Wenn Eltern schweigen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Kurzgeschichte: Die Knochen meiner Urahnen. Wenn Eltern schweigen.

Meine Eltern sind, wie viele Deutsche, in den Siebziger aus dem Banat, Dorf Saderlach, Rumänien, nach Deutschland ausgewandert. Mit Ihnen auch mein Großvater, ich war erst 2 Jahre alt. In der Familie wurde nie über dieses Thema gesprochen, der einzige der mir von der alten Heimat erzählte war mein Großvater. Leider starb er als ich 8 Jahre alt war, und so geriet das Ganze auch für mich in Vergessenheit. Nach dem Studium hatte ich mit einem Partner eine Immobilienfirma gegründet, wir kauften/-verkauften auch Grundstücke in Ost-Europa. Ich hatte meine eigene Familie, mit den Eltern hatte ich nur noch telefonischen Kontakt, die Entfernung war zu groß. Eines Tages, es war in 2013, sagte mir mein Partner er habe einen Tip bekommen, man soll so viel wie möglich Feld kaufen im Westen Rumäniens, neben der Stadt Arad, in ca. 10 Jahren wird dort ein großes Industriegebiet entstehen, und da er ja meine Herkunft kannte, sollte ich dem Ganzen nach gehen. So kam es das ich am Termintag in Arad landete. Beim Bürgeramt hat man mich schon erwartet, ich bekam ein Begleiter, Viorel, er konnte fließend Deutsch, um mir die Felder zu zeigen. Als wir so langsam von Arad nach Westen fuhren, Viorel zeigte mir links und rechts des Weges die Felder, sah ich in der Ferne, so ca. bei 4 Km Entfernung, einen Kirchenturm mit Kreuz, so wie es die katholischen Kirchen haben. Ich fragte Viorel danach, er sagte mir da kommt das Dorf Zadareni, die Deutschen sind alle fort, die Kirche hat jetzt eine andere Glaubensgemeindschaft gemietet. Ich fragte ihn dann nur so ob er den deutschen Namen diese Dorfes kenne, er beneite es, meinte aber, er wolle sowieso zu seinen Eltern fahren, die wohnen ein Dorf weiter, ich könnte mitkommen. Mir war es egal, und so fuhren wir durch das Dorf Zadareni nach Felnac zu seinen Eltern, die uns schon mit dem traditionellen Essen, Sarmale und Mamaliga, erwarteten. Nach dem Essen fragte beiläufig Viorel seinen Vater wie der deutsche Name von dem Dorf Zadareni wohl sei, und der antwortete, ohne Zögern, Saderlak, meinte aber noch das keine Deutsche mehr da sind.
Als ich den Namen Saderlach hörte, war als hätte ein Stromschlag meinen Körper durchfahren, ich wurde ganz blass im Gesicht, mir wurde übel.
Besorgt fragte mich Viorel was mit mir los sei, wohl das Essen zu fett ? Nein, nein, beruhigte ich ihn, im Gegenteil, alles hat prima geschmeckt, der Grund meines Übels war das ich hörte den Namen Saderlach, es ist nähmlich das Dorf meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, ich wusste nur nicht wo es liegt, war noch nie in Rumänien. Auch Viorel und seine Eltern waren irgendwie geschockt. Sie konnten es einfach nicht verstehn, wieso mir niemand aus der Familie mal gezeigt hat wo Saderlach liegt, ich sagte ihnen aber auch das meine Eltern nicht wissen das ich da bin. Um die Sache kürzer zu machen, Viorel lies mich in Saderlach raus, schrieb mir noch Einiges auf Rumänisch auf einen Zettel, und so gelang ich zum Bürgeramt, wo zu meinem Staunen, ein junger Beamte perfekt Englisch sprach, und schon nach kurzer Zeit im Geburtenbuch Saderlachs meine ganzen Vorfahren, Eltern und auch mich eingetragen fand. Er sagte mir auch das unser gewesenes Haus nicht mehr stehe, jemand hat ein ganz neues dort aufgebaut, hat mir aber trotzdem die Hausnummer gesagt. Ich war überwältigt von Gefühlen die ich bis jetzt nicht kannte, wollte mich schon verabschieden, als plötzlich der Beamte, ganz voller Freude meinte: "- Was für ein Glück, das muss wohl Gottes Hand sein, das gerade Sie zu uns kommen, einfach so, wir haben uns schon Sorgen gemacht , wussten nicht wie wir euch in Deutschland erreichen könnten, es ist etwas Ungewolltes geschehen, der Baggerfahrer hat im Friedhof aus Versehen das Grab euer Vorfahren beschädigt. Die Polizei hat alles abgeriegelt, wir müssten Sie finden, um mit Eurem Eingeständniß das Grab zu verlegen. Wie gut dass Sie jetzt da sind , wir können gleich zum Friedhof fahren, dort können Sie alles dann sehen."
Noch nie in meinem Leben war ich so mit einer Situation überrumpelt, plötzlich das Grab meiner Urahnen zu sehen, ohne eine Ahnung davor zu haben. Als wir im Friedhof ankamen, sah ich sofort wie ungepflegt die meisten Gräber waren, bei den meisten Grabsteine sah man nicht mehr die ganzen Namen, das Gras war sehr hoch gewachsen. Unser Grab war ziemlich abseits , fast isoliert, man sah das die Erde aufgewühlt war, das Kreuz lag auf der Seite. Als ich näher kam stockte mir der Atem, obzwar es von der Polizei mit einem Zaun umzingelt war, ging ich bis ganz nahe dran, dann sah ich erst die Knochen liegen, ich konnte mich nicht mehr beherrschen, kniete nieder, nahm mit der Hand von der Erde, küsste sie. Ich mußte weinen, einfach so wie ein Kind, meine Urahnen legen hier, so einsam, so verwüstet das Grab. Ich betete ganz leise das Vaterunser, und nachdem der Tränenschleier sich verzog, bemerkte ich an einem Knochen einen Ring, ich nahm ihn ab, küsste ihn. Dieses Glücksgefühl das mich durchströmte war einmalig, es war das höchste Gefühl das ich je erlebt habe.
Um das Ganze zu kürzen, möchte ich nur noch sagen, dass das Grab meiner Vorfahren umgelegt wurde, das Kreuz erneuert, ich lies eine große Spende dort damit jemand die Gräber ordentlich Instande hält, es hat auch mit dem Kauf der Felder geklappt.
Ich blieb noch ein Tag in Saderlach, spazierte durch das Dorf, den Wald, entlang der Marosch, ging auch wieder in den Friedhof, mit Blumen. Mein Beschluss stand fest: ich werde meinen Eltern nichts davon sagen, ihr Herz hat sicher "geblutet" als sie von hier fort gegangen sind, das sie mir nicht davon erzählt haben will ich ihnen nicht zur Schuld lasten. Das Schicksal hat es gerichtet, das ich das Grab meiner Urahnen retten konnte, der Ring, der wird mich immer begleiten.
Manchmal muss man auch verzeihen können, auch wenn die Toten nie davon erfahren werden.


Franz Eisele Heidelberg, 22.03.14