Stehaufmännchen
StehaufmännchenFoto-Quelle: Beni Dauth, http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stehaufmann.jpg

Schuld sind immer die anderen... Wo bleibt die Selbstverantwortung?

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Das Leben ist kein Ponyhof und dennoch gibt es erstaunlich viele Menschen, die sich in Tagträumereien verlieren. Sie haben unrealistisch hohe Ansprüche und fordern diese bei jeder Gelegenheit ein - bei den eigenen Eltern, beim Staat oder beim Partner. Und sie sind schnell mit Schuldzuweisungen bei der Hand, wenn irgendetwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft. Verantwortlich sind immer die anderen, das Schicksal oder aber widrige Umstände.

Die Flucht aus der Selbstverantwortung…
Eine Erziehung zur Selbstverantwortung ist nicht selbstverständlich. Viele Kinder werden überbehütet oder bleiben sich selbst überlassen. Sie lernen nicht, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, sie scheitern oft schon an einfachen Aufgaben und werden dadurch immer weiter frustriert. Schließlich flüchten sie sich in eine passive Haltung, denn wer gar nichts tut, der kann auch keine Fehler machen. Man möchte sie rütteln und wachschütteln, doch sie verweigern sich. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen – nicht für sich selbst und erst recht nicht für andere.

…eine Frage der Kindheit?
Es wäre zu einfach, sich auf eine schlimme Kindheit zu berufen. Viele psychologische Studien zeigen nämlich, dass auch Kinder, die unter ungünstigen Verhältnissen herangewachsen sind, große Selbstverantwortung entwickeln. Sie stellen sich früher oder später einigen wichtigen Fragen des Lebens und finden schließlich befriedigende Antworten darauf:

  • Kenne ich meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse und nehme ich sie ernst? Nur wer sich selbst wirklich kennt, kann auch gut für sich selbst sorgen und Selbstverantwortung übernehmen. Dann sind Schuldzuweisungen nach dem Motto: „Mach du, dass es mir gut geht!“ nicht mehr notwendig. Sich selbst zu kennen ist die Grundvoraussetzung für ein gutes Selbstbewusstsein.
  • Wie sehen meine eigenen Vorstellungen vom Leben aus? Die Orientierung an Werten und Zielen, die andere – Eltern, Idole aus der Popkultur etc. – vorgeben, macht auf Dauer unglücklich und unzufrieden. Je besser ich meine eigenen Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen kenne, desto gezielter kann ich eigene Visionen entwickeln. Aber natürlich kann ich sie nur dann verwirklichen, wenn ich alle Chancen und Möglichkeiten nutze.
  • Sind meine Wünsche realistisch? Natürlich darf man träumen – Träume sind sogar eine wichtige Voraussetzung, um die eigenen Ziele im Leben schließlich konkreter fassen zu können. Doch die Wunschvorstellungen sollten auch mit der Realität kompatibel sein. Wenn ich nicht über musikalisches Talent verfüge, wird eine Karriere als Sängerin vermutlich wenig realistisch sein.
  • Welchen Vorteil bringt mir die Passivität ein? Allein die Erkenntnis, dass wir trotz besseren Wissens in einer unguten Lebenslage verharren, weil wir Vorteile daraus ziehen - zum Beispiel Zuwendung und Aufmerksamkeit, kann zu einer Änderung führen. Und nur wenn ich mich bewege, kommt auch Bewegung in meine Situation. Nur wenn ich selbst etwas ändere, ändert sich auch mein Umfeld.
  • Wer oder was könnte mir helfen, meine Probleme zu lösen? Überbehüteten Kindern fällt es schwer, andere um Unterstützung zu bitten, weil sie Hilfe immer auch als Einmischung erfahren haben. Vernachlässigte bitten gar nicht erst darum, weil Unterstützung für sie ein Fremdwort ist und sie immer alles selbst bewältigen mussten. Beide müssen lernen, dass Anspruchshaltung nicht zum Ziel führt und Unterstützung - um die man durchaus bitten darf und sollte – immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein kann.
  • Welche Gründe sprechen dagegen, dass ich aktiv werde – jetzt, sofort? Immer ist der erste Schritt der Schwerste und gerade die Frustrierten mauern mit einem Berg von Argumenten gegen jede Änderung. Doch die meisten dieser Scheinargumente lassen sich leicht entkräften – vor allem wenn eine Belohnung winkt. Die kann man sich natürlich auch selbst in Aussicht stellen, indem man sich auch für kleine Schritte belohnt. Und sie wird weiter verstärkt, indem jede Aktivität schon an sich als kleiner Erfolg verbucht wird und sich positiv auf das eigene Wohlbefinden auswirkt. Nur so kann Selbstvertrauen wachsen.
  • Was ist so schlimm daran, zu scheitern? Im besten Falle lernen wir daraus und korrigieren unsere Vorstellungen. Allerdings nur, wenn wir uns auch fragen: was war mein eigener Anteil daran? Wir erfahren, dass unseren Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind, wir stecken neue Ziele und probieren neue Wege aus.