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Et hätt noch schlemmer komme könne - Es hätte noch schlimmer kommen können

Et hätt noch schlemmer komme könne - Es hätte noch schlimmer kommen können

09.04.2014, 13:24 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Natur, so schien es, kämpfte im Herbst des Jahres 1947 weiter gegen Ruinen, verwüstete karg bestellte Felder und quälte die nach Frieden und Brennholz suchenden Menschen, so, als wolle sie zu dem Schlussakkord eines tragischen Ereignisses mit der Härte der Naturgewalten ein letztes Exempel statuieren.
So wie die Natur, so waren auch die Menschen ausgezehrt. Ihre Körper waren gezeichnet von Hunger und Hilflosigkeit. Ihre Seelen wiesen unzählige Wunden auf, die ihnen in einer Apokalypse unvergleichlichen Ausmaßes zugefügt worden waren.

Mit dem Willen zum Leben, ja zum Überleben, gesellte ich mich an einem stürmischen Oktobertag des Jahres 1947 zu 2,5 Milliarden Menschen, die zu diesem Zeitpunkt diese Erde bevölkerten und die damals schon tagtäglich ums Überleben kämpfen mussten.
Inmitten dieser Trostlosigkeit liege ich an meinem ersten Geburtstag, in einer Klinik in einem Ort im Niederrhein, nicht weit entfernt von der Grenze zu Holland, inmitten des niederrheinischen Braun- und Steinkohlereviers.

Wenn die Kölner auch gerne über die Niederrheiner als „“tiefer gelegte Version des Rheinländers“ lästern, und der Rest der Welt den Rheinländer gerne mit Alaaf oder Helau, Kölsch oder Alt, Kö oder Belgisches Viertel in Verbindung bringen, so kommt man an die entspannten Typen vom Niederrhein nicht vorbei, zu denen ich mich vor über 66 Jahren gesellte, sozusagen als “Markenvielfalt“.

In NRW, in der Region des Niederrheins geboren worden zu sein, war für mich zwar nicht nur ein Segen. Dennoch hat mich neben einer starken Identität zur rheinischen Lebensart, eine rastlose Neugierde, Kommunikationsfähigkeit, weltoffene Herzlichkeit und Toleranz sowie das Streben nach persönlich freiem Handeln geprägt. Voraussetzungen, die es mir nach der Schul- und Lehrzeit bis hin zum Studium, ja bis heute ermöglicht haben, die Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben für mich bereit hielt, meistens erfolgreich zu meistern.
Wenn das jetzt nach einer puren Erfolgsstory klingen mag, dann sei an dieser Stelle angemerkt, dass es beileibe mehr Tiefs als Hochs auf meiner “Lebens-Rennbahn“ gab.
Auf den totalen Tiefpunkten griff dann glücklicherweise meistens das Notstandsgesetz des “Rheinischen Grundgesetzes“. Das da heißt: Et hätt noch schlemmer komme könne (es hätte noch schlimmer kommen können).

Das in den 50er Jahren in weiten Teilen des Landes vorherrschende Lebensgefühl orientierte sich an idealisierten Werten, Wideraufbau, soziale Marktwirtschaft und an Symbolfiguren wie dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Finanzminister Ludwig Ehrhard.

Sportlich ist die Rede vom “Wunder von Bern“, während ich vom Elternhaus aus mit kontrolliertem Freiraum im christlichen Sinne erzogen wurde. Das ich nur drei Tage in der Enge eines Kindergartens verbringen musste, verdanke ich schließlich meiner Oma, meine Fanclub-Vorsitzende in spe. Auf der Grundschulebene entwickelte ich bereits im Kreise meiner damaligen Freunde meine soziale Kompetenz, die wir meist spielend auf der Straße weiterentwickelten und vertieften.
Erfahrungen, die ich den „“Großen“ (?!) der damaligen Welt gerne vermittelt hätte, als damals der Sputnik um die Erde kreiste und die damalige UDSSR technologisch so weit war, um mit einer Atombombe drohen zu können; in dessen Folge die Welt in "Ost" und "West" aufgeteilt wurde. Es erscheint mir heute wie ein Déjà-vu, wenn ich an die Ost-West-Aktivitäten denke, die im März 2014 in Osteuropa inszeniert wurden.
Mangels Verständnis über die Entwicklung in den 50ern, übte ich damals schon mal das rhythmische Hüftwackeln nach Songs von Elvis Presley, dem King of Rock ’n’ Roll. Heute schüttele ich über die neusten Ereignisse nur noch verwundert den Kopf.

Und dann, tauchte ich, wie viele meiner Zeitgenossen, in die 60er Jahre ein. Ein Jahrzehnt des Widerstands gegen die alten Autoritäten; auch für mich. Begleitet von Beatles, Jimi Hendrix und Co, der Beginn einer neuen Ära. Wenn diese Welle auch die Fundamente meiner bis dahin existierenden Weltanschauung und Wertevorstellung umspülten, so erhielt ich doch auch positive Impulse für den Aufbruch in eine neue Zeit.

I go to south and look for new horizons!

Wenn ich mich auch ungern von meinem geliebten “Himmel on Äd“ trennte, so war es nach meiner Schul-, Lehr- und Studienzeit sowie einer mehrjährigen “Vaterlandsverteidigung“ an der Zeit, aus dem Schatten der Kohlehalden und Fördertürme – Relikte einer zu Ende gehenden Wirtschaftsära – zu treten. Anfang 1971 lud ich dann mein “geistiges Saatgut“ in meinen geliebten VW-Käfer und fuhr nach Baden-Württemberg; in die Nähe der Landeshauptstadt Stuttgart, wo ich hoffte, meine Vorstellungen zur privaten und beruflichen Entwicklung realisieren zu können.

Zurückblickend danke ich heute noch meinem Schicksal, dass es mich hierher in das SWR3-Land verschlagen hat, dass die Schwaben ihr “Ländle“ nennen.
Obwohl sie es mit den Franken und Alemannen und Menschen wie mir, den “Neigschmeckte“ – den Zugezogenen –, teilen müssen, so zeigten sich meine schwäbischen Zeitgenossen in meinen Lebensbereichen meist von der hilfsbereiten und liebenswürdigsten Seite. Sie waren redlich bemüht, mir ihre “Hoimet“, die sie vom lieben Gott anscheinend persönlich als eine Art Sonderanfertigung geschenkt bekommen haben, zu präsentieren.

Meine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis habe ich übrigens schon nach acht Wochen erhalten, als ich mit meiner ersten Vermieterin den Mietvertrag ausgehandelt hatte. Die liebe Frau, ich schätzte sie damals um die Siebzig, kam aus dem Kuhstall und sie führte mich und meinen Arbeitskollegen, den ich als Dolmetscher angeheuert hatte, in die gute Stube des recht geräumigen Bauernhauses. Das Thema Wohnungsvermietung schien der betagten Immobilieninhaberin zunächst drittrangig zu sein, denn sie holte zuerst aus einem Küchenschrank eine Flache klaren Obstler und schenkt sich selbst und uns reichlich davon ein.
Allerdings erregte der trübe Bodensatz, der in der Flasche wabberte, bei mir ein erhebliches Maß an Misstrauen gegenüber der Bekömmlichkeit der Spirituose.
Da meine Mimik wohl mein Unbehagen verriet, formte sich bei unser Gastgeberin ein Lächeln um ihren zahnlosen Mund und sie meinte, dass der Bodensatz die Güte und Qualität des Obstlers unterstreiche, also “ebbes rechts“ – etwas gutes – sei. Nach meiner Interpretation war der Bodensatz demnach so was wie “das Phantom des Obstler“.

Nachdem wir das zweite Glas des Obstbrandes genossen hatten, sagte unsere betagte Mittrinkerin, indem sie sich mir zuwandte:“ Mohren, die Mohren, dem Nome noch müaßedse aus em Morgenland komme (dem Namen nach müssen sie aus dem Morgenland kommen). Aber das Köln au do isch, des hät i net denkt.“
Die Aufklärung dieses Missverständnisses konnte dann beim dritten Obstler geklärt werden.

Mit dem vierten Glas des Destillats – mein Freund, Translator und Chauffeur hatte im Hinblick auf die Promillegrenze bereits auf Mineralwasser umgestellt – konnten wir uns dem Punkt drei der Tagesordnung, der Verhandlung über mein Bleiberecht in einem Neubau unserer Großgrundbesitzerin, zuwenden.
Heute kann ich nicht mehr nachvollziehen, ob es mein rheinländischer Scharm oder meine Trinkfestigkeit war, dass wir den Mietvertrag, zunächst per Handschlag; und dann, wie sollte es anders sein, mit einem Schnäpsle besiegelten.

Die schriftliche Vereinbarung, eine reine Formsache, wie ich später erfuhr, wurde dann noch mal im Beisein der Ehepartner, Kind- und Kindeskinder besiegelt. Danach gab’s für alle Linsen und Spätzle und ich fand dabei heraus, dass Spätzle nicht fliegen können und dass a viertele Trollinger – den man übrigens schlotzt und nicht trinkt, so wie sich das für so ein edles Getränk gehört – wirklich nicht weniger als 0,25l sind. Dass sich bei der Gelegenheit bereits die ersten Freundschaftsbande entwickelten – die übrigens generationsübergreifend bis heute gehalten haben – zeigte sich daran, dass das Vierdelesglas ab diesem Tag immer bis zum Rand gefüllt war.

Nach einem in jeder Hinsicht vielversprechenden Start, folgten Jahre der beruflichen Entwicklung, wobei ich auch für Frau und Kind “a Plätzle“ – einen Platz – im schwäbischen Sprachraum von Baden-Württemberg einrichten konnte, wo wir uns in der Zwischenzeit bereits in der dritten Generation etabliert haben.

Weil einerseits erdverbunden aber mit dem Humus des Niederrheins behaftet, sind meine Wurzeln im Laufe von Jahrzehnten tief in die Erde des schwäbischen Kulturkreises eingedrungen, andererseits ließen sich in Sachen Reiselust und freier Lebensentfaltung die Gene meiner Ahnen nicht verleugnen, die möglicherweise mit der allseits bekannten Reisegruppe den Weg vom Morgenland ins Abendland gefunden hatten.
So kam es, dass ich in den Jahren der allgemeinen Standortbestimmung viele Länder, Landschaften und Orte dieser Welt und die Einzigartigkeit meines “Homelands“ kennen lernte, aber auch heute gerne, und so oft ich kann, die kulturelle und landschaftliche Vielfalt Schwabens zu Fuß oder mit meinem “Rädle“, in Gesellschaft oder alleine, erkunde.

Aber auch zu den Schwaben selbst, Typen mit Herz und Verstand, fühle ich mich heute wie früher gleichermaßen hingezogen und die Vorurteile hinsichtlich der Charaktereigenschaften dieser Stammesvertreter(innen) schienen mir in den meisten Fällen unbegründet; nahm ich doch an, dass die Schwaben, so wie ich, traditionell den Karnevals-/ Fasnets-Botenstoff in sich tragen, da die meisten von ihnen, wie man mir sagte, mehrmals im Jahr “narret“ waren.

Zugegeben, in meiner Fehlinterpretation lag schon etwas freundschaftshemmender Zündstoff. Es kam trotzdem nicht zur Vertreibung aus dem Paradies und in die rheinische Tiefebene wollten sie mich auch nicht zurückschicken; glaubte man doch, dass ich die Sprachbarriere mit etwas Luft für die eigene Interpretation bald schon überwinden und hoffentlich nicht mehr so oft in dialektische Fettnäpfchen treten würde.

Leugnen will ich auch nicht meine besondere Liebe für den Wein und den vom Wein geprägten kulturhistorischen Weinlandschaften am Neckar und seinen Nebenflüssen.
Dabei kommen zwangsläufig auch kulinarische Streifzüge durch die landestypische Küche der unterschiedlichen Regionen nicht zu kurz.
Das heißt für mich als genussorientierter Gelegenheitskoch, Nichtwirt/Gastronom und sporadischer Restaurantbesucher, dass ich mir von Zeit zu Zeit den "Luxus" leiste, quasi als eine Art kulinarisches Geschmacks- und Kultur-Ereignis, um ein schönes Essen in einem stimmigem Ambiente zu genießen, wo man den Alltag für ein paar Stunden zu Hause lassen kann.

Heute, nachdem ich den beruflichen Olymp verlassen habe, kann ich diese Kundschaftereien
genussvoll ausleben. Ganz im Sinne von Hannes Wader und seinem Lied „Heute hier, morgen dort“, hoffe ich nicht nur im Ländle Spuren zu hinterlassen, wobei mir auch Udo Jürgens plausible Antworten für meine Standortbestimmung und auf die Fragen gibt, was man mit 66 Jahren noch alles erleben und tun kann.

Im Konsens meiner Lebensphilosophie heißt das: raus aus der Apokalypse der Gemütlichkeit!
Es stehen noch genügend Wünsche auf meinem Reise und Erlebniswunschzettel, die mich inspirieren, den Focus nicht nur mit der Kamera – mein wichtigstes Reiseutensil – auf Schätze auszurichten, die auf Nebenstrecken, mit reichlich viel Zeit im Gepäck, entdeckt werden können.

Neue Wege zu gehen, ist immer ein Wagnis. Aber nur so kann man Spuren hinterlassen.

© H. Mohren

Gartenstraße 2, 71573 Allmersbach im Tal auf der Karte anzeigen:
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2 Kommentare

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Danke Hans,für deine interessant beschriebenen Sichtweisen...
  • 03.07.2014, 07:22 Uhr
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Bin heute auf Ihren Beitrag aufmerksam geworden. Ein erfülltes Leben durch Vertrauensvorschuss und genützt, schön.
  • 21.06.2014, 10:28 Uhr
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