Metamorphose
MetamorphoseFoto-Quelle: Kunstdruck/Foto u.m.k.

Metamorphose I

Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie hatte ihren Urlaub nicht am Meer verbringen wollen. Nicht schon wieder und nicht zu dieser Jahreszeit. Doch wie so oft setzte sich ihr Mann durch und nun waren sie wie jedes Jahr zur gleichen Zeit am gleichen Ort.
Das kleine Ferienhaus stand nahe am Ufer und sie hörte nachts die Wellen an den Steg schwappen.
Es war noch kühl in diesen Tagen und oft hüllte der Nebel das Häuschen ein, wenn sie morgens vor die Tür trat. Sie empfand die feuchte Kühle auch noch wenn sie ins Haus zurückkehrte und sich an den Frühstückstisch setzte. Wenn ihr Mann sich nicht in seine geliebte Zeitung vertiefte unterhielten sie sich über belanglose Dinge; doch sobald sie versuchte mit ihm über ihre Gefühle zu sprechen, ihm klar machen wollte was sie in den letzten Monaten und Tagen bewegte und worüber sie nachdachte, fand er immer eine Fluchtmöglichkeit.
Er war ihr fremd geworden, sie fand keinen Weg mehr zu ihm.
Stand sie am Ufer und blickte auf die ungewöhnlich ruhige See, wünschte sie sich einen Sturm der Bewegung ins Meer bringen würde. Bewegung in diese gleichbleibend unberührte Wasseroberfläche die ihr Leben widerspiegelte.
Sie spürte die Kälte in sich, auch wenn sie dicht am Kamin saß in dem das Holz knisterte u. die Flammen kleine Funken sprühten.
Seit einigen Tagen hatte sie jede Nacht denselben Traum. Sie saß in einem Boot das aufs Meer hinaus trieb, einem rötlich strahlenden Sonnenuntergang entgegen. Sie fühlte sich frei und voller Erwartungen. Ohne Angst, glücklich einer unbekannten Zukunft entgegen treibend.
Wenn sie erwachte und ihr bewusst wurde dass sie gefangen war, gefangen in fest verankerten Gewohnheiten an denen sie sich ängstlich festklammerte um nicht in Sehnsüchten zu ertrinken die so tief waren wie das Meer, dann wünschte sie sich der Traum würde wahr.
Der Gedanke an eine mögliche Veränderung ließ sie nach diesen Träumen nicht mehr los.
Die Tage vergingen ohne große Abwechslung. Es waren Tage wie immer, ohne Höhen und Tiefen, bis zu der Nacht in der ein aufkommender Sturm alles veränderte. Sie wurde wach, als sie die kühle Luft auf ihrem Gesicht spürte. Der Sturm hatte ein Fenster aufgedrückt und trieb den Regen ungehindert ins Zimmer. Sie blieb liegen und sah zu wie sich langsam auf dem Fensterbrett kleine Seen bildeten. Ein Blick auf ihren Mann zeigte ihr, dass er nichts bemerkt hatte und in einem tiefen Traum gefangen schien.
Da wurde sie sich ihres eigenen Traumes bewusst. Er hatte sich verändert. Sie sah sich selbst am Strand liegen, nackt und frierend, im weißen Sand. Und während sie sich wie eine Fremde betrachtete veränderte sich ihr Aussehen. Ihr Kopf, die Schultern, ihr Oberkörper verschwanden und ein großer Fisch nahm Gestalt an. Doch die Verwandlung hörte plötzlich auf und so lag sie nun halb Fisch, halb Frau am Ufer, unschlüssig ob sie weglaufen, oder sich ins Meer stürzen sollte. Sie konnte sich nicht entscheiden, spürte nur die Wellen, die sie sanft umspielten.
An diesem frühen Morgen fasste sie einen Entschluss. Sie würde nicht länger warten wie die Fischfrau im Traum. Warten ob ein Wunder sie aus dieser hilflosen Lage befreien würde. Warten ob eine Welle von Zuversicht und Mut all die Ängste und Zweifel wegspülen würde. Ob ein Sturm von vergessen geglaubten Gefühlen die längst versandeten Hoffnungen freilegen würde und sie zurücktreiben würde in ein bewegtes Leben. Sie wollte sich wie ein Fisch ins kalte Wasser gleiten lassen und zum Horizont schwimmen, der aufgehenden Sonne entgegen.
Sie war sich jetzt ganz sicher - es war der richtige Zeitpunkt um neuen Ufern entgegen zu schwimmen.
Als ihr Mann zum Frühstück in die Küche kam fand er auf dem Tisch ihren Brief.

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