Erinnerung an Klaus-Martin, dessen Geschichte ich niedergeschrieben habe
Erinnerung an Klaus-Martin, dessen Geschichte ich niedergeschrieben habe

Unerfüllte Liebe

Beitrag von wize.life-Nutzer

Meine erste Arbeitsstelle, die Betriebsberufsschule für Handel und Gastgewerbe. Blutjung war ich, gerade 20 Jahre geworden und sollte Kellner ausbilden. Die Aufgabe war reizvoll, denn gleichzeitig wurde mir zugesagt, zu einem Fernstudium delegiert zu werden. Zwar doch nicht reine Psychologie, wie es mein Traum war, aber es war ein Fach, das es neben Pädagogik, Methodik, Didaktik und mehr gab. Keine Kosten für Studiengebühren, keine 4 Jahre Schmalhans Küchenmeister , finanzielle Beteiligung des Betriebes für die Fahrtkosten und eine Arbeit, die mir Freude bereitete. Arbeit mit jungen Menschen. Mein 2. Lehrjahr kannte ich bereits, hatte ich doch eine zeitlang mit ihnen auf einer Schulbank gesessen, als ich nach dem Abitur mit ihnen ein halbes Jahr gemeinsam Unterricht hatte. Ich wurde so in einem Jahr ausgebildet. Die Hälfte Schule, der Rest Selbststudium. Hart, aber erfolgreich. Es geht alles, wenn man es will und sie kannten mich dadurch bereits.

Nun kamen die neuen, etwa 30 Jugendliche, die erwartungsvoll in die Runde schauten. Schon tagelang ging mir durch den Kopf, wie ich sie begrüßen sollte. Würden sie mich akzeptieren? Schließlich waren sie selbst nur 3-4 Jahre jünger als ich. Das 2. Lehrjahr durfte mich duzen, das hatte ich bei der Einstellung zur Bedingung gemacht, aber das 1. Lehrjahr nicht. Alles, was ich mir zurechtgelegt hatte, war vergessen. Ich legte los und schloss eine Vorstellungsrunde an. Ein Jugendlicher fiel mir auf. Verträumt schaute er mich an, wurde rot, als ich ihn ansprach. Klaus-Martin, ein Zwilling, Silvester geboren und schon sehr erwachsen aussehend. Ein hübscher Junge, dachte ich, wie mag wohl seine Zwillingsschwester aussehen? Er legte Wert auf seinen Doppelnamen, schaute immer wieder verlegen auf den Boden, wenn sich unsere Blicke trafen. Warum nur? Das sollte ich alles noch erfahren.

In den nächsten Wochen kam er oft mit Nichtigkeiten zu mir. Ich merkte schnell, dass er immer wieder meine Nähe suchte. Natürlich wollte er auch in den von mir gegründeten Singeclub eintreten. Ich begann, ihm gegenüber etwas forscher zu werden, ihn wegen seiner Träumerei im Unterricht zu ermahnen, wenn er mich anschaute und Herzen malte, anstatt mitzuschreiben. Nach dem Unterricht kreuzten sich immerzu unsere Wege und so oft traf ich ihn , wenn ich gar nicht damit rechnete. Er fing an, mich regelrecht zu verfolgen. Meine Kollegen stichelten schon.

So nahm ich mir eines Tages ein Herz und schlenderte nach der Arbeit durch die Stadt, ging in einen nahen Park, nachdem ich sicher war, er blieb auf Schritt und Tritt in meiner Nähe. Als ich mich plötzlich auf eine Bank setzte, gab es für ihn nur 2 Möglichkeiten: plötzlich umdrehen, aber auch gesehen zu werden, oder weitergehen. Er entschied sich für Letzteres und kam verlegen und mit dem Gefühl, entdeckt worden zu sein, zu mir, um "Hallo" zu sagen. Ich bat ihn, sich zu setzen und fragte ihn, was das Ganze soll. Erst sagte er gar nichts. Ich konnte erkennen, wie er mit sich rang und dann, auf einmal fasste er sich ein Herz und es sprudelte unaufhaltsam aus ihm hervor. Ich starrte fassungslos auf ein Kinderkarussell in der Nähe und ließ ihn reden, ohne ihn zu unterbrechen. Es musste raus und ich verstand den Schmerz in seiner Stimme. Er war bis über beide Ohren in mich verliebt. Es hatte ihn bei der Lehrjahreseröffnung wie ein Paukenschlag getroffen und es waren unheimlich liebe und warme Worte, die er fand, über die sich jede Freundin gefreut hätte. Nur ich nicht. Gerechnet hatte ich schon damit, nur nicht, dass er so offen alles erzählte.

Nun war es an mir, ihm die Illusionen mit aller Macht zu rauben. Er tat mir leid, aber es musste sein. Ich erzählte ihm von meinem Freund, mit dem ich plante, eine Zukunft aufzubauen, dass ich älter sei als er und dass es ein Abhängigkeitsverhältnis in der Schule nicht geben dürfe, dass damit meine Stelle in Gefahr sei. Es kam immer wieder ein ABER von ihm, er wollte es nicht verstehen. Gern hätte ich ihn verschont, denn ich sah seine Qual, jedoch blieb mir nichts anderes übrig als ihm zu sagen, dass es sinnlos sei, ich ihn niemals lieben könne, weil er nicht in mein Beuteschema passe und ich einen anderen Mann lieben würde. Die letzten Worte wirkten für ihn wie Nadelstiche, ihm standen die Tränen in den Augen. Nur mühsam hielt er sie zurück. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und getröstet - aber nein. Eindringlich bat ich ihn, mich zu vergessen und sich ein nettes Mädchen zu suchen, dass sich über seine Liebe freuen könne. Heute weiss ich, wie sinnlos meine Worte damals waren. Bevor er ging, bat er mich, mir das alles nochmal zu überlegen, er würde auch gern warten, bis er kein Schüler mehr sei und er würde mich nie mehr in Gefahr bringen, meine Arbeitsstelle zu verlieren. Aber ich könne ihm nicht verbieten, mich zu lieben. Ich saß am Ende wie versteinert und starrte wohl immer noch auf das Kinderkarussell, als er längst gegangen war. Ich war eisern und strenger zu ihm, als zu den anderen, wollte erreichen, dass er mir böse sei, aber das funktionierte bei Klaus-Martin nicht. Er wurde nur noch stiller. Allerdings wollte er sich vor mir nicht blamieren und lernte wie besessen. ich konnte ihn gut motivieren.

Später nutzte ich diese Erfahrung aus. Wenn mich die Jugendlichen mochten. lernten sie besser. Sie konnten meine Enttäuschung über sie nicht so gut wegstecken. So verging die Zeit, ich hatte mich daran gewöhnt, mit anderen Augen von ihm angesehen zu werden und den Strauß Rosen zu meinem Geburtstag nahm ich an mit den Worten, dass er den lieber seiner Freundin hätte schenken sollen, die er jedoch gar nicht hatte. Im Sommer standen 2 Wochen Ferienlager in Rostock an. Meine Hoffnung, dass sich Klaus-Martin nicht anmelden würde, zerrann. Zwar stand ich über den Dingen, aber es fiel mir nicht leicht, mich in Warnemünde am Strand ungezwungen im Bikini zu zeigen, weil ich spürte, was in ihm vorging und wie er mich beobachtete. Aber er hielt sich immer an sein Versprechen und deshalb achtete ich ihn sehr. Er hatte nie eine Freundin, obwohl er ein so gut aussehender junger Mann war und die Mädchen hinter ihm her waren. Ich heiratete in dieser Zeit, bekam dann eine eigene Wohnung und sah Klaus-Martin vom Fenster aus so oft am Haus vorbeigehen und nach oben schauen.. Er hatte mich nicht vergessen können.

So ging auch das 2. Lehrjahr vorüber und der Tag der Abschlußfeier nahte. Nur wenige Tage vorher erlitt ich einen schweren Verlust und trug schwarz. Aber ich bemühte mich, wie immer, den anderen ein freundliches Gesicht zu zeigen. Seine Augen waren unablässig auf mich gerichtet, ich spürte sie wie Nadelstiche in meinem Rücken. Er war das letzte Mal in meiner unmittelbaren Nähe und das war ihm wohl bewusst.

Bei so viel Fröhlichkeit unter den Jugendlichen hielt ich es auf Dauer mit meiner Trauer nicht mehr aus und dachte, mich unbemerkt in ein nahes Waldstück wegstehlen zu können., denn der Bus fuhr uns dann alle zusammen wieder in die 20km entfernte Stadt. Mir rannen die Tränen übers Gesicht und ich ließ ihnen freien Lauf. Es tat so gut nach dem Zusammenreißen müssen in den letzten Tagen. Schließlich war kein Mensch weit und breit zu sehen. Doch plötzlich hörte ich Zweige knacken und schon legten sich 2 Hände auf meine Schultern., drehten mich um und er stand vor mir. Mit meinem verheulten Gesicht schaute ich auf den Boden und er drückte mich einfach an seine Brust, ehe ich reagieren konnte. "Lass mich dich einmal zum Abschied in den Arm nehmen und trösten dürfen, dann bin ich zufrieden." Das waren seine Worte und ich ließ es kurzzeitig geschehen. 2 Jahre hatte er sich so anständig gezeigt. Ich löste mich rasdch aus seinen Armen und trocknete die Tränen. Dann liefen wir gemeinsam den Weg zurück. Ich akzeptierte sein du, weil ich wusste, er würde zur See fahren und wohl kaum wieder in seiner Heimatstadt auftauchen, wollte es ihm nicht noch schwerer machen. Daraufhin erzählte er mir, dass er nur zur See fahren wolle, um mich vergessen zu können, denn ich hätte mich ja anders entschieden und ihm keine Chance gelassen. Welch reifer junger Mann, dachte ich. Ich wünschte ihm Glück für seine Zukunft und sein weiteres Leben und abends verabschiedeten wir uns voneinander mit einer kurzen Umarmung, wie bei allen anderen auch, nur hielt er länger meine Hand einfach fest. Froh war ich, ein "Problem" gemeistert zu haben.

In unregelmäßigen Abständen bekam ich Postkarten aus vielen Ländern der Welt, immer mit herzlichen Grüßen von Klaus-Martin und der kurzen Beschreibung, was er sehen konnte. So ging es über Jahre, ohne dass ich jemals darauf antwortete oder er mir wieder über den Weg lief. Nachdem ich 2x umgezogen war, kam nichts mehr und ich hoffte, dass er nunmehr die Frau fürs Leben gefunden hatte.........Die Jahre vergingen.

Ab 1994 arbeitete ich nebenberuflich als Nachlasspfleger. So musste ich die Nachlässe erledigen, wenn es bei Verstorbenen keine Angehörigen gab, Erben die Erbschaft ausgeschlagen hatten oder Erbensuche betreiben. Das war ein interessantes Aufgabengebiet, aber viel Puzzlearbeit, in die ich mich stürzte und die mich so reich an Erfahrungen machte. Als ich vom Nachlassgericht wieder ein paar neue Fälle erhielt, stockte mir bei einem Namen der Atem. Klaus- Martin S., die Adresse etwa 500 m von meiner Adresse entfernt. Namensgleichheit? Ich schaute auf das Geburtsdatum, das ich nie vergessen hatte. Er war es. Ich ließ mir nichts anmerken.

Schweren Herzens öffnete ich wenige Tage danach die Tür zu einem kleinen Haus, das er sich gekauft hatte. Ich stieg die schmale Treppe zum Wohnzimmer empor und jeder Schritt fiel mir schwerer. Ich kannte dieses Haus. In unmittelbarer Nähe hatte ich als Kind mit meinen Eltern die ersten 10 Jahre meines Lebens verbracht. Dann stand ich in seinem kleinen Reich, ausgestattet mit Andenken aus allen Teilen der Welt. Nach Erben musste ich nicht suchen, denn ich wusste, dass es einen Bruder und eine Zwillingsschwester gab. Die hatten jedoch das Erbe abgelehnt, die Beerdigung und das Räumen eines Hauses kosteten Geld und das Haus war noch nicht fertig abgezahlt. Einfach traurig. Nun war es an mir, sein Hab und Gut zu Geld zu machen, das Haus zu räumen, eine würdige Urnenbeisetzung und eine Grabstätte mit Pflege zu bezahlen und die Gläubiger zu bedienen. Ich stand im Wohnzimmer und tat gar nichts.Sah mich um, wie er gelebt hatte. Erinnerungen wurden wach und die Hoffnung, dass er die wenigen Jahre doch glücklich verbringen konnte, denn er war nicht viel älter als 50 Jahre geworden. Keine Bilder, die an Nahestehende erinnerten. So fing ich an, nach wichtigen Dokumenten und Papieren zu suchen und ein Stapel Tagebücher fiel mir dabei in die Hände. Nein, ich wollte sie nicht lesen. Dann sah ich Bilder. Bilder von mir, aus der Zeit der Lehre und auch einige Jahre danach mit meinem Mann. Er muss mich heimlich fotografiert haben, ohne dass ich ihn je sah. Nun interessierte mich doch, was in den schon sehr abgegriffenen Büchern stand und einem Packen Zettel, die in einer Mappe dabeilagen. Ich musste mich setzen, als ich kurz in die Mappe sah und überflog alles. Während der Lehrzeit hatte er unendlich viele Briefe an mich geschrieben, die er aber nie abgeschickt oder mir gegeben hatte. Sein ganzes Leid über eine nicht erwiderte Liebe konnte ich lesen. Es erschütterte mich und ich war froh, dass diese Seelenergüsse nicht anderen in die Hände gefallen waren. Die schönste Zeit für ihn war das Ferienlager in Rostock, wo er es genoss, Tag und Nacht in meiner unmittelbaren Umgebung gewesen zu sein und die Umarmung bei der Abschlussfeier. In den Tagebüchern stand, wie er die Seefahrt erlebte und nicht mal diese tausende von Eindrücken ihm helfen konnten, mich zu vergessen. Auch eine kurze Liebesromanze scheiterte daran. Was hatte ich diesem Mann für Schmerzen bereitet! Das war mir bis dahin nie bewusst gewesen.

Als ihn immer wieder eine schwere Krankheit überfiel und er nicht mehr arbeiten konnte, zog er in den Thüringer Wald.. Nachdem er von der Nichtheilbarkeit erfahren hatte, kaufte er sich in Mühlhausen dieses kleine Haus, nur 500 m von meiner jetzigen Wohnung entfernt. Mühsam und auf vielen Umwegen fand er vorher meine neue Adresse heraus. Das bewog ihn, dieses Haus zu wählen. Unglaublich für mich. Was musste ich diesem damals Jugendlichen bedeutet haben. Mir rannen die Tränen übers Gesicht und ich war froh, alleine zu sein. Ich konnte lesen, dass er mich noch einige Male gesehen hatte, mit meiner Tochter, mit meinem Mann. Ich selbst hatte ihn nie gesehen, doch hätte ich ihn sicher wiedererkannt, als ich mir die Bilder aus seinen letzten Jahren ansah. Ein in sich gekehrter Mann, der nur mühsam zu lächeln schien. Keine Freude, kein Glück strahlte aus seinen Augen wie früher.

Alles zu spät. Warum hatte er mich nicht einfach mal besucht, wie viele andere ehemalige Azubis das heute noch tun? Warum konnte ich nicht nochmal mit ihm sprechen? Warum? Warum? So schwirrten die Fragen durch meinen Kopf. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und konnte doch gar nichts dazu......

Meine Arbeit musste getan werden. So nahm ich einige Bilder aus seinen jungen Jahren, die Briefe und die Tagebücher an mich, versteckte sie auf dem Dachboden und verbrannte alles, bis auf wenige Bilder, vor ein paar Jahren. Für reichlich Geld kaufte meine Tochter aus dem Nachlass eine afrikanische Holzfigur, die als Bild eingestellt ist und schenkte sie mir zum Geburtstag. Ich halte sie in Ehren. Sie erinnert noch an Klaus-Martin. Als ich sie wieder abstaubte, kam mir die Idee, diese Geschichte aufzuschreiben und ich bereue heute, seine Tagebücher und Briefe verbrannt zu haben. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mich diese Geschichte noch einmal im Leben einholt und manchmal frage ich mich, wie viele solcher unerfüllten Lieben das Schicksal eines Menschen auf dieser Welt bestimmten. Trotzdem hätte ich damals nie anders gehandelt und lange musste ich mir selbst einreden, keine Schuld an seinem Schicksal zu haben, denn jeder Mensch ist für sein Tun selbst verantwortlich.

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