen Feigen, die sonst so köstlich schmeckten, hatten auf einmal einen faden Geschmack. Selbst der nächtliche Fischfang, wo sie beim Einholen der Netze halfen, bereitete ihm keine Freude mehr. Er gedachte der wunderschönen Zeit, die er zwei Jahre zuvor hier mit seiner Frau verbracht hatte, eine Zeit in der sie sehr glücklich waren, obwohl das damals ohne Auto viel beschwerlicher gewesen war. Manfred war unglücklich.
Als Manfred dann auch noch seine Frau in flagranti mit dem Chauffeur im Bett erwischte, brach eine Welt für ihn zusammen. In seinem Inneren fühlte er das unausweichliche Ende seiner Liebe nahen, zumal seine Frau auch keine Aussprache zuließ. Nun ja, so blieb als einzige Möglichkeit die vorzeitige Heimreise. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass die äußerst spannungsgeladen und ziemlich schweigsam verlief. Ikarus tat das ziemlich leid, am liebsten hätte er einen Motorschaden vorgetäuscht, aber naja, seine Besatzung hatte so schon genug Ärger. Wie es sich in der Folge zeigen sollte, war tatsächlich alles aus. Schade, dass man Ehen nicht so einfach wie kaputte Autos reparieren konnte.
Ja, so endete der Höhenflug des armen Ikarus, da ist er repariert und gemütlich ausgebaut worden für viele gemeinsame reisen. Und nun, die Ehe war nicht mehr zu retten gewesen und die Frau verschwand aus Manfreds Leben, als wäre sie nie da gewesen. Für Ikarus hatte die Frau anscheinend auch keine Verwendung mehr gehabt oder sie überließ ihn einfach ihrem Ex, um ihn zu verhöhnen. Ikarus blieb also weiter bei Manfred, aber dem war das Reisen mit ihm verleidet und so fristete er ein eher kümmerliches Dasein als Kleintransporter. Manfred war zwar ein lieber, herzensguter Mensch, aber sensibel und Geschäftssinn hatte er nicht die Spur.
Einmal musste Ikarus sogar Hausrat bis in die französische Schweiz bringen. Auch mit einer Musikband war er zweimal unterwegs zu Konzerten in größeren Discos auf dem Land. Eigentlich schön, aber da Manfred absolut kein Geschäftsmann war, brachte er bald das Geld für die allernötigsten Reparaturen nicht mehr zusammen und der Zustand von Ikarus wurde immer bedenklicher. Manfred, der nicht besonders stark und auch technisch nicht vorbelastet war, gab sich zwar Mühe. Sogar den Motor baute er aus und reparierte ihn und schaffte es sogar, ihn funktionsfähig wieder einzubauen, so dass Ikarus noch eine zeitlang durchhielt. Aber als dann Monate später sogar noch eine Polizeistrafe fällig wurde, weil er das Auto angeblich nicht fahrbereit längere Zeit auf der Strasse abgestellt hatte, gab unser Manfred endgültig auf. Er verkaufte Ikarus für ein Schandgeld an einem Autohändler in der Hoffnung, das Ikarus einen neuen Besitzer finden würde, mit dem er wieder in die Welt fliegen konnte. Aber nein, jetzt wurde er auch noch als Ersatzteilspender missbraucht. Armer Ikarus, nun hatte er endgültig seine Flügel verloren.

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2 Kommentare

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schade, den IKARUS hätte ich auch gern gehabt
weisst du das im Osten eine Reisebusmarke Ikarus hieß, war ziemlich robust und doch einigermassen konfortabel
  • 06.03.2014, 22:23 Uhr
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Du kannst so gut schreiben ich lese das gern
  • 06.03.2014, 20:07 Uhr
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