Der Gast

Beitrag von wize.life-Nutzer

"Kann sein, dass bei mir schon mal ein richtiger Engel zu Besuch war", hatte Frank gerade gesagt. Ein Engel? Ist der Mann verrückt, fragte ich mich und beäugte ihn argwöhnisch. Dabei sah er doch ganz normal aus, selbstsicher, direkt, und wirkte dabei sehr freundlich.
Seit Wochen ging ich tagtäglich in die Bahnhofsklause. Zum einen war es die einzige Gaststätte, die schon ab sieben Uhr geöffnet hatte, zum anderen herrschte hier eine besondere Atmosphäre. Es gab wenig Stammgäste; die meisten waren Reisende, die zwischen zwei Zügen Zeit für ein Getränk oder einen Imbiss hatten. Diesen fehlte oft die Scheu, sich zu anderen zu setzen - wahrscheinlich hatten sie sich während ihrer Zugfahrt daran gewöhnt. Oder waren einfach mitteilungsbedürftig. Und sie erzählten häufig sehr intime Geschichten, berichteten über seltsame Ereignisse, die ihnen widerfahren waren. Vielleicht fehlte die Hemmschwelle, die sie bei ihren Bekannten und in ihren Heimatstädten hatten, weil sie hier eben keiner kannte und sie nicht vorhatten, noch einmal nach hier zurück zu kommen. So hatte ich auch Frank kennen gelernt.
Dieser spann den Faden weiter: "Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich damals ganz tief unten war und nicht die Kraft fand, wieder hoch zu kommen. Ich hatte meinen Job verloren und trank mehr, als mir gut tat. Dann verließ mich meine Frau und ich trank noch mehr. Irgendwann begann ich schon morgens mit dem Trinken, bekam nur noch das Notwendigste geregelt."
Seine Ausstrahlung verriet, dass er mittlerweile trocken sein musste. Als ob er meine Gedanken bestätigen wollte, bestellte er sich einen Kaffee; ich blieb bei meinem Bier.
"Eines Morgens gegen elf klingelte es an meiner Haustür. Da um diese Zeit immer der Postbote kam und dieser mich kannte und wusste, was mit mir los war, öffnete ich. Es stand aber ein Mann vor mir, den ich noch nie gesehen hatte und der sich als Pater Anselm vorstellte. Er hatte Augen, die mich so intensiv anblickten, wie ich es selten erlebt hatte, und nachdem er mir mitgeteilt hatte, dass er gekommen sei, um mit mir zu reden, ließ ich ihn - geradezu willenlos - eintreten. Er sei Laienbruder und lebe in einem Kloster in der Nähe von Münster, seine Aufgabe sei es, seinen Mitmenschen zu helfen. Ich erschrak: war ich etwa als Säufer schon stadtbekannt? Doch der Pater ging mit keinem Wort auf mein Trinken ein, obwohl jeder, der mich und meine Wohnung sah, sofort Bescheid wissen musste. Er redete über die Möglichkeiten, die wir Menschen hatten, um uns zu verwirklichen und um ein gutes Leben zu führen. Alles Dinge, über die ich mir auch schon Gedanken gemacht hatte. Doch es hatte mir immer die Kraft gefehlt, diese Dinge auch zu tun."
Ich nickte.
Frank fuhr fort: "Schon nach kurzer Zeit hatte er mich in seinen Bann gezogen. Nicht so sehr wegen seiner Worte, sondern wegen seiner Art. Er behandelte mich respektvoll (ich selbst hatte mittlerweile jeden Respekt vor mir selbst verloren) und ich fühlte mich seit langer Zeit wieder als Mensch ANGENOMMEM.
Nach etwa einer Stunde verabschiedete er sich. Es war genau zwölf Uhr. Und plötzlich erfüllte mich eine ganz große Zuversicht, so, wie ich es noch nie erlebt hatte, und ich wußte tief in meinem Innern, dass jetzt endlich alles gut werden würde."
Ich wollte gerade fragen, was denn jetzt mit dem Engel sei, doch Frank kam mir zuvor: "Und so kam es auch. Am nächsten Tag hörte ich mit dem Trinken auf; es fiel mir sehr schwer, doch es klappte auf Anhieb, und irgendwann hörte das Zittern auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich deshalb wieder richtig stolz auf mich! Dann rief mein alter Arbeitgeber an. Die Auftragslage hatte sich wieder gebessert und er wollte mich wieder einstellen. Ein paar Monate später lernte ich eine neue Frau kennen. Alles war gut, aber ich musste jeden Tag an Pater Anselm denken. WAS hatte der mit mir gemacht, und WIE hatte er die Dinge so beeinflussen können? Das konnte doch kein Mensch! Und da hatte ich die Lösung: Pater Anselm konnte kein Mensch sein, er musste ein höheres, mächtiges Wesen sein, wahrscheinlich mein Schutzengel. Ich wollte ihn suchen, notfalls alle Klöster in der Nähe von Münster aufsuchen, ihn wiedersehen, ihn sprechen, ihm tausend Fragen stellen. Doch immer, wenn ich dahingehend irgendetwas unternehmen wollte, hinderte mich irgend etwas daran... Und irgendwann begriff ich: es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob er jetzt ein Engel ist oder ein richtiger Pater oder wer auch immer. Entscheidend ist doch einzig und allein: als ich ganz tief unten war, hatte ich häufiger um Hilfe GEBETEN, und letztendlich hatte ich doch Hilfe BEKOMMEN!"
ICH hatte auch schon öfter um Hilfe gebeten, doch zu MIR war KEINER gekommen. Dies wollte ich gerade laut sagen, doch unvermittelt erhob sich Frank. Er müsse jetzt gehen, seine Reise ginge weiter. Er sah mir noch einmal tief in die Augen, wandte sich um und ging zum Ausgang. Meine Blicke hefteten sich an seinen Rücken, bis die Tür sich hinter ihm schloss. Im gleichen Moment begannen die Glocken der nahen Kirche zu läuten. Ich zählte zwölf Schläge. Und plötzlich erfüllte mich eine ganz große Zuversicht, so, wie ich es noch nie erlebt hatte, und ich wußte tief in meinem Innern, dass jetzt endlich alles gut werden würde.

(c) Georg Lackmann

Über konstruktive Kritik, ohne Einschränkungen, freue ich mich. Eine Diskussion über die Existenz von Engeln sollte allerdings im Themenbereich "Religion" stattfinden.