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NotizblockFoto-Quelle: birgitH / www.pixelio.de

Ode an meinen Chef oder wie ich zum Schreiben kam

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ende der 1980er Jahre begann mein Leben.
Nein, da wurde ich nicht geboren, das war schon über 3 Jahrzehnte zuvor.
Mein ganz persönliches Leben hat da begonnen, 1989.
Von da an war nichts mehr wie vorher.
Ich war frisch geschieden, "glücklich entheiratet" trifft es wohl besser.
Mein Bemühen, nach jahrelanger Familienpause wieder in meinen erlernten Beruf als PKA einzusteigen, erwies sich als aussichtslos. Keine Chance. So arbeitete ich erst mal übergangsweise in einer noblen Parfümerie, Teilzeit.
Das war mir zu wenig. In jeder Beziehung: Zu wenig anspruchsvoll, zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten und zu wenig Geld sowieso.

An einem Freitag Nachmittag, ich war gerade von der Arbeit und dem anschließenden Einkauf nach hause gekommen, fiel mein Blick mehr zufällig auf ein Inserat der Zeitung, in die mein Salat eingewickelt war.
An sich ist eine Anzeige in einer Zeitung nichts außergewöhliches, aber dieses Inserat war etwas ganz besonderes. Ein regionaler Rundfunksender, von dessen Existenz ich bis zu diesem Augenblick noch nie etwas gehört hatte, suchte eine(n) Außendienstmitarbeiter(in). Ich war elektrisiert.
Regionales Radio??? Außendienst??? Das machte mich neugierig.

Man muss wissen, zu der damaligen Zeit gab es ausschließlich öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehsender. Privater Rundfunk und privates Fernsehen gab es nur in Amerika. Bayern hatte als erstes deutsches Bundesland das Mediengesetz geändert: ab 1989 gab es Privatsender in Bayern, ein von anderen Bundesländern teilweise belächelter Versuch. Es gab keinerlei Erfahrenswerte, auf die man hätte zurückgreifen können. Also wurde weitestgehend nach amerikanischem Vorbild gearbeitet und viel improvisiert. Das war echte Pionierarbeit!

Doch zurück zu dem Inserat: Ich glättete die Zeitung mit der Hand und las voller Neugier. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass in unserer Stadt ein privater Radiosender seine Arbeit aufnehmen wollte und erst recht konnte ich mir nichts unter "Außendienst" beim Radio vorstellen. Bis dahin bedeutete Radio für mich kleine Kabinen, in denen Sprecher mit großen Kopfhörern und verkabelten Mikrofonen sitzen.
Also griff ich sofort zum Telefon und wählte die angegebene Nummer. Ich wollte mich nicht bewerben, nur wissen, was es mit Privatradio und Außendienst auf sich hatte. Dass am Freitag Nachmittag noch jemand erreichbar sein würde, damit hatte ich eigentlich nicht wirklich gerechnet.
Doch eine freundliche Frauenstimme meldete sich. Sie meinte, die Stelle sei so gut wie vergeben, das besagte Inserat zwei Wochen alt. Trotzdem erzählte sie mir bereitwillig im Groben, worum es ging. Wir unterhielten uns eine Weile und auf einmal sagte sie: "Sie haben eine so sympathische Stimme und eine nette Art, ich schau jetzt mal, ob der Chef noch da ist". Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte ich die Melodie der Warteschleife im Hörer. Dann kam die freundliche Stimme zurück und fragte mich, ob ich um sechzehn Uhr (das war in einer Stunde!) Zeit hätte, Herr L. würde sich gerne mit mir unterhalten. Ganz perplex hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen "ja" sagen. Dann musste ich mich erst einmal setzen. "Du spinnst ja, was willst du denn da, du vergeudest deinen Freitag Nachmittag in einem Büro" schimpfte ich mit mir. Dann holte ich meinen Lebenslauf und meine Zeugnisse. Zum Bewerbung schreiben war keine Zeit mehr und ich wollte auch nicht. Ein hastiger Blick in den Spiegel und los.

Freitag Nachmittag, Innenstadt und Parkplatz sind drei Dinge, die nicht zusammen passen.
Wundersamer Weise fand ich trotzdem einen Parkplatz und war fünf Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt im Redaktionsgebäude unserer Tageszeitung. Denn dorthin war ich bestellt worden.
Ich war auf alles gefasst, nur nicht auf das, was folgte: Zwei freundlich-interessiert blickende Herren begrüßten mich und lasen meine Zeugnisse. Dem anfänglichen Aufwärm-Geplänkel folgte eine intensive Befragung, die eher einem Kreuzverhör glich. (Jedenfalls stellte ich mir ein Kreuzverhör so vor).
Dabei wollte ich mich doch gar nicht bewerben, ich war aus purer Neugier hier!
Es ging darum, Werbung, oder besser gesagt, Werbezeiten, zu verkaufen. Gesucht wurde jemand, der seriös aber locker, fleißig, redegewandt und flexibel war. Alles außer fleißig und seriös Attribute, die ich nie und nimmer für mich reklamiert hätte. Obwohl ich kein Medienwissenschafts- BWL oder Marketingstudium vorweisen konnte, bekam ich die Stelle. Mit dem von mir geforderten, fast astronomischen Gehalt, das ich eher als "Abwehrprämie" genannt hatte und von dem ich nie geglaubt hätte, dass das akzeptiert würde!
Das konnte ich am aller wenigsten glauben, denn ich hatte sehr hoch gepokert, ich war ja nicht wild auf den Job, traute ihn mir selber gar nicht zu und sah deshalb keine Chance, ihn zu bekommen.
Und dann das! Mit Festanstellung, 14 Gehältern, Angestelltenvertrag und Provisionen obendrauf.

Es war ein Traumjob: sechzig bis hundert Stunden Wochenarbeitszeit waren normal. Ich lernte Internas von Firmen, Banken und Betrieben kennen, von denen ich bis dahin nichts wusste. Ich lernte sehr viel über das Medienwesen, Werbung, Marketing und viele andere, interessante Dinge.
Damals musste tagsüber Aquise betrieben werden und am Abend die Schreibtischarbeit.
Tagsüber war ich unterwegs bei potentiellen Kunden, am Abend saß ich im Sender und schrieb Werbetexte.

An einem Freitag wurde ich zum Chef gerufen. "Sie schreiben so gute Werbetexte, da können sie auch Glossen und Kolumnen schreiben" unterstellte er mir. Ich hatte keine Ahnung, was eine Glosse ist und wehrte ab. "Sie können das, am Montag früh möchte ich Ergebnisse sehen" sagte er und wünschte mir ein schönes Wochenende.
Zu hause sah ich erst einmal im Duden nach, was eine "Glosse" ist. Internet und Google gab es damals noch nicht. Dann überlegte ich mir ein Thema und begann zu schreiben.
Montag früh im Sender: ich arbeitete am Schreibtisch und meldete mich nicht beim Chef, hoffte dass er die Sache mit den Glossen vergessen habe. Wie konnte ich das glauben? Mein Chef vergaß nie etwas.
Gegen zehn läutete mein Telefon: der Chef, ich solle doch bitte hoch kommen. Und meine Glossen mitbringen. Ohne eine Miene zu verziehen, las Herr L. meine Glossen, es waren vier. Dann, ohne mich eines Blickes zu würdigen, griff er zum Telefon und zitierte den Redaktionsleiter zu sich. Dem verdutzen Mann drückte er wortlos meine Blätter in die Hand. Ich sank in meinem Stuhl in mir zusammen, schwitzte Blut und Wasser und dachte nur noch "Flucht".
Der Redaktionsleiter, Herr B., wusste nicht, wie ihm geschah und las wie angeordnet. Es schien ihm zu gefallen, was er las. Als er fertig war, blickte er fragend auf. "Das ist gut, kann ich das haben?" fragte er.
Der Geschäftsführer grinste und sagte: "Da müssen sie unser Mädchen hier fragen".

Jetzt hatte ich also auch noch einen Nebenjob, den ich mit großer Freude über zwanzig Jahre gemacht habe. Die ersten vier Glossen erschienen noch in der selben Woche, Wort für Wort so, wie ich sie geschrieben hatte. Als ich zum ersten mal meinen Namen unter einer Glosse in der Zeitung las, war ich wie betäubt. Ich glaubte es nicht, meine Glosse in einer Zeitung! Nein, in allen Tageszeitungen, die zu dieser Mediengruppe gehörten, hunderttausende Leser! Bei dem Gedanken wurde ich ganz schwindlig.

Diese Zeit zwischen Radio und Zeitung war mein Leben. Es fühlte sich gut an, das war ich.
Ich brauchte fast keine Freizeit, weil mein Job mein Leben war, aufregend, vielseitig und wunderbar.
Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben lösten sich auf, verschwammen ineinander.
Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es außer meiner Arbeit noch anderes im Leben gab. Es war ein gut bezahlter Traum. Natürlich wurde einem nichts geschenkt. Doch die tägliche Herausforderung spornte mich zu Höchstleistungen an. Es war wie ein Sportkampf: Wer zieht die besten Aufträge, die tollsten Firmen, die längsten Verträge an Land?
Nur meine täglichen 1 1/2 Stunden Fitness-Studio, die brauchte ich und ab und zu ein Wochenende mit meinem Freund. Mehr Zeit hatte ich nicht.
Ich erlebte tolle Events, Außenremotes, Parties, Feste und Premieren und hatte ein Leben, das ich mir vorher nie hätte vorstellen können. Dass ich viele interessante Menschen kennen lernte, versteht sich von selbst, Es waren selten die Promis die, die wirklich interessant waren.

Eines Tages fragte ich meinen Chef, den ich glühend verehrte (als Medienmann mit messerscharfem, analytischem Verstand), warum er mich damals aus allen Bewerbern ausgesucht hat und nicht jemand, der von der Materie etwas versteht. Seine Antwort: "Die anderen hatten Medienwissenschaft, Marketing oder BWL studiert und glaubten, alles zu wissen. Sie wussten nichts davon, hatten aber Interesse und waren wissbegierig und lernbereit. Es war die richtige Entscheidung".

Dieser Geschäftsführer war von vielen Angestellten gefürchtet, weil er die Gabe besaß, in einen hinein sehen zu können. Niemand konnte ihm etwas vormachen.
Fehler verzieh er großmütig, wenn man sie unumwunden zugab und nicht versuchte, etwas zu beschönigen. Ausreden, Ausflüchte und "dummschwätzen" hasste er und da konnte er auch sehr deutlich werden. Er half jedem, der es annehmen wollte, das Äußerste aus sich heraus zu holen. Ich habe das sehr gerne angenommen und es war das beste, was mir passieren konnte.
Als ich beim Sender anfing zu arbeiten, war ich eher schüchtern und gehemmt. Mein Chef hat durch sein Vertrauen in mich und seine subtile Art, mich zu führen und zu unterstützen, eine starke Persönlichkeit aus mir gemacht. Von diesem Mann, der mein bester Kritiker war, habe ich alles gelernt, was für mich wichtig ist. Ohne ihn hätte ich nie den Mut aufgebracht, zu schreiben und das auch noch einer Öffentlichkeit zu zeigen. Es war eine ganz besondere Chef-Angestellten-Beziehung - rein beruflich, wohl gemerkt!
Ihm habe ich die schönsten Jahre meines Lebens zu verdanken, ohne ihn gäbe es keine Schreibwerkstatt auf Senior Book. Bis zum heutigen Tag denke ich voll Dankbarkeit und Bewunderung an ihn.
Danke, Herr L.!