WIE ICH MEINE LIEBE FAND

Beitrag von wize.life-Nutzer

Diese Zeilen sind meiner Lebenspartnerin Gerda gewidmet. Sie mögen aber auch anderen Menschen, die innerlich nicht ganz erkaltet sind zum nachdenken anregen. Diese Geschichte beginnt vor einem Jahr.

Ein paar Wochen war ich nun hier schon bei SB, ursprünglich war ich hier auch auf Partnersuche, aber auch um Neues kennen zu lernen. Nach einem Fehlversuch gab ich die gezielte Suche auf und befasste mich mehr mit den Menschen hier und ihren Eigenheiten und ließ alles Weitere an mich herankommen.

Ich hatte mir angewöhnt häufig die Chatrooms zu besuchen.
Dort war es meiner Ansicht nach damals interessanter, es ging oft um spannende Themen und es entwickelten sich meist sehr ergiebige Dialoge und nicht so sehr die Banalitäten und das Chaos, das ich heute vorfinde.
An jenem Abend jedenfalls war das Thema "Irland" und ich liebe Irland, die Menschen (die beileibe keine Irren sind) und ihre Lebensweise und auch ihre Musik. Ich wollte und will auch heute noch mehr über dieses schöne Land und seine Menschen erfahren. Aber das hat ja noch Zeit.

Ja und bei diesen Gesprächen wurde eine Frau auf mich aufmerksam, und sprach mich an. Ich war etwas überrascht, dass quasi eine Frau den ersten Schritt machte, ließ mir aber nichts anmerken und wir kamen in intensivere Gespräche. Die Frau begann mich zu interessieren. Nun schon nach kurzer Zeit mailten wir auch privat miteinander und landeten schließlich bei Skype. Ich hatte mich ja in eine Frau verliebt, ohne zu wissen wie sie aussah und ich war meiner Gefühle für sie zwar schon von Anfang an sicher, aber die Lebenserfahrung sagte mir auch das man vorsichtig mit Menschen und Gefühlen sein muss. Es war, jedenfalls für mich eine ganz neue, aber sehr interessante Erfahrung einen Menschen auf diese Art kennen zu lernen. Doch dann wollte ich wenigstens ihre Stimme hören und ihr Gesicht sehen, lagen doch eine Entfernung von fast 800 km zwischen uns und Videotelefonie war dafür nun mal die beste und billigste und ungefährlichste Art einander zu sehen. Dort unterhielten wir uns von nun an täglich oft viele Stunden lang und lernten einander und unsere Gewohnheiten sehr gut kennen. Wir verbrachten mit Gesprächen bald mehr Zeit miteinander als so manches Ehepaar in zehn Jahren.
Ende Juni fuhr ich dann kurzerhand von Wien nach Leipzig um sie zu besuchen. Ja es war eine abenteuerliche Reise. Ich studierte die billigsten Möglichkeiten um nach Leipzig zu gelangen, ich musste unbedingt dorthin, das war mir klar. Und als Mindestrentner waren meine Geldmittel ja sehr bescheiden, aber was soll`s. Für die Rückfahrt bekam ich vergünstigte Bahnkarten, aber für die Anreise war absolut nichts zu finden, auch nicht mit Fernbussen, da gab es keine Direktverbindung. Doch dann bekam ich bei einer Mitfahrzentrale die Möglichkeit mit jemand mitzufahren der in das nahegelegene Halle musste. Und Gerda erhielt den Auftrag eine Möglichkeit zu finden wo man mein Sauerstoffgerät auftanken konnte, auf das war ich ja auch noch angewiesen. Und in Wien war das ziemlich leicht, es gibt da Apotheken, wo das kostenlos möglich ist. Ich war ganz schön erstaunt, dass es in Deutschland schwierig ist an Sauerstoff zu kommen, wie es sich herausstellte. Aber irgendwie fand sie eine Lösung.
Ja und endlich kam ich schwer bepackt in Leipzig an, wo mich der Fahrer bei einem McDonald absetzte. Von dort holte mich nach einigen Missverständnissen Gerda ab. Ich war so schwer bepackt, dass ich, krankheitshalber ja geschwächt (COPD), mein Gepäck kaum tragen konnte. Hatte nämlich unbedingt einen Karton besten italienischen Wein als Geschenk und zum Feiern mitnehmen müssen.
Diese ganzen Schwierigkeiten nahm ich nur auf mich um sicher zu gehen, dass es nicht nur Verliebtheit ist und wir auch in der Realität samt unseren Körpern mit einander können. Aus der Ferne schaut das nämlich ganz anders aus als im alltäglichen Leben. Ja, das war auch so wichtig und richtig gewesen.
Nun gut wie sich herausstellte stimmte die Chemie, durch Skype waren wir doch schon auf seltsame Art miteinander vertraut auch wenn, gerade durch meine Behinderung doch etliche Schwierigkeiten zu überwinden waren. Ich war nämlich von zusätzlichem Sauerstoff zum Atmen abhängig und es musste eine Möglichkeit zum Nachfüllen des tragbaren Sauerstoffgerätes gefunden werden. Das hieß auch, unsere Aktivitäten mussten auf meinen Sauerstoffvorrat abgestimmt werden und im Tagesplan rechtzeitig das Nachschub holen mit eingeplant werden. Mussten ja doch ein Stückchen fahren bis zur „Tankstelle“. Ja, aber es klappte alles bestens, Gerda konnte sich überraschend gut auf die Situation einstellen und so fuhr ich nach zehn Tagen mit der Bahn über Tschechien wieder zurück nach Wien, wo mich Gerda vier Monate später, im Oktober an meinem Geburtstag besuchen wollte. Und sie kam tatsächlich. Wir verbrachten eine schöne Woche und sie lernte Wien richtig kennen, nachdem sie sich auch dort mit meinem Bekanntenkreis angefreundet hatte.
Naja was soll ich sagen, nach dieser Woche verstaute sie mich doch tatsächlich, zusammen mit dem Nötigsten aus meiner Wohnung, in ihr Auto und „entführte“ mich nach Leipzig, das nun mein neues zuhause werden sollte. Zum Glück hatten auch meine Ärzte den Umzug unterstützt, die Krankenkasse stellte mir elektrische Sauerstoffkonzentratoren zur Verfügung, so dass ich keine „Tankstelle“ mehr brauchte, nur noch Strom. Die wichtigste Vorraussetzung für mich hier in Deutschland leben zu können.
Die Probezeit, die wir uns bis Weihnachten gesetzt hatten um unser Zusammenleben auszuprobieren, ging schnell und sehr erfolgreich vorüber und ich bin auch heute noch dort und genau so glücklich wie am ersten Tag. Und Gerda hat sich an das Gerät gewöhnt, das mich von nun an immer begleitet, ihre Angst um mich ist einem selbstverständlichen Umgang damit gewichen.

Ja es hatte einiges passieren müssen, dass wir zueinander fanden. Ihr vorheriger Lebensgefährte war drei Jahre zuvor verstorben und auch ich hatte all meine Ängste abgeworfen und zu meiner wahren Persönlichkeit gefunden.
Es würde mich sehr freuen, wenn dem Einem oder der Anderen das gleiche Glück erwischt.
Meinen Freunden würde ich raten zu hinterfragen, warum sie einen Partner suchen. Wenn es nur aus Angst vor dem Alleinsein ist, kann es nie passen. Eine gute Partnerschaft verlangt selbstständige, gefestigte Menschen und Respekt vor einander. Ja und es sollte sie auch Freundschaft verbinden, denn Liebe ist nicht immer gleich sondern kommt immer wieder in Wellen zu den Liebenden, mal stärker, mal schwächer. Aber Freundschaft, die hält.
Ja man sollte dem Glück auf keinen Fall nachjagen, man verscheucht es allzu leicht. Selbst bei noch so großer Verliebtheit sollte man genau sehen, wie und wer ist der Mensch und dass es kein leeres Wunschbild ist. Denn die wirkliche Liebe muss sich erst im Alltag bewähren. Aber man sollte ihr auch eine Chance geben.