Die Entgleisung
Die Entgleisung

Die Entgleisung

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Entgleisung

Keine Angst es war nicht ein Zug der entgleist ist, nur ihre Gefühle.
Sie war auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle, die allerdings 20 km weit entfernt von ihrem Zuhause war. Das hieß jeden Tag mit dem Zug fahren. Anfangs sah sie sich die Gegend an, der Herbst hatte sein buntes Kleid schon angelegt, doch mit der Zeit nahm sie auch die Reisenden wahr. Manche sah sie immer öfter und dachte bei sich, auch Pendler, wie ich. Mit Einigen kam sie sogar ins Gespräch, doch der gutaussehende Mann gegenüber war schweigsam und nickte manchmal ein. Als die ersten Schneeflocken fielen, freute sie sich wie ein Kind.
„Es schneit“ rief sie laut und entlockte dem Mann ein Schmunzeln. Endlich war das Eis gebrochen und sie begannen sich über die verschiedenen Jahreszeiten und ihre Besonderheiten zu unterhalten. Später erfuhr sie, dass er von der Nachtschicht nachhause fuhr. Darum also sah sie ihn nur in gewissen Abständen.
Sie freute sich bei jedem Wiedersehen und sah auch die Freude in seinen Augen. Beide waren nicht mehr die Jüngsten und waren schon lange verheiratet, doch die Schmetterlinge im Bauch waren erwacht und die gemeinsame Zeit im Zug reichte bald nicht mehr, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Manchmal saß er schon im Zug, wenn sie nachhause fuhr, oder sie versuchte ihn am Bahnhof, wo er arbeitete, ganz zufällig zu treffen. Inzwischen war es Sommer geworden
Eines Tages, es war Freitag der 13. hörte sie im Radio das Horoskop des Widders und das versprach ein prickelndes Erlebnis, falls sie heute einen bestimmten Platz aufsuchen würde. Das konnte nur der Bahnhof sein! Gedacht, getan. Schon war sie unterwegs und traute ihren Augen nicht. Da stand er im Kiosk und kaufte sich die Zeitung. Er erblickte sie auch und war freudig überrascht, denn es war gar nicht die Zeit ihrer gemeinsamen Zugfahrt.
Dieser Zufall war ihr Glücksfall. Diesmal fuhren sie in seinem Auto, sie nicht in die Arbeit und er nicht nachhause. Ein Wald, den sie vom Zug aus oft gesehen haben war ihr Ziel.
Nichts mehr war wichtig, nur Sie und Er! Doch die Zeit war begrenzt.
„Wir müssen nachhause gehen“. Es war eine einmalige Entgleisung, sie waren sich sicher. Noch Jahre danach saßen sie im Zug nebeneinander, hatten immer etwas zu erzählen, von den Kindern, von der Arbeit, doch nie mehr von ihren Gefühlen.

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