Eine Muttertagsgeschichte
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Eine Muttertagsgeschichte

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war an einem Samstagnachmittag, einen Tag vor Muttertag und ich stand Schlange in einer kleinen Blumen-Boutique. Mein Mann hatte mir den Auftrag erteilt, für seine Mutter doch ein nettes Sträußchen zu besorgen, ich müsse doch bestimmt sowieso nochmal in die Stadt.

Hätte ich nicht wirklich gemusst. Aber was soll man machen – Männer sind in solchen Fällen ja so hilflos. Und so gerne hilflos!!! Und ich kann so schlecht widerstehen….Meiner findet immer einen Weg, sich vor dem Geschenkeaussuchen zu drücken. Selbst bei mir!

Nun ist meine Schwiegermutter ein Mensch, dem man gerne mal ein paar Blümchen mitbringt, also bin ich dann doch los gezogen. Und stand jetzt also Schlange. Denn viele Menschen wollten auf den letzten Drücker noch was „Liebes“ für die Mutti besorgen. Warum das so oft Blumen sind weiß ich nicht. Mir persönlich liegt eigentlich mehr daran dass ich sehe, der Geber hat sich Mühe gemacht, sich etwas einfallen lassen.

Aber hier stand ich in einem Knäuel Menschen, die es alle furchtbar eilig hatten. Jeder trat von einem Fuß auf den anderen, stöhnte und seufzte und kam so doch nicht schneller vorwärts. Die beiden Blumenbinderinnen und ihr Chef rotierten im Akkord, schwitzten und hasteten, um alle zufrieden stellen zu können. Ich blieb ruhig, hatte ich doch nur noch die Blumen zu besorgen.

In all dem Trubel stand vor mir ein Kind, etwa acht- neun Jahre alt. Es war ein Mädchen, sie wippte aufgeregt auf den Fußballen, eine Hand war fest zur Faust geballt. Ich musste schmunzeln. Genauso hatte ich es früher gemacht, wenn ich etwas ganz Besonderes gekauft habe – immer das Geld in der Faust und immer auf dem Sprung!

Die Verkäuferin beugte sich zu dem Kind und fragte:“Na, kleine Maus, willst Du Blumen für die Mutti kaufen?“ Die Kleine nickte. „Wie viel Geld hat Du denn dabei?“ fragte die Verkäuferin weiter. Schüchtern und leise kam ein: „Sieben Euro“ von dem Mädchen.

„Na, dafür kriegen wir doch was Nettes!“ antwortete die Verkäuferin. „Und welche dürfen es denn sein?“fragte die Frau weiter.

Die Zähne fest in die Unterlippe gegraben ging der Blick des Mädchens zu einem Eimer mit Orchideenrispen und seine Augen strahlten. „Die da!“ sagte es schüchtern. Da schüttelte die Verkäuferin den Kopf und sagte bedauernd: „Das geht leider nicht, die kosten acht Euro das Stück. Schau Dich noch ein bisschen um, wir haben ja noch viele andere schöne Blumen!“ Und sie schlug verschiedene Blumen vor, zeigte sie und lobte deren Vorzüge.

Das kleine Mädchen aber stand still da, ließ traurig die Arme hängen und schüttelte mehrfach den Kopf. Das Strahlen war wie weggewischt. Verstohlen sah es immer wieder zu dem Eimer mit den Orchideen.

Die Verkäuferin wurde immer eifriger, das Kind immer kleiner und trauriger.

Die Verkäuferin sagte eifrig: „ Ein Euro fehlt nur, ich kenn Dich ja, Du kannst mir das Geld ja nächste Woche vorbeibringen!“ Aber man sah dem Kind an, dass es ganz bestimmt auch nächste Woche den fehlenden Euro nicht aufbringen würde.

Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich ging hin und fragte die Kleine, wie viel Geld ihr denn fehle. Erschrocken wich sie zurück. „Keine Angst“, sagte ich aufmunternd, „ich möchte Dir das Geld, das Dir fehlt, gerne geben.“

Hinter mir gab es ungeduldiges Gemurmel, die anderen Kunden warteten und waren über die Verzögerung nicht erfreut. Da die Kleine so leise und schüchtern sprach hatte niemand das Dilemma mitbekommen. Sie sahen nur ein Kind, das in der Rush-hour den Verkehr aufhielt, weil es sich scheinbar nicht entscheiden konnte.

Ich war froh darüber, dass nicht jeder mitkriegte, dass ich ihr Geld geben wollte, ich hasse es, wenn ich öffentlich bestaunt werde.

Die Verkäuferin war einen Moment lang stumm und sagte dann geschäftig: „Sie möchte die Orchideen, die kosten acht Euro die Rispe. Und sie hat nur sieben.“ Sie sah mich milde lächelnd an. „Das heißt es fehlt ein Euro. Das ist ja wundervoll, dass Sie der Kleinen helfen wollen, ihre Mutter ist schon länger krank.“

Das Mädchen sah mich verschüchtert an und wäre wohl am liebsten im Boden verschwunden. Sie hielt die geballte Faust mit dem Geld auf den Rücken und schüttelte leise den Kopf.
Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich nur einen Augenblick mit dem Mädchen allein hätte reden dürfen. Aber der Laden war jetzt wirklich gestopft voll und die anderen Kunden merkten langsam, was passierte und lauschten ungeniert.

Ich hockte mich vor das Kind und sagte: „Ich hab auch zwei kleine Mädchen zuhause, die ihrer Mama am Muttertag eine besondere Freude machen wollen.“ Ich kramte einen Euro aus meinem Portemonnaie und nahm ihre zweite Hand. „Nimm es ruhig und gib Deiner Mami ein extra-Küsschen, damit sie weiß, wie lieb Du sie hast.“ Und mit diesen Worten drückte ich ihr den Euro in die Hand.

Das Gesicht des Mädchens begann ungläubig wieder zu strahlen. Dann sah es die Verkäuferin an und die sprudelte begeistert los: „Also das ist ja toll, da haben Sie die Kleine aber glücklich gemacht!“ Laut vernehmlich klang ihre Stimme durch den Raum und die anderen Kunden sahen mich jetzt alle an. „Das macht aber auch nicht jeder, das ist ja wie ein Wunder.“

Während sie redete suchte sie die schönste Rispe aus und wickelte sie mit etwas Garnitur behutsam in Einschlagpapier. Und während sie weiter laut schwärmte legte sie dem Mädchen die Blumen in den Arm und nahm das Geld entgegen. „Grüß Deine Mutter bitte von mir und wünsche ihr eine gute Besserung.“ kam es abschließen von ihr, dann wandte sie sich zu mir.

„Das war ja sooo nett von Ihnen, das Mädchen ist so ein liebes wohlerzogenes Kind, das hätte nicht jeder gemacht, Sie kennen sie ja gar nicht, und die Mutter ist so krank, da haben Sie jetzt aber zwei Menschen richtig glücklich gemacht. Was darf ich Ihnen denn geben?“

Ein bisschen verwirrt durch den Redefluss sah ich sie an, dann sah ich mich um. „Einen netten Strauß zu zwanzig Euro, kurz gebunden mit ein bis zwei großen Blüten.“ Ich hatte lange genug Zeit gehabt, meinen Wunsch zu formulieren, ich wollte jetzt zügig bedient werden und dann nichts wie raus aus der lauschenden Menge!

Aber die Verkäuferin war noch nicht fertig mit ihrer Bewunderung. „Warum haben Sie das gemacht, ich meine einem wildfremden Kind Geld zu schenken?“ Sie war immer noch wie von den Socken. „Ich habe nicht vergessen wie es ist, wenn man jemandem eine Freude machen will und dann reicht das Geld nicht.“ antwortete ich. „Auch die Kleine wird es nicht vergessen und vielleicht irgendwann das gleiche tun können.“

Jetzt war die Verkäuferin vollends von mir begeistert. Sie fing an, mir die schönsten Blumen aus den verschiedenen Eimern heraus zu suchen, da kam ihr Chef vom Verkaufstand vor der Tür herein und fragte hektisch: „Frau Jeschke, könnten Sie mir bitte Schleierkraut und Asparagus aus dem Kühlraum holen? Ich komm nicht dazu, draußen ist die Hölle los!“ und war wieder verschwunden.

Die Verkäuferin sah mich hilflos an und sagte: „Ich mach Ihnen gerade noch den Strauß zurecht, dann geh ich. Sie haben jetzt schon so lange gewartet!“ Aber ich sah den Chef durch ein Schaufenster, wie er verärgert auf seine Angestellte sah, die immer noch bei mir stand. „nein, gehen Sie nur,“ sagte ich da, „auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an.“

Sie blickte mich an und fing wieder an lautstark zu schwärmen: „Sie sind ja ein Engel, das erlebt man aber nicht oft, ich geh schnell, ich beeile mich!“ und verschwand. Verlegen bemerkte ich die neugierigen Blicke der anderen Kunden, die jetzt wieder unmutig wurden. Schon wieder extra warten, ich hatte die Schlange ja schon so lange aufgehalten!!

Ich drehte mich zu den Blumen um und studierte die Sorten und Preise, um die Blicke nicht mehr zu sehen. Die Verkäuferin kam mit einem Arm voll Grünzeug zurück und schwärmte weiter: „Ach, Sie sind ein Engel, so viel Mitgefühl und Geduld, das hab ich noch nie erlebt!“

Hatte sie die Blicke der anderen wirklich nicht bemerkt?? „So jemanden trifft man gerne!“ kam es wieder, schön laut, damit alle es hörten. Den anderen Kunden sah man an, dass sie so jemanden aber nicht in der Warteschlange vor sich haben möchten!

„Ach, und wie hat die Kleine gestrahlt, der haben Sie ja so viel Freude gemacht!“ ging es weiter. Aber sie hätte die Kleine doch auch glücklich machen können. Und ganz ohne Geld zu bezahlen. Es gab bestimmt eine Rispe unter den Orchideen, die schon etwas weiter aufgeblüht war oder kleiner als all die anderen, so dass man sie hätte reduzieren können. Es wäre ganz einfach gewesen.

Aber sie hat es nicht gemacht.

Und es war kein Umstand, kurz zu warten, bis Nachschub aus dem Kühlraum geholt war, warum wollte außer mir keiner warten?

Haben denn alle die Fähigkeit verloren, sich in andere hinein zu versetzen, um ein bisschen Rücksicht nehmen zu können? Hat keiner die Not und die Enttäuschung des Kindes gesehen, als sein Geld nicht reichte? Ging es keinen etwas an?

Und auch im dicksten Trubel ist es nötig, dass für Nachschub gesorgt wird. Ein paar Minuten bringen einen da doch nicht um.
Haben wir komplett den Blick für den Nächsten verloren?
Oder haben wir vergessen, dass auch wir einmal der Nächste sein könnte, der Nachsicht braucht?

Ich hatte einen Euro gegeben und dafür ein wunderbar strahlendes Lächeln bekommen. Ich habe selten soviele Zinsen für mein Geld erhalten. Dieses Kind hat mit dem einen Euro viel mehr bekommen, als man dafür hätte kaufen können. Es hat seiner Mutter das schönste Geschenk gemacht, das es sich vorstellen konnte. Und es nahm das Gefühl mit, dass seine Not gesehen wird, dass es nicht allein ist.

Und das alles für einen Euro – man braucht so wenig, wenn man wirklich einmal hinsieht!

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