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Die Entgleisung

Die Entgleisung

12.03.2014, 11:59 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Entgleisung

Keine Angst es war nicht ein Zug der entgleist ist, nur ihre Gefühle.
Sie war auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle, die allerdings 20 km weit entfernt von ihrem Zuhause war. Das hieß jeden Tag mit dem Zug fahren. Anfangs sah sie sich die Gegend an, der Herbst hatte sein buntes Kleid schon angelegt, doch mit der Zeit nahm sie auch die Reisenden wahr. Manche sah sie immer öfter und dachte bei sich, auch Pendler, wie ich. Mit Einigen kam sie sogar ins Gespräch, doch der gutaussehende Mann gegenüber war schweigsam und nickte manchmal ein. Als die ersten Schneeflocken fielen, freute sie sich wie ein Kind.
„Es schneit“ rief sie laut und entlockte dem Mann ein Schmunzeln. Endlich war das Eis gebrochen und sie begannen sich über die verschiedenen Jahreszeiten und ihre Besonderheiten zu unterhalten. Später erfuhr sie, dass er von der Nachtschicht nachhause fuhr. Darum also sah sie ihn nur in gewissen Abständen.
Sie freute sich bei jedem Wiedersehen und sah auch die Freude in seinen Augen. Beide waren nicht mehr die Jüngsten und waren schon lange verheiratet, doch die Schmetterlinge im Bauch waren erwacht und die gemeinsame Zeit im Zug reichte bald nicht mehr, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Manchmal saß er schon im Zug, wenn sie nachhause fuhr, oder sie versuchte ihn am Bahnhof, wo er arbeitete, ganz zufällig zu treffen. Inzwischen war es Sommer geworden
Eines Tages, es war Freitag der 13. hörte sie im Radio das Horoskop des Widders und das versprach ein prickelndes Erlebnis, falls sie heute einen bestimmten Platz aufsuchen würde. Das konnte nur der Bahnhof sein! Gedacht, getan. Schon war sie unterwegs und traute ihren Augen nicht. Da stand er im Kiosk und kaufte sich die Zeitung. Er erblickte sie auch und war freudig überrascht, denn es war gar nicht die Zeit ihrer gemeinsamen Zugfahrt.
Dieser Zufall war ihr Glücksfall. Diesmal fuhren sie in seinem Auto, sie nicht in die Arbeit und er nicht nachhause. Ein Wald, den sie vom Zug aus oft gesehen haben war ihr Ziel.
Nichts mehr war wichtig, nur Sie und Er! Doch die Zeit war begrenzt.
„Wir müssen nachhause gehen“. Es war eine einmalige Entgleisung, sie waren sich sicher. Noch Jahre danach saßen sie im Zug nebeneinander, hatten immer etwas zu erzählen, von den Kindern, von der Arbeit, doch nie mehr von ihren Gefühlen.

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20 Kommentare

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Eine schöne Geschichte , liebe Kunigunde
Aber wenn tiefere Gefühle im Spiel gewesen wären hätten sie es meines Erachtens nicht geschafft , jahrelang immer wieder zusammen zu treffen ohne ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit nach zu geben . Denn dazu müssten sie sich selbst kastreien .
Wenn man eine Liebe nicht leben kann , aus welchen Gründen auch immer , muß man sich kosequent aus dem Wege gehen um nicht rückfällig zu werden und erst nach langem Abstand werden die Gefühle stiller , so daß sie nicht mehr weh tun .
Ich könnte einen Menschen den ich liebe und begehre nicht ständig sehen und so tun als wäre nichts gewesen , würde daran kaputt gehen .
  • 07.10.2014, 18:20 Uhr
stimmt , wir sahen uns nur selten und ab einer gewissen Zeit nur zufällig.
  • 07.10.2014, 18:41 Uhr
War wahrscheinlich auch besser so , denn mit allem anderen tut man sich zu weh .
Und du warst sehr stark , wenn es deine Geschichte war .
wünsche dir einen schönen Abend . LG Uschi
  • 07.10.2014, 18:45 Uhr
Liebe Uschi, Dir will ich es jetzt erzählen. Heute habe ich die Nachricht bekommen, dass Er mit Demenz in einer geschlossenen Anstalt gelandet ist-tut mir richtig weh.
  • 04.12.2014, 19:56 Uhr
Liebe Kunigunde ,
da tut mir leid zu hören . Ich glaube dir gerne , daß dir das weh tut . Es waren ja zwischen euch tiefe Gefühle im Spiel und auch wenn ihr nicht zusammen sein durftet , hast du ihn doch im Herzen bewahrt . Ich hoffe mit dir , daß er nicht soviel von seinem Leiden mitbekommt und auch nicht so sehr leiden muß .
Dir wünsche ich , daß es dich nicht zu sehr runter zieht .
Gute Nacht , meine Liebe und alles Gute .
Liebe Grüße . Uschi
  • 04.12.2014, 22:23 Uhr
danke Uschi, wir waren letztendlich sehr gute Freunde geworden, haben uns selten gehört und gesehen, denn die Familien hatten immer Vorrang. Ich hoffe auch dass er, bzw. Jeder der an dieser Krankheit leidet, nicht weiß wie " er auf die Umgebung wirkt, traurig, doch Manche leben dann in einer anderen Welt. Liebe Grüße, Kunigunde
  • 05.12.2014, 13:07 Uhr
Guten Tag liebe Kunigunde ,
keiner kann ja wirklich sagen , was die Betroffenen empfinden und was in den Köpfen vorgeht . Man kann wirklich nur hoffen , daß es in der ihnen eigenen Welt das Leben für die Kranken gut zu ertragen ist . Und man kann für sich selbst nur hoffen , daß man verschont bleibt .
Aber keiner weiß , was das Leben einem noch so alles bringt . Und das möchte ich auch nicht im Voraus wissen , sonst würde man sich ja verrückt machen und könnte das Leben nicht mehr genießen .
Ich wünsche dir ein besinnliches 2. Adventwochenende
und daß es dir gut geht .
Liebe Grüße . Uschi
  • 05.12.2014, 15:21 Uhr
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Irgendwie schade, aber ich neige immer dazu auf ein happy end zu warten.
Eine sehr schöne Geschichte liebe Kunigunde. Sie hat mir trotzdem sehr gut gefallen.
  • 28.05.2014, 11:27 Uhr
es war ein happy end für meine Ehe
  • 28.05.2014, 15:33 Uhr
na dann ist es ja gut.
  • 28.05.2014, 20:45 Uhr
  • 28.05.2014, 20:45 Uhr
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Schön, schön zu lesen und mitten heinein in das wahre Leben. Für mich ist es , wenn auch nicht das Happy End, aber der Gewinn einer langen "Freundschaft?", bzw. so einer guten Bekanntschaft, auf die man zählen kann. Ich finde dies wertvoller als ein Happy End für den Moment.
  • 05.04.2014, 09:07 Uhr
Leider ist mit dem Zeitpunkt der Rente der " Zufall" zu einer Begegnung nicht mehr aktuell
  • 02.05.2014, 10:06 Uhr
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Ich habe auch lange gebraucht, Kunigunde, um zu begreifen, dass nicht jede Frau, mit der ich ein rauschendes Fest der Liebe feiern durfte, als Partnerin zu mir passte. Du hast diese "Weisheit" in eine nette Geschichte gepackt.
Liebe Grüße, Georg
  • 16.03.2014, 01:16 Uhr
gepasst hätte es vielleicht schon, aber es war der falsche Zeitpunkt und für mich war die Familie das höchste Gut. Grüße aus Landshut, Kunigunde
  • 16.03.2014, 11:32 Uhr
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danke für das lesenswert
  • 12.03.2014, 22:02 Uhr
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Schade eigentlich - obwohl dein Schluss wohl näher am Leben ist als ein Happy-end.
  • 12.03.2014, 21:30 Uhr
kostete viel Überwindung, doch der Verstand hat gesiegt
  • 12.03.2014, 21:59 Uhr
Gut geschrieben und sicherlich ziemlich realitätsnah. Nichtsdestotrotz wäre mir ein Happy-End lieber gewesen (im realen Leben hindert uns meistens die Angst vor dem Unbekannten davor - von daher möchten wir es wenigstens in unserer Fantasie haben).
  • 14.03.2014, 00:03 Uhr
danke Annette,
  • 14.03.2014, 10:45 Uhr
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