Urlaub in zwei Etappen
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Urlaub in zwei Etappen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Urlaub in zwei Etappen

Vor vielen Jahren, zu Zeiten als die Koffer noch keine Rollen hatten und die Rucksäcke noch wie Säcke aussahen war es mal wieder so weit, Sommerferien mit Kind und Kegel. Die Familie bestand aus unserem vier Jahre alten Dreikäsehoch, dem von der Schwiegermama mit 43 noch ins Rennen geworfenen und uns im Urlaub immer zugeordneten 9 Jahre alten Onkel des Kleinen, meinem wackeren Weib und mir.
Zielpunkt der Reise war ein kleiner Ort im Thüringer Wald, Struth-Helmershof. Nach Aussage unseres Dresdner Schwagers der dort im Jahr davor geurlaubt hatte, ein wunderbar idyllisches grünes Eckchen. Ebenfalls wärmstens empfohlen der private Vermieter in einem alten schönen Fachwerkhaus.
Jedoch bis zu dem Ferienidyll waren ja noch von Berlin aus einige hundert Kilometer zu überwinden. Vorbereitungen wie in jeder Familie, Kofferpacken mit den strategischen Varianten :
Was ist wenn es im August schneit, was ist wenn tropenartige Temperaturen herrschen, was ist wenn sintflutartige Regenfälle das Überleben schwer machen.
Zum Glück begrenzte die Anzahl von lediglich vier Armen und zwei Rückenflächen die Möglichkeiten des Gepäcktransportes, so dass letztendlich zwei der zu dieser Zeit üblichen mehr oder weniger stabilen wuchtigen Vulkanfiberkoffer , ein selbst vom Opa zusammengeschweißter einachsiger Bollerwagen mit abnehmbarer Deichsel und zwei Rücksäcke mit auf die Reise gingen. Ergänzt natürlich um die durch die Kinder mitgeschleppten Kuscheltiere und lebensnotwendigen Spiele aller Art.
Es konnte losgehen, laufen bis zum Bus, Bus bis zur S- Bahn, S-Bahn bis zum Hauptbahnhof, Schienenersatz S-Bahn. Mit dem vermeintlich letzten Pfiff erreichten wir den Bahnhof, in Hektik die Jören in den Zug gestopft, die Frau hinter hergeschoben, selbst aufgesprungen und die Fahrt ging los.
Endlich Urlaub, Beine ausstrecken, Schiedsrichter zwischen den beiden Jungen spielen, jede fünf Minuten schon im wohligen dahin nicken die Frage der Kinder beantworten, sind wir bald da.
Die sonore Stimme des Schaffners, die Fahrkarten bitte, unterbrach die Ruhe. Null Problem, mein Mädel als die ordentlichere von uns beiden griff in die richtige Tasche, zückte die Karten und übergab sie der zu diesen Zeiten noch in blauer Uniform handelnden Amtsperson.
Der schaute uns freundlich an wobei er ein hämisches Grinsen nicht verbergen konnte: Richtig junge Frau, die Karten sind richtig aber leider der falsche Zug. Der hier fährt über Magdeburg in den Harz, sie wollten über Leipzig nach Eisenach im Thüringer Wald.
Es gibt ja die Liebe auf den ersten Blick und es gibt Blicke die töten können. Letztere trafen mich so gebündelt das der sonst in mir sofort wirksam werdende Verteidigungsmechanismus versagte.
Da saßen wir nun, letzte Worte meiner Frau, ist ja mal wieder typisch, nun lass Dir was einfallen.
Und dazu der Chorgesang der beiden Jungen, sind wir bald da, sind wir bald da, sind wir bald da?
Das hämische Grinsen des Schaffners wandelte sich sofort in tiefes Mitleid, Männersolidarität war angesagt. Und wo Männer sind gibt es auch Lösungen. Von Wernigerode einem wunderschönen kleinen Städtchen im Harz schlängelt sich behutsam jeden Berg mehrfach umrundend. die Goldene Aue durchquerend, die Harzquerbahn bis zu unseren ursprünglichen Zielbahnhof in Thüringen, dem Städtchen Eisenach.
Ausgiebig Gelegenheit mit dieser Bimmelbahn Land und Leute kennenzulernen und bei dem mehrmaligen Umsteigen in den Schienenersatzverkehr frische Luft zu schnappen. Wunderschön dieser Abstecher wenn nicht das eisiges Schweigen meiner nun ganz und gar nicht mehr liebevollen besseren Hälfte und das sich ständig steigernde Rumnölen der Jungen die Romantik gestört hätten.
Mit nur 6 Stunden Verspätung, gerade rechtzeitig zum letzten Nachtbus nach Struth-Helmershof erreichten wir dann Eisenach. Welch Glück, die Vermieter waren noch in der Einschlafphase, und öffneten erst nach längeren Klingeln ihre Pforte und führten uns zu unseren Zimmern. Die durch meine Frau vollzogene Zimmerbelegung zeigte wo es lang geht. Ich mit dem Großen in einem Zimmer, sie mit dem Kleinen im anderen Zimmer. Getrenntes Gutenacht für unsere Jören und dann Ruhe im Schiff.
Der nächste Tag versprach nicht besser zu werden, passend zur Stimmung hingen fette Wolken über den Bergen und schüttelten sich regelmäßig aus. Also Beschäftigung in den Zimmern mit unseren Jungen, Basteln, Geschichten erzählen, Basteln und eisernes Schweigen zwischen uns Beiden.
Dringend notwendige Kommunikation erfolgte über diplomatische Kanäle, so zum Beispiel der Frage meiner Frau an unseren Kleinen ob er heute zur Wartburg fahren will. Indirektes Zeichen also für mich, hallo wir fahren heute zur Wartburg, kümmere dich mal um die Busverbindung , möglichst nicht mit Umweg über die Ostsee. So verging die erste Woche und wäre mir nicht nachstehende Geschichte zu Hilfe gekommen wären die ganzen 14 Tage so verlaufen.
Das Haus in dem die Ferienwohnung lag war ein altes Fachwerkhaus. Im Erdgeschoß wie damals üblich die Ställe für Kühe, Schweine und Schafe, im Stockwerk darüber, über eine steile Treppe zu erreichen, die Wohnräume. Die Wirtsleute hatten sich benachbart ein kleines modernes Häuschen gebaut und vermieteten die von guter Landluft umgebenen alten Wohnräume nun an Urlauber. In einem Anbau hofseitig wohnte darüber hinaus auch in luftiger Höhe über den Ställen eine alte Frau als Mieterin. Vermieter und Mieterin waren sich wie wir bald bemerkten in innigen Hass verbunden, sicher wäre mit einer Urlaubervermietung dieser Wohnung noch ein wenig mehr Geld zu verdienen gewesen.
Also wieder eine Nacht mit strikt getrennten Schlafsälen, jedoch plötzlich das laute Rufen meiner Frau, steh auf, hier hat jemand um Hilfe gerufen. Absolute Stille keine Hilferufe zu hören.
Unter normalen Umständen wäre meine Entgegnung sicher gewesen, Du spinnst, hast irgendwas geträumt und willst mich nun hier aus dem Bett treiben. Aber immerhin, sie sprach wieder mit mir,
wäre ja äußerst dumm nicht die Chance zu nutzen als Held gefeiert zu werden. Also, Klamotten übergeworfen, zum Hauswirt gelaufen und den um Hilfe gebeten. Die Vermutungen meiner Frau, ach wie wunderbar sie sprach wieder, waren das die Hilferufe aus der Wohnung der alten Dame kamen.
Da standen wir beide als vermeintliche Helden, wobei der Hauswirt in Anbetracht des innigen Verhältnisses zur Mieterin nur zur logistischen Hilfe bereit war. Zuerst also Klingeln bis zum Abwinken, keine Reaktion, dann lautes an die Tür schlagen, keine Reaktion.
Verblieb als letzter Weg die Leiter bis zum leicht geöffneten Schlafzimmerfenster der alten Dame.
Dazu schleppten wir aus der Scheune eine lange Holzleiter und lehnten sie an das in ca. 6 m Höhe befindliche Fenster . Wunderbar diese alten in sich verbogenen Leitern, die Sprossen knirschen und ächzten als wollten sie jeden vor dem Besteigen warnen.
Eines der Gründe für den betagten Vermieter mir den Vortritt zum Besteigen zu lassen. Und da kletterte ich nun wie in den schönsten bayrischen Geschichten beschrieben Sprosse für Sprosse nach oben zum leicht angelehnten Fenster. Vorsichtig stieß ich das Fenster auf, und sah die alte Frau im alten wuchtigen Doppelbett liegen. Zum Glück vernehmbar nicht tot sondern laut röchelnd. Erst leise dann lauter werdend rief ich ihren Namen, keine Reaktion. Dann brüllte ich und wie vom Blitz getroffen fuhr sie aus dem Bett und fing ebenfalls an vor Angst zu brüllen und auf das Fenster zuzulaufen. Diese Begegnung wollte ich lieber nicht abwarten und rutschte im Rekordtempo die Leiter herunter, verfolgt vom Brüllen der jäh aus dem Schlaf gerissenen alten Dame. Unser Hausmeister bekreuzigte sich, überglücklich dass er nicht der Fensterer war, denn diese Geschichte hätte ihn lebenslang am Stammtisch begleitet.
Ach so, da war ja noch der vermeintliche Hilfeschrei. Auch das klärte sich auf, am nächsten Tag lag im Stall unter unserer Ferienwohnung ein frisch geborenes Kälbchen im Stroh.
Es begann eine wunderschöne zweite Ferienwoche.