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Der Gast

14.03.2014, 12:38 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

"Kann sein, dass bei mir schon mal ein richtiger Engel zu Besuch war", hatte Frank gerade gesagt. Ein Engel? Ist der Mann verrückt, fragte ich mich und beäugte ihn argwöhnisch. Dabei sah er doch ganz normal aus, selbstsicher, direkt, und wirkte dabei sehr freundlich.
Seit Wochen ging ich tagtäglich in die Bahnhofsklause. Zum einen war es die einzige Gaststätte, die schon ab sieben Uhr geöffnet hatte, zum anderen herrschte hier eine besondere Atmosphäre. Es gab wenig Stammgäste; die meisten waren Reisende, die zwischen zwei Zügen Zeit für ein Getränk oder einen Imbiss hatten. Diesen fehlte oft die Scheu, sich zu anderen zu setzen - wahrscheinlich hatten sie sich während ihrer Zugfahrt daran gewöhnt. Oder waren einfach mitteilungsbedürftig. Und sie erzählten häufig sehr intime Geschichten, berichteten über seltsame Ereignisse, die ihnen widerfahren waren. Vielleicht fehlte die Hemmschwelle, die sie bei ihren Bekannten und in ihren Heimatstädten hatten, weil sie hier eben keiner kannte und sie nicht vorhatten, noch einmal nach hier zurück zu kommen. So hatte ich auch Frank kennen gelernt.
Dieser spann den Faden weiter: "Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich damals ganz tief unten war und nicht die Kraft fand, wieder hoch zu kommen. Ich hatte meinen Job verloren und trank mehr, als mir gut tat. Dann verließ mich meine Frau und ich trank noch mehr. Irgendwann begann ich schon morgens mit dem Trinken, bekam nur noch das Notwendigste geregelt."
Seine Ausstrahlung verriet, dass er mittlerweile trocken sein musste. Als ob er meine Gedanken bestätigen wollte, bestellte er sich einen Kaffee; ich blieb bei meinem Bier.
"Eines Morgens gegen elf klingelte es an meiner Haustür. Da um diese Zeit immer der Postbote kam und dieser mich kannte und wusste, was mit mir los war, öffnete ich. Es stand aber ein Mann vor mir, den ich noch nie gesehen hatte und der sich als Pater Anselm vorstellte. Er hatte Augen, die mich so intensiv anblickten, wie ich es selten erlebt hatte, und nachdem er mir mitgeteilt hatte, dass er gekommen sei, um mit mir zu reden, ließ ich ihn - geradezu willenlos - eintreten. Er sei Laienbruder und lebe in einem Kloster in der Nähe von Münster, seine Aufgabe sei es, seinen Mitmenschen zu helfen. Ich erschrak: war ich etwa als Säufer schon stadtbekannt? Doch der Pater ging mit keinem Wort auf mein Trinken ein, obwohl jeder, der mich und meine Wohnung sah, sofort Bescheid wissen musste. Er redete über die Möglichkeiten, die wir Menschen hatten, um uns zu verwirklichen und um ein gutes Leben zu führen. Alles Dinge, über die ich mir auch schon Gedanken gemacht hatte. Doch es hatte mir immer die Kraft gefehlt, diese Dinge auch zu tun."
Ich nickte.
Frank fuhr fort: "Schon nach kurzer Zeit hatte er mich in seinen Bann gezogen. Nicht so sehr wegen seiner Worte, sondern wegen seiner Art. Er behandelte mich respektvoll (ich selbst hatte mittlerweile jeden Respekt vor mir selbst verloren) und ich fühlte mich seit langer Zeit wieder als Mensch ANGENOMMEM.
Nach etwa einer Stunde verabschiedete er sich. Es war genau zwölf Uhr. Und plötzlich erfüllte mich eine ganz große Zuversicht, so, wie ich es noch nie erlebt hatte, und ich wußte tief in meinem Innern, dass jetzt endlich alles gut werden würde."
Ich wollte gerade fragen, was denn jetzt mit dem Engel sei, doch Frank kam mir zuvor: "Und so kam es auch. Am nächsten Tag hörte ich mit dem Trinken auf; es fiel mir sehr schwer, doch es klappte auf Anhieb, und irgendwann hörte das Zittern auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich deshalb wieder richtig stolz auf mich! Dann rief mein alter Arbeitgeber an. Die Auftragslage hatte sich wieder gebessert und er wollte mich wieder einstellen. Ein paar Monate später lernte ich eine neue Frau kennen. Alles war gut, aber ich musste jeden Tag an Pater Anselm denken. WAS hatte der mit mir gemacht, und WIE hatte er die Dinge so beeinflussen können? Das konnte doch kein Mensch! Und da hatte ich die Lösung: Pater Anselm konnte kein Mensch sein, er musste ein höheres, mächtiges Wesen sein, wahrscheinlich mein Schutzengel. Ich wollte ihn suchen, notfalls alle Klöster in der Nähe von Münster aufsuchen, ihn wiedersehen, ihn sprechen, ihm tausend Fragen stellen. Doch immer, wenn ich dahingehend irgendetwas unternehmen wollte, hinderte mich irgend etwas daran... Und irgendwann begriff ich: es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob er jetzt ein Engel ist oder ein richtiger Pater oder wer auch immer. Entscheidend ist doch einzig und allein: als ich ganz tief unten war, hatte ich häufiger um Hilfe GEBETEN, und letztendlich hatte ich doch Hilfe BEKOMMEN!"
ICH hatte auch schon öfter um Hilfe gebeten, doch zu MIR war KEINER gekommen. Dies wollte ich gerade laut sagen, doch unvermittelt erhob sich Frank. Er müsse jetzt gehen, seine Reise ginge weiter. Er sah mir noch einmal tief in die Augen, wandte sich um und ging zum Ausgang. Meine Blicke hefteten sich an seinen Rücken, bis die Tür sich hinter ihm schloss. Im gleichen Moment begannen die Glocken der nahen Kirche zu läuten. Ich zählte zwölf Schläge. Und plötzlich erfüllte mich eine ganz große Zuversicht, so, wie ich es noch nie erlebt hatte, und ich wußte tief in meinem Innern, dass jetzt endlich alles gut werden würde.

(c) Georg Lackmann

Über konstruktive Kritik, ohne Einschränkungen, freue ich mich. Eine Diskussion über die Existenz von Engeln sollte allerdings im Themenbereich "Religion" stattfinden.

16 Kommentare

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Eine schöne Geschichte, aus dem Leben gegriffen, die anderen auch Mut macht, einen Ausstieg zu wagen - und zu schaffen. Danke, Georg.
  • 03.05.2014, 23:57 Uhr
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Bei dem erwähnten Pater Amseln musste ich gleich an Pater Amseln Grün denken, dessen Bücher mir in schweren Stunden viel Trost gegeben haben. Die Geschichte berührt mich, weil es auch hin meinem Leben immer weder Momente gibt, wo ich Glückseligkeit und tiefes Verbundensein mit allem spüre. Dieses erfahre ich oft in meinen Zen-Sesshin. Du musst es nicht außen suchen, es ist immer schon in Dir. Dazu ein Textausschnitt von Teresa von Avila. "Möge heute Frieden in deinem Innern sein. Mögest du darauf vertrauen, dass du genauso bist wie du gemeint bist." Dann brauchst du keine Ersatzdrogen/-beschäftigungen mehr. Das ist es doch, was Deine Geschichte im tieferen Sinne meint?
  • 21.04.2014, 10:18 Uhr
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Mich hat die Geschichte inhaltlich überzeugt, weil ich in meinem Umfeld fast genau so eine Geschichte kenne. Ereignisse, die etwas von Grund aus ändern, können auch auf den Menschen so einwirken, dass er die Kraft findet, sich ebenfalls zu ändern.
  • 21.03.2014, 19:55 Uhr
Danke Dir, Kunigunde.
Es gibt natürlich auch den Spruch: " Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann auf der anderen Seite der Welt das Wetter ändern." Wir wissen also (fast (?)) nie ganz genau, welche Auswirkungen unser Handeln hat. Wenn aber offensichtlich aus etwas Gutem etwas Gutes folgt, dann ist das etwas sehr Gutes (mein Gott, welch Satz!?!).
  • 31.03.2014, 23:00 Uhr
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Diese Geschichte gefällt mir gut, Georg!
Ich meine, dass die Block-Großschreibung einiger Wörter nicht notwendig ist, um sie zu betonen. Jedenfalls für mein Gefühl.
Dass der Ich-Erzähler selbst in einer ähnlichen Lage ist, wie Frank es früher war, habe ich mir schon anfangs gedacht, denn ich habe da Vorurteile: Wer geht morgens um 7 schon in die Bahnhofskneipe, wenn er nicht auf den Zug warten muss?
Meine Interpretation: Vielleicht hat dieser Ich-Erzähler heimlich gerade auf das Unwahrscheinliche gewartet, nämlich einen rettenden Engel. Frank erkannte sich selbst in dem anderen und hütete sich daher, ihm Ratschläge zu erteilen. Stattdessen erzählt er ihm eine Geschichte.
  • 21.03.2014, 13:13 Uhr
Danke dir, Birgit.
Zur Blockschrift: geht mir genauso auf den Geist, aber: ich schreibe die Texte in word-pad, und hebe einzelne Wörter KURSIV hervor. Nach dem Kopieren ist das Kursive weg; keine Ahnung, warum. Deshalb die Blockschrift.
Zu deinen Vorurteilen: er hätte ja auch aus Langeweile dort sitzen können, Wasser trinkend, vielleicht auf nette Geschichten wartend. Aber Du hast Recht: die Wahrscheinlichkeit, dass er auch trinkt, ist ziemlich hoch. Es sollte dem Leser natürlich auch im Nachhinein klar sein, deshalb auch keine Begegnung beispielsweise auf einer Parkbank.
Welche Umstände wären deiner Meinung nach geeigneter gewesen?
Das Entscheidende an den Begegnungen ist für mich - neben dem "Fehlen" der Ratschläge (die in so einem Fall selten etwas nutzen) - das Annehmen des anderen, so wie er ist, also das Fehlen von Respektlosigkeit.
  • 21.03.2014, 16:03 Uhr
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Ein schönes Werk über Chancen und Möglichkeiten. Und über Begegnungen ...
Es spielt eigentlich keine Rolle, ob man diese Begegnung mit einem Menschen oder einem Engel stattfand. Die Berührung daraus ist es wohl, die uns engelsgleich erscheint.
Ich mag solche menschlichen Texte, Georg. Und deiner gefällt mir gut.

Konstruktiv ist mir nur ein Zeitfehler im zweiten Absatz aufgefallen: "ab sieben Uhr geöffnet hatte." wäre vielleicht besser. Und "ich selbst hatte mittlerweile jeden Respekt vor mir selbst verloren" würde ich in Klammern setzten anstatt in Gedankenstriche, weil das stilistisch die Bedeutung verändert, resignativer wirkt.
  • 19.03.2014, 18:58 Uhr
Ich danke dir für deine Tips, Robert.
Mit den Zeitformen stehe ich gelegentlich auf Kriegsfuß und Gedankenstriche habe ich bisher ziemlich gedankenlos gesetzt. Wir sollten sie wohl nur dann anwenden, wenn eine kleine Pause beim Lesen gewünscht ist oder der eingeschobene Satz den Gedankenfluss unterbricht.
Es freut mich, dass dir der Text gefällt. Wann ist dir beim Lesen aufgegangen, dass sich die Geschichte zwischen Pater Anselm und Frank jetzt zwischen Frank und dem Erzähler wiederholt? Meine Absicht war, dass dies frühestens beim Klang der Kirchenglocken geschehen sollte. Falls das nicht gelungen ist: wodurch könnte es gelingen?
  • 21.03.2014, 10:26 Uhr
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Ist diese Geschichte authentisch ? Dann würde ich sagen, dass dieser Frank wahrscheinlich zu dir geschickt wurde mit der Botschaft, dass alles jetzt besser würde. Das Glockengeläut in dem Moment konnte darauf hin deuten. Sehr schön geschrieben.
  • 16.03.2014, 12:34 Uhr
Die Geschichte um den Erzähler ist reine Fiktion, Brigitte. Die Ich-Form bot sich meiner Meinung nach einfach an, da die "alte" Geschichte sich ja mit einem Rollenwechsel wiederholt.
Danke dir, und auch an dich dieselbe Frage wie an Robert: wann war dir alles klar?
  • 21.03.2014, 10:39 Uhr
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Es gibt höhere Kräfte man muss nur daran Glauben ..
  • 16.03.2014, 07:41 Uhr
Danke, Arno, ich glaube auch, dass Shakespeare Recht hat, wenn er sagt: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt".
  • 16.03.2014, 12:07 Uhr
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Das gefällt mir sehr gut, es macht Mut.
  • 15.03.2014, 20:52 Uhr
Danke, Monika,
ich denke, heutzutage können wir Mut und Hoffnung gut gebrauchen. Ich danke dir und liebe Grüße, Georg.
  • 15.03.2014, 23:27 Uhr
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Macht viel Freude, Deine Geschichte.....Danke Georg
  • 15.03.2014, 02:21 Uhr
Ich grüße dich, Peter, und freue mich über deine Freude.
Vielen Dank, bis später und liebe Grüße, Georg.
  • 15.03.2014, 23:29 Uhr
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