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Helfen im Bahnhof

Helfen im Bahnhof

10.03.2014, 21:54 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ob es Treppenstufen fuer Rollstuhlfahrer sind, die Mahlzeiten der Obdachlosen oder die stillen Leiden einer Frau in Not, die Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission helfen...
Seit einem Jahr ist Dieter in Ruhestand und er fragt sich, nachdem er Haus und Garten von oben bis unten auf Vordermann gebracht hat, was mache ich mit der vielen freien Zeit? Weil er unzufrieden ist, soll Freund Manni Abhilfe schaffen, deshalb sitzen sie gemeinsam bei einem Bier in Rudi's Kneipe und diskutieren über ein Ehrenamt bei der Caritas. Erst ist Dieter skeptisch, aber es hoert sich andererseits auch gut an, wie erfuellt das Leben wieder sein kann, durch eine Aufgabe und soziale Kontakte. Bei Durchsicht der Broschuere der Caritas entscheidet er sich: Die Bahnhofsmission soll es sein. 300 Personen nehmen taeglich Hilfsangebote bei der Bahnhofsmission in Anspruch. Ca. 10 Stunden Arbeitsaufwand sind das Mindeste in der Woche und das verspricht einige Abwechslung in seinem Leben.
Ein halbes Jahr spaeter. Vor ein paar Minuten hat Dieter seinen Dienst in der Bahnhofsmission Frankfurt angetreten. Der nicht barrierefreie Zug SE 20 trifft gleich aus Limburg ein und er ist unterwegs zum Gleis 13, wo er einem Rollstuhlfahrer aus dem Zug helfen soll. Der beschwert sich gleich bei ihm, dass die Bahn immer noch nicht barrierefreie Zuege einsetzt, zwinkernd beschwichtigt Dieter ihn, dass er ja zum Helfen da ist.
Auf Gleis 7 faehrt der Zug aus Basel ein. Eine alte Dame, die den Umsteigeservice bestellt hat, wartet mit ihren zwei kleinen Koffern. Sie erkennt Dieter an der Uniform und winkt. Auf dem Weg zum Anschlusszug nach Berlin erzaehlt sie ihm, dass sie ihren Sohn und die Enkelkinder besuchen will und dass sie trotz der anstrengenden Reise sich darauf sehr freut. Er wuenscht ihr eine gute Reise und eilt zurück in die Mission.

Zur Mittagszeit teilt Dieter warme Mahlzeiten und Getraenke aus. Obdachlose, Arbeitslose, Drogenabhängige, Alkoholiker und Einsame, die uebliche Klientel, die sich beim Essen aufwärmen und hier sind, um etwas Ansprache zu haben. Ilona und Peter sind heute auch wieder hier und er hört sich die Sorgen der Beiden an. Sie sind schon lange arbeitslos und ihre Stuetze reicht vorne und hinten nicht.
Seine Kollegin Gisela ruft ihn, einem Mann ist schwindelig und schlecht geworden. Beruhigend redet Dieter auf ihn ein. Er ruft einen Krankenwagen, der rasch eintrifft und den Mann vorsichtshalber mitnimmt. Der Raum muss von Erbrochenen gereinigt werden und Gisela schwingt den Putzlappen und meint, muss wohl am Wetter liegen, es ist schon das zweite mal in dieser Woche, dass einer umkippt. Er kann den Geruch von Erbrochenen nicht ertragen, ihm ist noch leicht schlecht.
Oft ist Dieter ist an der Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit, denn das Elend der Obdachlosen und die Armut vieler Menschen prallen massiv hier auf ihn ein. Aber es gibt auch oft sehr positive Momente. Die Dankbarkeit und das Leuchten in den Augen der Menschen zu sehen, weil er fuer sie ein liebes Wort hat und zuhoert oder eine Hand drueckt, wiegen die weniger guten Dinge seiner Arbeit wieder auf. Gisela, die schon zwei Jahre ehrenamtlich dabei ist und ihm bei seiner Einarbeitung sehr zur Seite gestanden hat, drückt sich so aus: "Entweder geht man hier schnell weg, oder man bleibt ewig dabei." Schon jetzt ist Dieter der festen Ueberzeugung, dass er bleibt, so lange er gesundheitlich gut drauf ist, als Ehrenamtlicher in der Bahnhofsmission Frankfurt.

© Eva V.

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25 Kommentare

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Sehr guter Beitrag, Eva. Ich kann mich gut hinein fühlen in die Situationen!
  • 27.05.2014, 13:21 Uhr
Danke Cornelia
  • 27.05.2014, 16:51 Uhr
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Sehr gut geschrieben, Eva, sowohl die Rolle eines Ehrenamtlichen in der Bahnhofsmission als auch Dieters "Befindlichkeiten".
In der BRD arbeiten über 20 Millionen Menschen ehrenamtlich, und ohne sie würde das gesamte soziale Gefüge in unserem Land zusammenbrechen. Deshalb ist es wichtig, diesen "Dienst am Menschen" auch öffentlich so oft wie möglich zu erwähnen. Gut gemacht.
Liebe Grüße, Georg
  • 16.03.2014, 05:56 Uhr
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Hallo Eva,
es gefällt mir sehr gut in Deiner Geschichte Dieter kennen zu lernen und mit ihm sein Engagement in der Bahnhofsmission. Ich habe das Gefühl selbst mit dabei zu sein.
Dein Beitrag ist ein ganz großes Danke an die vielen "Ehrenämtler", die hier gut durch Dieter vertreten werden.
Sehr schön beschrieben,
  • 12.03.2014, 22:04 Uhr
Danke Cara
  • 15.03.2014, 11:44 Uhr
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Hat mir sehr gefallen, deine "alltägliche" Schilderung eines guten Menschen, ohne jede Verklärung.
  • 12.03.2014, 21:26 Uhr
Danke Robert
  • 15.03.2014, 11:44 Uhr
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Ein lesenswerter Bericht, der auch zum Nachdenken anregt. Beispielhaft ist die Arbeit von Dieter ! Ohne all die Ehrenamtlichen wäre unsere Gesellschaft noch "kälter" .............
  • 12.03.2014, 11:35 Uhr
Danke Marlies
  • 15.03.2014, 11:45 Uhr
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Schön geschrieben, Eva. Wieder ein neuer Aspekt in der Bahnhofsbeschreibung - super!
  • 11.03.2014, 14:02 Uhr
Danke Bine
  • 11.03.2014, 14:31 Uhr
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Hallo Eva,
dein Text ist sehr schön, in einem, ich sage mal, sachlichen, trockenen, schön umschreibenden Stil, erzählt, und diesen Stil hast du auch bis zum Schluss wunderbar durchgehalten. Du kannst dir ja überlegen, ob du im zweiten Absatz den Nebensatz mit "nachdem..." weglassen möchtest. Nur dort bin ich etwas gestolpert und inhaltlich ist der Nebensatz für die Geschichte nicht wichtig.
  • 11.03.2014, 12:59 Uhr
Danke Maddin. Ich wollte das schon so haben, weil meist alle Leute am Anfang noch zu tun haben und dann kommt eine Leere und die Frage, was kommt jetzt weiter. Im uebrigen habe ich die Geschichte eines Kollegen erzaehlt, dem das alles so passiert ist. Finde Deine konstruktiven Kritiken aber sehr wertvoll. Haette ich den Satzbau anders gestalten sollen, dass es nicht holpert?
  • 11.03.2014, 14:39 Uhr
Hallo, Eva, inhaltlich kannst du es lassen. Meinem Eindruck nach ließt es sich flüssig, wenn du einfach das "nachdem" weglässt und in etwa so schreibst:
"Seit einem Jahr ist Dieter im Ruhestand und hatte Haus und Garten von oben bis unten auf Vordermann gebracht. Jetzt fragte er sich, was er in seiner Freizeit anfangen sollte."
Dieses "Jetzt" rückt das Geschehen in unmittelbare Nähe, obwohl es im Imperfekt (Vergangenheit) geschrieben ist. Ein kleiner Trick. Wenn es geht meide ich Nebensätze mit "Nachdem". Beim Schreiben stelle ihr mir oft vor, wie unmittelbar nah (lebendig) ich dem Leser meine Geschichte bringen kann, auch wenn sie von Vergangenem handelt.
  • 11.03.2014, 16:11 Uhr
Danke fuer den Tipp,lieber Maddin
  • 11.03.2014, 21:56 Uhr
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Den Kommentaren kann ich mich anschließen, Eva. Sehr ausführlich und nach vollziehbar geschildert. Ein sehr guter Beitrag, der nachdenklich macht und die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer hervor hebt und würdigt.
  • 11.03.2014, 10:24 Uhr
Danke Guenter
  • 11.03.2014, 14:42 Uhr
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Sehr authentisch und einfühlsam beschrieben, dieses Ehrenamt bei der Bahnhofs-Mission! Danke Eva, für diese Schilderung der wichtigen Aufgabe eines Ehrenamtes.
  • 11.03.2014, 09:39 Uhr
Danke Elisabeth
  • 11.03.2014, 14:42 Uhr
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Schön geschrieben und sicher eine Anregung sich auch selbst ehrenamtlich zu engagieren. Mache selbst ehrenamtliche rechtliche Betreuung und weiss das auch ein Lächeln, eine freundliche Bemerkung oder nur ein Zuhören ungeheuer wertvoll sind.
  • 11.03.2014, 09:19 Uhr
Danke Werner, finde ich auch
  • 11.03.2014, 14:42 Uhr
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