wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Stationen eines Lebens Teil 2

02.04.2014, 21:36 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Eine Frau kommt vorbei, sie hat einen Ellebogensplitterbruch aber sie weigert sich ins Krankenhaus zu gehen, sie sucht ihre kleine Tochter...
Herbert und Andreas kommen nach oben : Claudia und Angelika, wer hat sie gesehen. (Heute wissen wir sie haben beide nicht überlebt.)Aus der Ecke in der ich gespült wurde ist fast keiner lebend heraus gekommen, ich bin die einzige Frau.

Endlich dürfen wir nach unten. Menschen helfen mir Werner nach unten zu bringen. Wir sitzen im Pick up. Wohin werden wir gebracht? Vielleicht nach Pukhet, aber wir haben gehört, Pukhet soll zerstört sein und auch der Flughafen.

Wir fahren nach unten durch Khao Lak oder das was einmal dieser wunderschöne Ferienort war. Erst jetzt beginne ich zu begreifen was mit uns passiert ist, welches Glück wir hatten, dass wir überlebt haben. Wir fahren an der Ferienanlage von Gerlinde vorbei....kann es da Überlebende geben? Verzweiflung!! Ja - bestimmt wir haben auch überlebt!! Hoffnung!!

Nach wenigen Kilometern fahren wir in ein Buddah Kloster. Eine Sanitätsstation. Überall vor Schmerzen schreiende Menschen, und es dauert nicht lange und wir schreien mit. Unsere Wunden werden aufgemacht und gesäubert. Die Betäubungsmittel werden für die wenigen Kinder und die die noch schwerer Verletzten gebraucht.

Unsere Decke , das Kissen und Leintuch haben wir in der Notunterkunft gelassen, im Krankenhaus würden wir ja alles bekommen. Ja, im Krankenhaus... hier sitzen wir auf Steinfließen. Irgendwie besorge ich für Werner eine kurze Hose, als er sie anzieht sind die Taschen verkehrt herum: es ist ein Damenhosenrock, was macht das schon, Hauptsache was anzuziehen. 2 angeschmutzte T-Shirt habe ich auch gefunden.

Wann können wir hier weg, wann kommt Hilfe. Der deutsche Botschafter soll kommen, in 1 oder 2 Tagen.

1 oder 2 Tage? Solange hält Werner nicht durch wir müssen hier weg. Ich sage Werner er soll sitzen bleiben und laufe herum um Nachrichten zu erhaschen . Ein freundlicher Schwede lässt mich mit seinem Handy nach Deutschland telefonieren. Endlich, meine Kinder werden vor Sorge nicht wissen was sie machen sollen, und Werners Mutter und meine Mutter....

Plötzlich eine Nachricht: auf der Strasse vor dem Kloster sollen Busse stehen die uns zum Flughafen bringen. Ich laufe zu Werner, der erschöpft und fiebrig auf der Steintreppe sitzt. Komm so schnell du kannst hinter mir her, lauf zum Klosterausgang dort sollen Busse stehen, die uns zum Flughafen bringen. Ich laufe voraus so schnell ich kann, ich sorge schon dafür, dass einer der Busse auf dich wartet.
Vor den Bussen steht , ein Mann und fragt mich, mit welcher Reisegesellschaft wir hier sind. Wozu will der das wissen schießt mir doch den Kopf und brav antworte ich: mit Ögertours. Sorry sagt er diese Busse sind nur für Teilnehmer von Tui ´, Meyers Reisen und LTU, ich kann und darf sie nicht mitnehmen. Und wir, sollen wir hier verschimmeln? Die Busse nehme jetzt erst mal hier alle Leute der genannten Reisegesellschaften mit, fahren dann zurück nach Khao Lak um dort noch Passagiere mitzunehmen und wenn dann noch Platz ist kommen wir hierher zurück und nehmen sie mit. Aber so lange kann und will ich nicht warten und was machen eigentlich Menschen, die nicht Englisch oder Thai sprechen?

Mittlerweile hat auch Werner humpelnd die Busse erreicht. Er sieht so aus wie er sich vermutlich auch fühlt, krank und schwach. Ich setzte ihn auf eine Bank an der Bushaltestelle . Plötzlich sehe ich wie ein Bus in das Kloster fährt er hat Thailändische Schrift und in der Anzeigetafel steht in für mich lesbarer Schrift Pukhet. Bleib hier sitzen sage ich zu Werner, ich versuche heraus zufinden ob dieser Bus zum Flughafen fährt. Wenn ja bekomme ich irgendwie 2 Plätze für uns. Bleib hier bis ich Dich hole, geh bloß nicht weg.
So schnell ich kann hinke ich wieder in die Anlage. Wieder werde ich gefragt, mit welcher Reisegesellschaft wir hier sind. Warum wollen Sie das wissen? Dieser Bus ist nur für Touristen, die mit keiner Reisegesellschaft hier sind. Oh sage ich dann ist das der richtige Bus für uns, manchmal sind doch kleine Schwindeleien erlaubt, oder?
Mittlerweile entsteht Gedränge am Bus, jeder will mit. Irgendwie ergattere ich 2 Plätze. Jetzt bin ich im Bus in der Klosteranlage und Werner sitzt draußen vor dem Kloster. Wenn ich ihn holen gehe sind die Plätze weg und bis wir wieder zurück sind ist der Bus vermutlich sowieso weggefahren.
Mit Hilfe eines Mitreisenden der englisch und Thai spricht überzeugen wir den Busfahrer, dass er vor dem Kloster halten muss um dort meinen Mann mitzunehmen, eigentlich darf er doch dort nicht halten , aber er sieht die Verzweiflung und die Tränen in meinen Augen und vielleicht auch die Entschlossenheit auf keinen Fall auf zu geben. Wir halten vor dem Kloster. Mittlerweile bin ich erschöpft, ich kann nicht aufstehen mein Rücken scheint abzubrechen und mein rechtes Bein versagt den Dienst. Mein netter Übersetzer sagt er geht für mich meinen Mann holen. Ich sage rufe nach Werner und falls sich 2 Werner melden(ich denke an mein Erlebnis von gestern) dann sag der, der zur Heidi gehört.


Endlich sind wir am Flughafen in Phuket.
Dort versorgt uns ein netter thailändische Gastwirt mit Getränken, als wir seine Enttäuschung bemerken weil wir trotz seiner mehrfachen Angebote nichts essen, bestellen wir zu zweit eine Portion Pommes. Von seinem Nachbarn erhalten wir 2 Versage T-Shirt. Nach einigem hin und her sitzen wir im Flugzeug nach Bangkok

27.12. 2004Bankok Flughafen
Hier sollen wir von der deutschen Botschaft angeblich mit Essen und etwas Geld versorgt werden. Alle Botschaften sehen wir, Schweden, England, Schweiz, Australien sogar Österreich – wo ist der deutsche Botschafter? Verzweifelt laufe ich hin und her. 2 Vertreter der Thailändischen Regierung fragen ob sie mir helfen können. I´m looking for the German Ambassador, aber auch sie finden keinen Vertreter der deutschen Botschaft. Bitte machen sie sich keine Sorgen sagen Sie, wir werden ihnen behilflich sein, wenn sie keinen Flug bekommen werden wir sie mit Kleidung und Essen versorgen und in einem guten Hotel unterbringen, sie können auch einige Tage auf unsere Kosten in Bangkok verbringen. Aber ich will nur eines so schnell wie möglich nach Deutschland. Mein Bein schaut mittlerweile aus wie ein Elefantenfuß und auch an Werners Hand und Fuß bilden sich dicke Eiterwülste. Laufen können wir beide nicht mehr. Mit Hilfe der Beamten erhalten wir Flugtickets, und wir brauchen dringend Ersatzpapiere. Eine Flughafenmitarbeiterin bringt uns mit Rollstuhl und Bus zum anderen Terminal, dort soll der deutsche Botschafter sein. Wir werden in ein kleines Büro geführt und nach einiger Wartezeit erscheint der deutsche Botschafter. Er schreit uns an: was fällt Ihnen ein hier in diesem Terminal zu sein, sie müssen an dem anderen Terminal sein, ich musste extra ihretwegen herkommen, wenn ich wegen jedem deutsch so einen Umstand hätte. Er schreit, sein Ton ist anmaßend und noch dazu in dieser Situation. Mir platze jetzt der Kragen, meine Nerven sind kurz vorm zerspringen. Dennoch bleibe ich ruhig, ich schreie nicht aber der Ton als ich sage: sie haben nicht das Recht uns anzuschreien , das einzige Recht dass sie haben ist uns in den nächsten 10 Minuten Ersatzpapiere auszustellen, damit wir unser Flugzeug erreichen zeigt schnelle Wirkung. Es dauert keine 10 Minuten und ein kleinlauter deutscher Botschafter überreicht uns unsere Ersatzpapiere.
Jetzt geht es im Laufschritt(wir natürlich im Rollstuhl) zum Flieger.
Im Flugzeug nach Deutschland
Die Stuardessen der Lufthansa bringen uns in den hinteren teil des Flugzeuges und sind uns behilflich unsere Plätze zu finden. Plötzlich eine laute Stimme: Was macht ihr beiden denn da? Harald, Gerlinde und Andreas – sie haben überlebt und uns genauso verzweifelt gesucht wie wir sie. Glücklich tauschen wir mit anderen Passagieren die Plätze, damit wir zusammensitzen können. Freudentränen laufen uns übers Gesicht und vor Aufregung können wir erst mal gar nichts erzählen. Voller Mitgefühl werden wir von den Stuardessen mit Getränken und wir Frauen mit Hautcreme versorgt, unsere Gesichter fühlen sich an wie Reibeisen, welch ein Schatz – eine Zahnbürste und ein Kamm.


28.12.2005In Frankfurt werden wir von Betreuern empfangen, die uns ins Krankenhaus bringen wollen, aber wir haben nur ein Ziel nach Hause nach Nürnberg. Jetzt heißt es einen Hausschlüssel zu organisieren, unserer schwimmt ja irgendwo in Asien. Es klappt und erschöpft sinken wir ins Wohnzimmer.
Meine Tochter Birgit (sie studiert Tiermedizin in Giessen) ist wenige Minuten nach uns da. Wir sind erst mal stumm vor Erleichterung und Glück. Ihr müsst ins Krankenhaus sagt sie, euere Wunden sind entzunden, ihr habt schwere Infektionen. Ja das habe ich Werner auch schon gesagt, aber auf mich hört er nicht, jedoch das Wort einer Medizinerin auch wenn’s Veterinärmedizin ist wiegt schon schwerer. Also erst mal ab unter die Dusche, dort bekommt Werner Schüttelfrost
Und jetzt lässt auch er sich widerstandslos ins Krankenhaus bringen.
Wir werden sofort medizinisch versorgt, für Werner gerade noch rechtzeitig, seine Hand stinkt bereits und er wird noch in der gleichen Nacht operiert. Es folgen bange Stunden, ob er Hand und vielleicht auch Fuß verliert. Unserem Wunsch nach einem gemeinsamen Zimmer wird entsprochen, danke liebe Krankenhausvewaltung.
Werners Hand wird 4mal operiert und die Ärzte sagen uns wenn er erst am nächsten Tag ins Krankenhaus gekommen wäre, wäre seine Hand nicht mehr zu retten gewesen.
Am 4. Tag im Krankenhaus darf ich Duschen. Herrlich – ich wasche meine Haare und lege den Kopf in den Nacken – ich bekomme Wasser in die Nase. Plötzlich weiß ich nicht mehr wo ich bin , ich höre nur noch Wasser rauschen , bitte nicht bitte keine Welle. Ich schreie
Ich finde den Wasserhahn zum abdrehen nicht und die Tür von der Dusche geht nicht auf, bitte keine Welle -endlich bin ich draußen..................

Im Fernsehen schauen wir uns jede Sendung über die Flutwelle an, vielleicht sehen wir Menschen die wir kennen, wir versuchen zu rekonstruieren warum wir nicht gleich gelaufen sind. Alpträume und Erinnerung, gut dass wir ein gemeinsames Zimmer haben und so das Erlebte besser verarbeiten können

6. März 2005
Die Erinnerungen an das was ich selbst erlebt habe werden erträglich.
Was bleibt ist die Frage nach den Menschen die ich vermisse. Angelika, die Frau von Herbert. Claudia die Frau von Andreas, Werner und Brit die noch mit uns geredet hat und dann auf einmal still war. Der Mann der gesagt hat ich kann nicht zu euch, ich stecke fest... die rufe help help help die immer schwächer werden - werden sie jemals für mich aufhören? Min kleines blondes Schwedenmädchen, dessen Lachen mich so an meine Kinder erinnert hat...............

Wenn jemand meine Geschichte liest und Werner und Brit oder einen von beiden kennt, bitte meldet Euch bei mir

Danke den Thais, die ihr letztes mit uns geteilt haben, denke der Dame von LTU bei der ich Duschen durfte, den Leuten am Flughafen die uns zu Trinken und T-Shirt gegeben haben, danke der Stuardess von der Lufthansa die sich liebevoll um uns bemüht hat – und danke meinem Schutzengel, der mir die Kraft gegeben hat zu kämpfen und zu überleben. Und den aller größten Dank und alle meine Liebe an meine beiden Töchter Birgit und Sonja, die immer für mich da sind wenn ich Sie brauche, die darauf verzichtet haben Sylvester mit Ihren Freunden zu feiern und lieber bei mir und Werner im Krankenhaus waren . Ich liebe Euch
Heidi Saborowski

2 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
sehr gut geschrieben spannend einfühlsam und voller Dankbarkeit
  • 26.06.2014, 10:07 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
liebe Heidi, ich kann mir gut vorstellen, daß es Dir gut tut, dies alles aufzuschreiben. Schön, daß Du danken kannst, denn das ist auch für Dich sehr wichtig.
Dir und Deiner Familie von Herzen alles Gute.
  • 02.04.2014, 22:06 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren