Abseits

Beitrag von wize.life-Nutzer

Abseits

Weit entfernt vom Dorf, unmittelbar am Rand der Straße, stand das große alte Haus aus rotgebrannten Ziegeln. Erbaut zu Zeiten als noch jeder kleine Flecken in Mecklenburg seinen eigenen Fürsten hatte, der damit seine Grenze markierte und von den Reisenden Zoll erhob. Diese Zeiten waren längst vorüber, der große Garten mit den alten Bäumen längst von Brombeeren überwuchert und nur das Summen der Bienen war zu vernehmen. Und würde da nicht am alten Birnbaum von Blauregen umschlungen noch eine Schaukel hängen und auf dem Dach noch eine alte Antenne dem Wind trotzen könnte man glauben der alte Zöllner trete jeden Moment vor die Tür.
Doch so verlassen wie das Grundstück wirkte war es nicht. Im Dorf war der dort wohnende Mann immer wieder Gesprächsthema. Der hatte das Haus nach 1990 billig von der Gemeinde erworben und war mit einer deutlich jüngeren Frau und einem Kind in das große alte Haus gezogen. Das Kind, ein ca. 10 jähriger Junge besuchte offensichtlich ein Internat und war somit nur in den Sommerferien zuhause. Mann und Frau verließen früh am Tag jeweils mit eigenem Auto das Haus und kamen erst am späten Abend wieder nach Haus. Kontakte zum Dorf entstanden nicht und so waren der Bürgermeister der den Hausverkauf geregelt hatte und der Briefträger und die Müllabfuhr die einzigen Personen die den neugierigen Fragen der Dorfbewohner zur Verfügung standen. Größe und Marke der Autos, Kleidung und Schmuck der jungen Frau deuteten für jeden sichtbar daraufhin das es offensichtlich nicht unvermögende neue Nachbarn waren.
So vergingen die Jahre, aus dem Kind wurde ein junger Mann, der wie unter dem Siegel der Verschwiegenheit vom Postboten berichtet ,nun offenbar in England studierte und auch der Herr
des Hauses war nun offensichtlich, wie die Briefumschläge der Rentenversicherungsanstalt belegten, im Rentenalter angekommen. Wiederum nichts Neues bis zu jenem Tag als ein Umzugsauto vor den Haus stand, und die nunmehr nicht mehr ganz so junge Frau den Packern Anweisungen zum Umgang mit zahlreichen Kartons und Möbelstücken gab.
Nach Tagen war dann an dem Hof stehenden Auto erkennbar das nur sie das Haus verlassen hatte. Müllabfuhr und Briefträger bestätigten diese Vermutung. Eine Sternstunde für die Dorfbewohner die schon immer das Verhältnis einer jungen Frau zu einem alten Mann als Leichenschändung bewerteten. Zum Glück kam der Winter, die Menschen verkrochen sich in ihren Häusern und das Schwatzen auf der Straße begrenzte sich in diesen frostigen Tagen auf freundliches Zunicken der Dorfbewohner. Selbst der Briefträger huschte nur von Haus zu Haus und ärgerte sich das gerade in diesen kalten Tagen Post mit Einschreiben für das so einsam gelegene Haus zu überbringen war.

Die Wintertage vergingen, der Frost hatte die Straßen aufgerissen und mit dem Tauwetter wurden überall Leckagen in den Wasserleitungen entdeckt. Auch die Straßenleitung zum Zollhaus war defekt so dass die Wasserbetriebe dort das Wasser abstellen mussten. Zum Glück schien jemand zuhause zu sein, das Auto stand verschneit auf dem Hof und auch die Tür zum Keller war weit geöffnet. Als nach mehrfachen klingeln und rufen niemand antwortete liefen die beiden Monteure zu der offenstehenden ebenerdigen Kellertür und erstarrten. Von der Decke des Raumes hing in einer Schlinge ein Mann, offensichtlich der Bewohner des Hauses. Geruch und Ansicht zeigten dass hier nicht mehr zu helfen war und nur die Polizei noch ihre Arbeit machen musste.
Die war nach einer Stunde da und erfasste das Gesamtbild. Der Kellerraum war ursprünglich offenbar zum Schlachten genutzt wurden. Wände und Fußboden gefliest mit Gulli zum ablaufen des Wassers, an der Decke noch die Haken zum Aufhängen der Schweinehälften. Und an einen dieser Haken hing weit über dem schmutzigen Boden ein Mann. Für den Laien vermittelte sich ein typischer Selbstmord, doch die Kriminalisten kamen schnell zu Fragen die das in Frage stellten.
Wesentlich, kein Tisch, kein Stuhl stand im Bereich des Toten. Einfach unmöglich ohne derartige Hilfsmittel sich selbst in dieser Höhe aufzuhängen. Bemerkenswert auch die Art des Knotens. Typisch für den Segelsport. Im Weiteren kein Abschiedsbrief im Haus,dafür im Briefkasten diverse Anwaltsschreiben mit Forderungen zu Zahlungen an Sohn und Frau. Deren Poststempel zeigten dass dieser offenbar seit ca. einem Monate nicht mehr geleert wurde. Die Ergebnisse der pathologischen Untersuchung bestätigten dann auch dass der Tod bereits vor ca. einem Monat eingetreten war.
Deutliche Anzeichen also das nicht von Selbstmord sondern einer Tötung auszugehen war. Unmittelbar im Verdacht die Frau des Mannes und deren Sohn, zumal diverse Pokale die Teilnahme des Sohnes an diversen Segelwettbewerben belegten. Beide für den möglichen Tatzeitraum ohne stichfestes Alibi, beide in Auseinandersetzungen um das Vermögen verstrickt, beide in Detailkenntnissen zum Haus, DNA-Spuren des Sohnes am Strick, so dass die Untersuchungshaft nur folgerichtig war. Beide jedoch auch in der strikten Verweigerung jedes Geständnisses. Ein typischer Indizienprozess also in der Vorbereitung.
Obwohl die Untersuchungen des Tatortes abgeschlossen zog es die junge Kriminalistin nochmals vor Ort. Irgendetwas war in ihrer Erinnerung dass sie nicht zu Ende gedacht hatte. Sie lief die leichte Schräge zur Tür des Kellers hinunter, brach das Siegel und öffnete die Tür. Die Sonne blinzelte diesmal durch das westliche Kellerfenster so dass der Raum nicht ganz so gruselig im Dunkeln lag. Die Wände dick mit Spinnweben umwoben. Der Fußboden schmutzig braun. Und da, unter dem Haken, an dem der Tote hing, trotz Sonnenlicht nur in Resten noch wahrnehmbar eine kreisförmige Verfärbung des schmutzigen Bodens von der Schlieren in Richtung Bodenabfluss verliefen. Keine der in dem Raum befindlichen Kessel hatte den Durchmesser. Ein Rätsel dessen möglicher Zusammenhang zu dem vermuteten Mord sich einfach nicht erschloss. Vielleicht eine alte Spur die sich dort jahrelang bereits in den Schmutz eingegraben hatte. In Ordnung, die Indizienlage, die DNA-Spur, alles deutete auf den Familienkonflikt hin. Also abschließen des Kellers, abschließen der Ermittlungen, noch den Dreck des aufgeweichten Gartenweges an den Schuhen beseitigen und einfach nur den schönen Frühlingstag genießen. Trotz der ersten Sonnenstrahlen war das Wasser in den rund um das Haus stehenden randvoll gefüllten Regentonnen noch gefroren. Nur an einem Regenfallrohr war die Tonne nicht gefüllt. Eigenartig, denn es hatte zwar in den letzten vier Wochen nicht mehr geregnet, aber in den Wochen davor waren sehr ergiebige Regenschauer vom Himmel gefallen. Da durchzuckte es sie wie ein Blitz, schnell war die grüne Tonne in den Keller gerollt und wie vermutet, ihr Rand hatte den gleichen Radius wie die Spur im Schmutz des Fußbodens.

Eine Familientragödie mit verändertem Ausgang. Sein Leben war ihm nach dem Verlassen durch Frau und Kind nichts mehr wert, sie sollten jedoch für dieses Verlassen zeitlebens büßen. So kalt wie der schmelzende Eisblock auf dem er stand als er sich die Schlinge, das Seil aus dem Zimmer seines Sohnes um den Hals legte, waren auch seine letzten Gedanken.


Mckenrodt 2014

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