Begegnung
BegegnungFoto-Quelle: © Christian Müller - www.Fotolia.com

Begegnung

Beitrag von wize.life-Nutzer

Dieser Bahnhofs Geruch! Ich glaube, alle Bahnhöfe, die ich kenne ,riechen gleich. Obwohl die Züge schon lange nicht mehr mit Kohle angetrieben werden,liegt ein leicht brenzliger Geruch über Allem und kratzt in Hals und Nase. Vielleicht ist es aber auch nur Einbildung oder etwa Erinnerung an damals, als Züge wirklich noch so rochen. Ich jedenfalls muss mich räuspern .
So stehe ich also, nach dreistündige Fahrt, vergeblichen Versuchen, mich auf mein Buch zu konzentrieren, das ich mitgenommen hatte, um mich abzulenken von den Erwartungen, voll unruhiger Erwartung auf Bahnsteig elf, Stuttgart HBF.
So lange haben wir uns nicht gesehen, nicht miteinander geredet. Es sah ganz danach aus, als sei der Zauber verlorengegangen, der einmal zwischen uns funkelte. Als du dann angerufen hast, war es dein Lachen, das mich traf, wie beim ersten Mal. Und sofort wusste ich, dass ich dich wiedersehen will, dass ich mich auf den Weg zu dir machen würde, voller Ungeduld, ohne Vorbehalte.
Ein Jahr kann lang sein oder kurz. Drei Stunden können sehr lang sein, unendlich dachte ich unterwegs. Doch jetzt stehe ich hier, sehe mich um. Niemand da , der mich erwartet. In meinem Kopf purzeln die Gedanken durcheinander. Was bedeutet das? Habe ich dir nicht die richtige Ankunftszeit genannt? Bin ich zu früh? Bist du zu spät? Was konnte dich aufhalten? Hättest du mich nicht benachrichtigt, wenn du verhindert wärst?
Zehn Minuten stehe ich schon da und warte, wie fest gewachsen,Ich warte nicht gerne, nie.
Was also soll ich tun. Ich gehe langsam nach vorne, Richtung Lok und Ausgang. Mir ist klar, wenn ich den Bahnsteig verlasse, wird alles unübersichtlich, viele Menschen, mehrere Ausgänge . Wenn ich auf dem Bahnsteig bleibe, wirst du mich sicher finden,wenn du kommst. Wenn du kommst.
Gestern war ich sicher, dass wir uns sehen werden, und nun ist da das kleine Mädchen, das nie wusste, ob es dazu gehören darf, ob da jemand ist, der es liebt.
Ganz vorne am Bahnsteig, setze ich mich auf die erste Bank. Das Atmen fällt mir schwer, mir ist leicht schwindlig . Einen Schluck Wasser trinken, das wird mir guttun. Ich ziehe die Wasserflasche aus der Umhängetasche ,in der so viele unnötige Dinge Platz haben, die ich alle gern bei mir habe,wenn ich unterwegs bin. Notizbuch und Schreiber, Spiegel und Lippenstift, Nähetui, Brillenputztuch, ein Stück Rosenquarz,mein Lieblingsparfüm.
Einen Schluck trinken denke ich. Mein Mund ist trocken, ich nehme einen Schluck. Das Wasser ist nicht mehr frisch. Ich halte es eine Weile im ,Mund ehe ich schlucke, schraube die Flasche zu und will sie in die Tasche zurückstecken, die zwischen meinen Füssen steht.
Dabei fällt mein Blick auf nackte Männerfüsse in hellen Sandalen. Mein Blick wandert nach oben.Helle, enge Hose, rotes , weites Hemd. Er muss diesen Sommer viel draussen gewesen sein, seine Haut hat so einen Schimmer und das Grinsen reicht von einem Ohr bis zum andern. "Stehst du schon lange da?"frage ich und er lacht und antwortet: "ich schau dich halt gern an."

Käthe Kollwitz Str 1, 66787 Wadgassen auf der Karte anzeigen:
Hier klicken um Karte zu öffnen
Mehr zum Thema