Michael Llewelyn Davies als Peter Pan, 1906
Michael Llewelyn Davies als Peter Pan, 1906Foto-Quelle: gemeinfrei

Orte der Kindheit: Erinnerungen werden wieder lebendig

Sozialverband VdK Bayern e.V.

In der zweiten Lebenshälfte kehren viele an die Orte ihrer Kindheit zurück

Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern, heißt es. Diesen Wunsch verspüren viele Menschen, wenn sie älter werden. Sie erinnern sich an ihre Kindheit und Jugend und kehren oft an die Orte zurück, die sie geprägt haben.

Egal, wo Menschen aufgewachsen sind: Wenn sie an ihre Kindheit zurückdenken, kommen viele ins Schwärmen. Sie erinnern sich an heiße Sommertage, an denen sie barfuß über die Wiese gelaufen sind, an unbeschwerte Kindergeburtstage und so manchen Streich, den sie mit ihren Freunden ausgeheckt haben. Alles schien damals so leicht, so losgelöst von jeglichen Verpflichtungen.

Unbeschwerte Zeit

Diese Erinnerungen wollen viele wachhalten. Besonders, wenn Menschen weit entfernt von den Orten ihrer Kindheit und Jugend leben, verspüren sie oft den Wunsch, noch einmal dorthin zurückzukehren, wo sie einst so glücklich waren. Auch wenn sich die Plätze von früher stark verändert haben, können sie viele Jahrzehnte später noch die Empfindungen von einst wecken. „Wenn uns bestimmte Orte etwas bedeuten, geht es normalerweise nicht um den Ort an sich, sondern um die Erinnerungen an andere Menschen oder wichtige Ereignisse, die wir damit verbinden“, so Biografie-Forscherin Dr. Imbke Behnken.

Die Wissenschaftlerin hat in verschiedenen Befragungen und Studien herausgefunden, dass die Kindheit von den meisten Menschen stark idealisiert wird. Das sei darauf zurückzuführen, dass diese erste Phase im Leben meist frei von Zwängen erlebt wird. Für Menschen aus der Kriegsgeneration, die in der Kindheit einschneidende Erlebnisse durchmachen mussten, habe dies ganz radikal das Ende der Kindheit bedeutet. „Der Wunsch, die unbeschwerten Gefühle aus der Kindheit mit in das Erwachsenenleben zu nehmen, steckt wohl in jedem von uns“, so Dr. Behnken. Das sei ein bisschen so wie in der Geschichte von Peter Pan, der nie erwachsen werden will.

Eine Reise in die eigene Vergangenheit ist immer auch eine Reise zu sich selbst. „Der Besuch weckt oft sehr lebendige Erinnerungen, die nicht mehr verfügbar waren“, so die Biografie-Forscherin. Vor allem Gerüche und Geräusche oder verloren geglaubte Details seien dann plötzlich wieder da. Szenen aus der Kindheit würden einem ganz plastisch wieder vor Augen geführt. Solch eine Reise sei jedoch nicht mit einem normalen Urlaub zu vergleichen. „Manchmal hat man auch Erwartungen, die nicht erfüllt werden“, warnt Dr. Behnken. Manche seien enttäuscht, weil in der Erinnerung alles viel schöner war als in der Realität. Deshalb rät sie allen, die zurück zu ihren Wurzeln wollen, vorher ganz genau die eigenen Beweggründe zu überprüfen. Warum kehre ich an den Ort meiner Kindheit zurück? Wie gehe ich damit um, wenn ich enttäuscht werde? Diese Fragen sollte man sich vorab stellen, um besser vorbereitet zu sein.
Antworten finden

Für manche könne eine Reise in die Vergangenheit auch bedeuten, mit einem Kapitel des Lebens Frieden zu schließen oder Antworten auf bestimmte Fragen zu finden. Die Biografie-Forscherin führt hier das Beispiel eines Mittsiebzigers an, der seinen Vater im Zweiten Weltkrieg in Russland verlor. „Erst nachdem er selbst in Russland war, die Landschaft sah und mit Menschen vor Ort sprach, ist er seinem Vater nähergekommen“, erzählt Dr. Behnken. Die Frage nach den eigenen Wurzeln treibe jedoch nicht nur die Älteren, sondern auch die Jüngeren um. Viele wollten wissen, wie die Großeltern ihre Kindheit verbracht haben, damit sie sie besser verstehen können. (Ines Klut)

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