Sie geht jeden Tag unter..........und immer wieder auf
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Ereignisreiche Kinderjahre Teil 1

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Jahre 1959/1960 hatten es in sich. Ich war gerade mal 10 Jahre alt. Meine Eltern hatten es geschafft, sich ein Haus zu bauen. Das war ihr größter Wunsch über Jahre hinweg. Heute noch frage ich mich, wie sie das unter den damaligen Verhältnissen geschafft haben. Mein Vater, ein sehr ruhiger Mann, hatte den linken Arm durch den Krieg als 17 jähriger verloren, am rechten Arm waren seitdem fast vollständig Elle und Speiche zertrümmert, entfernt worden und dadurch die Finger steif und unbeweglich. Das Einzigste, er konnte Daumen- und Zeigefingerkuppe aufeinander legen. Er war 100% schwerstbeschädigt mit einer ständigen Begleitperson und doch ging er jeden Tag seiner Arbeit am Bahnhof Mühlhausen nach. Er kannte fast alle Zugverbindungen der DDR und der Transitzüge aus dem Kopf, brauchte kaum einen Fahrplan und arbeitete zu dieser Zeit in der Auskunft. Brückenbau sollte er studieren, alles war schon klar, aber ohne funktionierende Arme kam nach dem Krieg alles anders.
Meine Mutti, die ihn so schwer verwundet als Schwester im Krankenhaus kennen- und lieben gelernt hatte, arbeitete nun in Schichten in der Röhrenfertigung eines Großbetriebes. Sie war eine Seele von Mensch, die meinen Vater und mich versorgte, alle anfallenden Arbeiten verrichtete und dabei so oft immer noch lächelte. Am liebsten wusch ich mit ihr ab. Wir sangen dabei, dass die Wände wackelten und Abwasch war für mich nie ein ungeliebtes Etwas. Ich war sehr selbständig und half auch viel, weil meine Mutti mit allem alleine dastand.
Nun war es geschafft und aus der 2-Zimmer-Wohnung konnten wir in ein Haus am anderen Ende der Stadt ziehen. Ich hatte ein eigenes Zimmer, unglaublich. Mein erstes Bücherregal - endlich konnte ich meine große Bücherkiste ausräumen und meine kleine Bibliothek sortieren. Stolz war ich, las ich doch für mein Leben gern, auch nachts oft, wenn die Eltern schliefen. Nachdem man mich mehrmals dabei erwischt hatte und die Sicherung rausgedreht wurde, mussten die Taschenlampe, später eine Kerze und am Ende die Straßenlaterne vor dem Haus herhalten.
Ich war angekommen in einer neuen Welt, schnell fand ich Freunde, denn die anderen wohnten bestimmt 6 km entfernt. Ohne Bus, ohne Fahrrad, hin und zurück 12 km, die Zeit blieb mir nicht oft, denn wenn meine Mutter an der Arbeit war, machte ich das Essen für meinen Vater, zog ihn um, wenn er in seiner Uniform von der Arbeit kam und war ihm mit mancher Handreichung behilflich. Für mich von klein auf Selbstverständlichkeiten.
Das Schuljahr ging zu Ende, ich hatte mich von meiner Kinderliebe Klaus verabschiedet und ich durfte für 2 Wochen in ein kirchliches Kinderferienlager in Zinnowitz an der Ostsee reisen. Noch nie hatte ich sie gesehen und die Wellen rauschen hören. Es war eine eindrucksvolle Zeit. Dort lernte ich den Erzbischof Dr. Alfred Bengsch kennen, dessen Bruder in diesem Ferienlager tätig war. Er brachte uns Bananen und Süßigkeiten aus Westberlin mit. Das war doch was und am Strand, in Badehosen, zeugte nur sein Ring von seiner hohen Würde. Viel zu schnell war die sorglose Zeit zu Ende.
Die Heimfahrt kam und wir Kinder wurden im Zug einfach auf die freien Plätze zwischen die anderen Fahrgäste gesetzt, organisierte Ferientransporte gab es wohl zu dieser Zeit noch nicht. Von meinen 10 Mark, die ich als Taschengeld mitbekommen hatte, kaufte ich für die Hälfte eine Porzellanmöve auf einer Welle für meine Eltern, die in einem kleinen Karton in meinem Koffer gut verpackt lag. Die Fahrt führte durch Westberlin, quer vom Nordosten zum Südwesten. Eine kurz vorher zugestiegene, wohl schon sehr alte Frau, wie ich damals empfand, rutschte immer unruhiger auf ihrem Sitzplatz herum, bis ein Fahrgast sie frug, was denn mit ihr sei. Sie hätte ein Paket Kaffee mehr bei sich, als es erlaubt sei, sagte sie zaghaft. Der Mann, der in der Ecke des Abteils saß, beruhigte sie und schon kamen die Beamten vom Zoll. Als die Frage kam, ob jemand etwas zu verzollen hätte, erwiderte der Mann aus der Ecke, sie sollten doch die Frau mal fragen. Alle saßen wie erstarrt. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte diesen Mann vor die Schienbeine getreten. Sie wurde voll kontrolliert, musste mit auf den Gang hinaus und auch ich musste den Koffer und mein gut verpacktes Geschenk öffnen. Die alte Frau kam nach geraumer Zeit weinend zurück und außer ihrem leisen Schluchzen herrschte eisiges Schweigen. Keiner sprach. Es war unheimlich. Als sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt hatte, stand der verabscheuungswürdige Mann auf, öffnete seinen Koffer und...........wir trauten unseren Augen nicht, der war voller Kaffee. Er entschuldigte sich höflich, gab der alten Frau 2 Pakete Kaffee und zeigte hinter seinen Mantel, hinter dem noch eine Rolle Maschendraht versteckt war. Durch diesen Verrat hatte er gehofft, selbst nicht kontrolliert zu werden. So viel Unehrlichkeit hatte ich bis dahin nicht erlebt, denn Ehrlichkeit wurde in meinem Elternhaus groß geschrieben. Später habe ich mich manchmal gefragt, warum die Zollbeamten auf solch einen plumpen Trick hereinfielen. Die Fahrt ging weiter bis nach Leinefelde. Dort sollte ich von meinem Vater abgeholt werden. Ich stand auf dem Bahnsteig mit meinem Koffer, einzelne aussteigende Fahrgäste liefen rasch davon und es war längst nach 1 Uhr nachts. Von meinem Vater keine Spur weit und breit. Was nun?
Der letzte Zug nach Mühlhausen war weg und der nächste fuhr erst gegen 6 Uhr früh. Sollte ich hier die ganze Nacht warten? Aaaaaaaaaaaaaaaber, als Tochter eines Eisenbahners kannte ich mich ganz gut aus, welche Gleise wohin führten. Da stand doch tatsächlich ein Güterzug in Richtung Mühlhausen und es dampfte schon fleißig aus der Lok. Aber jetzt schnell. Es war keiner zu sehen. Ich lief, so schnell es mein Koffer zuließ und wollte eigentlich zum Lokführer, als mir die Geräusche der Lok mitteilten, dass sie sich in Bewegung setzen wollte. Den vorletzten Waggon hatte ich gerade erreicht, Koffer hoch und hinterher auf die kleine vorstehende Plattform. Schon schnaubte der Zug davon. Ich saß auf meinem Koffer und hielt mich fest. Die Orte, die durchfahren wurden, kannte ich alle und ab Breitenbich, bis wohin wir immer zu den Großeltern fuhren, um dann noch einige Kilometer bis nach Helmsdorf zu laufen, fühlte ich mich schon fast zu Hause. Niemand hatte mich mitten in der Nacht entdeckt und zum Glück hielt der Zug auch in Mühlhausen an. Jetzt aber schnell weg, noch ungefähr 3 km Fußmarsch und ich war zu Hause. Aber wieso brannte mitten in der Nacht Licht bei uns? Meine Mutti war leichenblass, als sie mich - ohne meinen Papa - vor der Tür stehen sah.
"Wo ist Papa? Wo kommst du jetzt her?" mehr brachte sie nicht heraus, schloss mich in die Arme und weinte. Noch ehe ich ihr alles erzählen konnte, hörte ich von ihr, dass man sie nicht rechtzeitig unterrichtet hatte, dass wir schon in der Nacht ankämen und mein Vater mit einem Kollegen nach Leinefelde gefahren sei, um mich dort zu finden. Kurze Zeit später kam auch er völlig aufgelöst nach Hause - natürlich ohne mich - die schon fest schlief und von ihrem Erlebnis träumte.
Nie gab es einen Vorwurf von meinen Eltern, eher hatte ich das Gefühl, sie waren stolz auf mich. Das musste ich unbedingt meiner Kinderliebe Klaus erzählen, den ich nun auch schon fast drei Wochen nicht gesehen hatte. Ich konnte es in den nächsten Tagen kaum erwarten, dass er mit seinem Fahrrad in unserer Straße auftauchte, doch er kam nicht ( siehe Beitrag in der Themenwelt "Kinderliebe") So zog ich mich oft mit meinen Büchern zurück, bis die Sommerferien sich dem Ende neigten. Dann würde ich ihn wohl endlich wiedersehen und ihm von meiner abenteuerlichen Reise erzählen können. Aber es kam anders.

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