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Freundschaft – in guten und in schlechten Zeiten – Teil 3

Freundschaft – in guten und in schlechten Zeiten – Teil 3

15.04.2014, 17:40 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es ist undurchdringlich dunkel. Ich hab im ganzen Haus die Lichter ausgemacht und auch von draußen scheint nichts herein.
Ich stehe einfach da, rieche das Holz unseres Hauses, die hundert Jahre alten Mauern. Ich mache einen Schritt vorwärts, strecke die Hände aus und versuche zu tasten. Da ist nichts als Leere.

Vor meinen Augen blitzt es auf – ein Erinnerungsfetzen.
Gute, helle Tage. Sommer.
Nina mit dem Gartenschlauch scheucht uns über den Rasen, wir kreischen, die Sonne malt kleine Regenbogen in die Luft. Wir legen uns schwindelig ins Gras und beschreiben uns Wolkenwesen, die wir sehen.

Vorbei. Mein Fuß stößt gegen die unterste Stufe der Treppe. Ob ich es schaffe hier hoch zu kommen, freihändig und ohne zu sehen?
Die Dunkelheit fühlt sich an wie ein Mantel, der mich umgibt, fast stofflich. Sie wird mich besser halten können als ein Geländer, das diese Treppe sowieso nicht hat. Besser als Menschen auch, denn die sind für mich im Moment alle unsichtbar.

„Du wirst immer meine Freundin sein, ja?“ höre ich Nina sagen. Wir sitzen über dem Flüsschen auf unserer Lieblingsbrücke. Gerade ist das Schuljahr vorbei und die Welt steht für unsere Abenteuer bereit. Eine ganze Woche darf Nina bei mir bleiben. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Denn Ninas Eltern sind streng, mein Vater aber nicht.
„Wenn ich Kinder habe, dann mach ich es wie Dein Papa.“ ein Satz den Nina gerne sagt.
Und dann reden wir über Jakob, der schon einen Roller fährt, über die dämliche Nathalie und darüber, was wir morgen machen wollen. Auf jeden Fall ins Freibad!

Verkehrte Welt.
Alles fühlt sich verdreht und unecht an. Es hätte so weiter gehen sollen. Doch jetzt sehe ich nichts und lehne, statt zu tanzen, meinen Kopf gegen die Tür zum Dachboden. Dahinter verbergen sich die Schätze meiner Kindheit. Auch Kisten mit längst vergessenen Gegenständen, Kleider meiner Mutter und alte Möbel. Ich möchte wieder dahin – wo alles schön und lebendig war – aber ich kann nicht.

Der Tag, an dem ich aufhören wollte zu atmen.
Er hält mich davon ab, irgendwohin zu kommen.

Freunde haben mich eingeladen zu einer Party. Ich freue mich und fahre mit dem Zug zwei Bahnhöfe weiter.

Dort:
sind alle ausgelassen und begrüßen mich herzlich.
Dann:
bittet mich eine Schulfreundin in ein Nebenzimmer, sie will etwas wichtiges mit mir besprechen.
Darauf:
erzählt sie mir etwas von ihren Eltern, wie gemein sie da und da waren.
Im Hintergrund:
kommt einer nach dem anderen herein, die Tür wird abgeschlossen. Was ich ebenso wenig bemerke, wie ich nicht weiß, dass meine Schuhe, Jacke und Schal aus dem Fenster geworfen werden. In den Schnee – es ist Winter.
Danach:
geht es plötzlich los. Sie nennen sich die „Glorreichen Sieben“. Haben sich heute und hier versammelt, um mir zu erklären, dass ich der letzte Dreck bin. Dass alle wissen, was hier passiert und damit hoch einverstanden sind. Dass meine Mutter mich verlassen hätte, das wäre ja verständlich. Ich wäre es nicht wert gewesen.
Und wie ich überhaupt aussehe! Hässlich und schiefe Zähne. Sie deuten auf meinen Körper, machen Witze, lachen über meine kleinen Brüste.
„Es stinkt, da wo Du bist“
Es gibt kein Entrinnen, sagen sie. Heute kannst Du Dich entscheiden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen … ohne Dich. Denn keiner – kein einziger Mensch - mag Dich!

„Das stimmt nicht“ schreie ich fast, verschlucke mich beinahe an diesem rettenden Strohalm. „Nina mag mich! Sie ist meine Freundin und wenn sie wüsste, was ihr macht, dann ...“
„Du denkst das wirklich?“ Einer reicht mir ein Telefon. „Ruf sie doch an. Nina hatte sogar die Idee zu dem Ganzen. Das hier ist von langer Hand geplant.“

Es ist wahr, denn auf alles was ich sage, wissen sie eine Antwort. Sogar, als ich meinen Vater ins Spiel bringe. Denn ich habe Nina alles erzählt über mich. Meine Ängste kennen sie genauso gut, wie meine Komplexe und Geheimnisse.
„Das wichtigste ist“ erklären sie mir höflich und detailliert, „dass Du begreifst, dass es keinen einzigen Menschen gibt, der auf Deiner Seite steht.“
Nach drei Stunden knicke ich ein und glaube ihnen.

Sie geben mir genaue Instruktionen, wie es weiter gehen soll. Mein Kopf brummt und ich sehe verschwommen, höre aber genau zu.

„So wie Du jetzt bist, gehst Du nach unten. Vergiss Deine Klamotten, die brauchst Du eh nicht mehr. Vor dem Haus gehst Du nach links. Vergiss es, irgendwo zu klingeln. Hier schlafen längst alle und die wenigen, die noch wach sind, sehen aus dem Fenster und Dir zu. Du wirst den Fluss sehen, gehst an ihm entlang bis zur Brücke. Dort steigst Du auf das Brückengeländer und springst. Das ist leicht, jetzt wo Du weißt, dass Dich in diesem Leben keiner will. Und dann bist Du endlich tot.“


Ich lebe noch. Und das ist ein kleines Wunder. MEIN Wunder. Ich verdanke mein Leben einem Menschen, den ich bis dahin gar nicht kannte und auch nie kennen gelernt habe.
Er war zufällig auch an diesem Ort. Er konnte es nicht aushalten, dass seine Freunde so etwas tun und rannte mir nach. Nicht einfach für ihn, denn er verlor - wie ich - an diesem Abend fast sein gesamtes Umfeld. Er fischte mich aus dem Schnee am Flussufer, brachte mich an einen warmen Ort und sagte mir mit riesengroßen Augen, dass ich weiterleben soll.

Vier Wochen nach diesem Ereignis vertraute ich mich jemandem an, den ich lange kannte, von dem ich aber nicht wusste, ob er nicht auch zu den „Glorreichen Sieben“ gehört. Er erschrak sich über meine Geschichte. Am liebsten hätte er jeden umgebracht, der damit zu tun hatte. Das tat er nicht. Er war einfach nur für mich da, hat mich liebevoll wieder aufgebaut und mir gezeigt … dass ich es doch wert bin.

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4 Kommentare

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eine schreckliche Geschichte, und wie weh hat man dir getan. Ich kann verstehen, wie lange man damit zu tun hat. Mich hat man in der Schule auch einmal grundlos des Diebstahls bezichtigt. Das läuft mir heute noch hinterher.
  • 04.08.2014, 22:36 Uhr
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Liebe Barbara,
das ist was, was niemand in seinem Leben erleben sollte.
Wenn ich darf drück ich dich einfach.
  • 15.04.2014, 18:00 Uhr
Darfst Du Renate!
Ich hätte es auch lieber nicht erlebt. Jetzt ist es aber Teil meiner Lebensgeschichte.
  • 15.04.2014, 18:08 Uhr
Barbara.
Ich wollte, Du hättest mir das längst erzählt.
Aber ich weiß, es schreibt sich leichter. Gut, daß Du es jetzt geschrieben hast, sicher mit tränenverschleiertem Blick.
Wie gerne hätte ich Dich damals beschützt.
  • 15.04.2014, 19:05 Uhr
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