Winter 1959/60
Winter 1959/60

Ereignisreiche Kinderjahre Teil 2

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der erste Schultag nach den Ferien kam und mit ihm die Freude, endlich meine Kinderliebe Klaus wiederzusehen. Himmelhochjauchzend lief ich, wie jeden Morgen , die 3 km in die Schule und kehrte an diesem Tag traurig zurück, denn Klaus gab es nicht mehr. Seine Eltern hatten mit ihm in den Ferien die DDR verlassen. (siehe Beitrag in der Themenwelt "Kinderliebe")
Bei der Gestaltung des Gartens und der Außenanlagen an unserem neuen Haus vergaß ich langsam auch meinen Schmerz darüber, dass ich gerade meine Kinderliebe verloren hatte. Wenn ich traurig war, lief ich im Dauerlauf mehrere Runden um das Wohnviertel, was mir schnell den Spitznamen Sausewind einbrachte. Es machte mir Spaß und so lief ich bei Wind und Wetter und genoss die tägliche halbe Stunde, während die anderen Kinder Federball, Völkerball oder mit Murmeln auf der Straße spielten. Es machte sich auch im Sport bemerkbar und bald gehörte ich zu den Schnellsten in der Schule und konnte manchen Wettkampf gewinnen. Durch das Sammeln von Lindenblüten, Hagebutten und Kastanien konnte ich mir Taschengeld erarbeiten und für neue Bücher ausgeben. Der Herbst ging vorüber.
So kam mit dem Winter auch ein neues Jahr und bald die Winterferien. Als Einzelkind war es die schönste Zeit, wenn ich in den Ferien zu meinen Großeltern nach Helmsdorf konnte. Dort lebten auch meine 3 Cousinen und 1 Cousin. Immer waren es dort spannende Tage. Ich hatte keine großartigen Pflichten, außer lieb, brav und anständig zu sein und das war ich wohl damals überwiegend.
So brachte mich meine Mutti bei frisch gefallenem Schnee und eisigem Wind mit meinem Koffer zum Bus, umarmte mich, strich sich heimlich ihre Tränen weg und winkte mir nach, bis sie mich nicht mehr sehen konnte. Der Bus fuhr eine große Strecke über die ganzen umliegenden Dörfer und auf einmal, in Lengefeld, sprang er nach dem Halt nicht mehr an. Was nun? Gut 15 km bei hohem Schnee und Schneesturm lagen noch vor mir. Es würde Stunden dauern, ehe ein neuer Bus kam. Telefonzelle suchen? Papa an der Arbeit anrufen? Nö, warum? Was hätte das geändert?
Die anderen Insassen blieben einfach im Bus sitzen. Ich nahm mein Köfferchen, stieg aus und marschierte los. Den Weg kannte ich ja. Erst bergauf, dann bergab. Immer durch den tiefen Schnee. Die Flocken schnitten durch den starken Wind in meinem Gesicht wie Rasierklingen, der Koffer wurde schwer und auch die Füße. Ich war ja gerade mal 10 Jahre alt. Aber ich wusste aus einem Buch, welches ich gelesen hatte, dass ich mich nicht ausruhen durfte und immer in Bewegung bleiben musste. Kein Auto kam auf der zugewehten Straße, kein Mensch weit und breit traute sich wohl bei dem Wetter vor die Tür. Ich kam kaum noch vorwärts. Hände, Füße, ich spürte sie nicht mehr, aber meinen Koffer konnte ich nicht einfach stehenlassen. Meine ganzen Habseligkeiten für 2 Wochen waren darin. So kämpfte ich mich mühsam durch die immer höher werdenden Schneemassen und als es schon anfing zu dämmern, erreichte ich mein Ziel. Ich sah wohl aus, wie der Schneemann persönlich, mit Eiszapfen an den Haaren, als ich das Tor zum Haus meiner Großeltern kaum noch zu öffnen vermochte. Erreicht den Hof mit Müh und Not, das hätte damals gepasst. Aber ich war da, wo ich hinwollte.
Meine Oma holte Handtücher, Decken, warmes Wasser aus der Gruhle im Küchenofen, tauchte die Tücher ein und wickelte mich erst einmal vollständig darin ein, nachdem sie mir die steifen und nassen Sachen vom Körper gezogen hatte. Alle standen um mich herum, kochten Tee, gaben mir zu essen, stellten 1000 Fragen und ich wollte eigentlich nur noch umfallen und schlafen. Was für ein Glück, dass meine Eltern kein Telefon zu Hause hatten! Also erfuhren sie so schnell nichts und machten sich auch keine Sorgen.
Der nächste Tag ging mit unserem Abhärtungsprogramm los. Das Plumpsklo lag auf dem Hof, gut 25 m von der Haustür entfernt. Meine Cousinen und ich mussten bei Schnee zwar angezogen, aber barfuß frühmorgens bis zur Toilette und zurück laufen. Danach dann gleich in dicke Wollstrümpfe und so hatten wir den ganzen Tag warme Füße. Gleichzeitig härtete das ab, wie Opa sagte und an Husten und Schnupfen kann ich mich als Kind wirklich nicht erinnern. Schlittenfahren war angesagt. Die Hügel waren vor der Haustür. Opa arbeitete als Strickmeister in seiner Fabrik, die am Ende des Hofes stand. Ich kannte alle Arbeiter, die morgens und abends und in den Pausen übern Hof kamen. Heute sprachen mich viele in der Frühstückspause an und schüttelten mit dem Kopf, dass ich es gewagt hatte, bei dieser Witterung diesen Fußmarsch alleine anzutreten. Es hatte sich wohl schon im Dorf rumgesprochen.
Meine Cousinen tobten mit den Nachbarskindern bereits die Rodelpiste rauf. Endlich ließen mich die Arbeiter auch gehen und als ich auf die Straße kam, quietschten die Bremsen eines LKW. Ich erschrak, dachte doch, wegen mir hätte der Fahrer gebremst. Und dann sah ich, was passiert war. Ein Nachbarsjunge war den Berg runter bis auf die Straße mit seinem Schlitten gefahren und wurde vom LKW überrollt. Ich stürmte in die Fabrik, schrie so laut ich konnte, dass mein Opa einen Rettungswagen rufen soll, riss den Sanikasten mitsamt seiner Verankerung aus der Wand und rannte zurück auf die Straße. Ehe die ersten Arbeiter begriffen hatten, was passiert war und mir folgten, hatte ich dem Jungen mit Binden die beiden Oberschenkel abgebunden und versucht alles abzudecken. Mehr war von den Beinen nicht mehr übrig. Er starrte mich mit weit geöffneten Augen ohne ein Wort an. Ich dachte schon, er sei tot. Diesen Blick werde ich nie in meinem Leben vergessen. Dann endlich kam mein Opa und ein paar Arbeiter brachten Decken. Jemand wollte mich wegziehen, doch ich hielt die Hand des Jungen und er meine, streichelte ihn, bis der Krankenwagen kam.
Ewigkeiten vergingen, später erfuhr ich, etwa 20 Minuten, ehe das Rote-Kreuz Auto mit den Sanitätern von Dingelstädt kam. Gerade noch rechtzeitig traf die Mutter des Jungen ein, um mitfahren zu können. Viele redeten auf mich ein, stellten Fragen. Ich sah nur, wie das Auto davonfuhr und der LKW-Fahrer reglos stand und auf das Schlachtfeld sah. Ihm liefen die Tränen. Zwei Arbeiterinnen standen neben ihm und hielten ihn. Er konnte nichts dazu. Der Junge war einfach bis über die Straße geschlittert. Dann wurde es schwarz um mich.. …..mein Opa trug mich hinein.
Der Junge konnte gerettet werden, aber die Stümpfe waren zu kurz, um jemals Prothesen tragen zu können. Er lernte, mit den Händen zu gehen und bekam einen Rollstuhl. Bis 1974 sahen wir uns regelmäßig. Als meine Großeltern verstorben waren, lockerte sich der Kontakt und dann zog er mit der Familie weg. Ich hoffe sehr, dass er trotz seiner Behinderung noch lange Freude am Leben finden konnte.
Seit diesem Tag hatte ich niemals Angst, verunglückten Menschen zu helfen und musste es auch mehrfach tun. Und immer wieder spüre ich hinterher die Leere und den Wunsch, einfach umfallen zu können und im Nichts zu versinken, aber es ist nur ein Zittern, das mir danach durch den Körper geht und damit kann ich gut leben.

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