auf der Fahrt entlang der Donau
auf der Fahrt entlang der Donau

MOPPEL-1 ....wie alles begann

Beitrag von wize.life-Nutzer

VAGABUND
Nun ich bin ein Kind der Straße und finde dieses Leben schön, es passt mir wie maßgeschneidert.
Und nach der heutigen Einleitung werde ich Euch wohl noch Einiges zu erzählen haben. Jedenfalls hoffe ich noch viel und weit auf dieser buckligen Welt rum zu kommen.


Es gibt ein liebes kleines Städtchen, in der Nähe von Tübingen, welches sich malerisch um einen See drapiert, gar malerisch präsentiert. Eigentlich sind es sogar zwei Seen, wobei der eine nicht öffentlich zugänglich ist, da er zum Besitz des Schlossherrn gehört. Außerdem ist Waldsee in bestimmten Kreisen durch eine kleine, aber feine Werkstatt bekannt. Hier werden nämlich seit 1957 Wohnwagen und Wohnmobile hergestellt. Und genau dort erblickte ich vor 32 Jahren den Staub der Landstraßen.
Ja meine Väter hatten sich sehr wohl was dabei gedacht, als sie mich geplant haben. Ich mag zwar eine Spur breiter sein als etliche andere, aber meine Innenausstattung ist gut durchdacht und jeder Platz gut und sinnvoll ausgenutzt ohne dass die Insassen sich beengt fühlen müssen. Sitzplätze sind hier für 6 Personen und bequem schlafen können 4 Erwachsene. Ich habe noch Toilette und Dusche zu bieten, außerdem gibt es Kühlschrank, Gaskochstelle, Heizung und warmes Wasser, so für alle Fälle. Unter den Sitzen, sowie in den Wandschränken ist genügend Stauraum. Vorne habe ich eine große an den Seiten gebogene Windschutzscheibe, so dass für Fahrer und Beifahrer die Landschaft wie in einem Panoramafilm vorüberzieht, zumal mein Motor sowieso nicht für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt ist.
Über meine Vergangenheit möchte ich hier nicht allzu viel sprechen, da mein wirkliches Leben erst 2012 begann. Ich war ja für die damalige Zeit ein Luxusauto und auch heute entspricht meine Ausstattung noch dem gängigen Standard. Naja, und eigentlich bin ich ja auch für lange Reisen erschaffen worden, aber ich bin mehr gestanden als gefahren und dann hat mich mein Vorbesitzer auch noch gegen einen Traktor eingetauscht.
Ja und dann kam das Jahr 2012, mein Schicksalsjahr … In Leipzig gab es eine Frau die eine begeisterte Camperin war. Sie war mit ihrem damaligen Lebensgefährten sehr viel unterwegs gewesen, bis Italien, aber mit einem Wohnwagengespann. Zudem litt sie noch an einer Krankheit, die ihr eine spezielle Kost abverlangte und so kam das übliche Hotelleben und in Gaststätten essen für sie überhaupt nicht in Frage. Leider verunglückte ihr Reisegefährte tödlich und sie stand nun ohne Urlaubsmöglichkeit da. Aber ihr Traum war trotzdem jederzeit und unabhängig herumfahren zu können, zumindest in Europa, um Städte und Natur in all ihrer Schönheit kennen zu lernen und bewundern zu können. Aber wieder zurück ins Zelt, nein soweit ging ihre Liebe zum Campen nun doch nicht mehr, da war sie doch schon ein wenig zu verwöhnt. So beschloss sie sich ein Wohnmobil anzuschaffen. Ein Wohnmobil deswegen, weil ein Wohnwagen nicht auf einem öffentlichen Grundstück abgestellt werden darf, zumindest nicht für längere Zeit. Und man braucht auch ein starkes Auto, dafür war auch kein Geld da. Außerdem war so ein Wohnmobil leichter zu fahren und benötigte auch weniger Platz als ein Auto mit Anhänger.
Und wie das Leben so spielt, fand sie im Internet ein Angebot, damals wurde ich hier, ich schäme mich noch heute dafür, zu einem Spottpreis angeboten. Ja, diese Frau hatte mein Potential erkannt und den höchsten Preis für mich geboten. Sie wollte mich, obwohl es da noch Einiges zu erneuern und zu reparieren gab. Mein Vorbesitzer war nicht gerade sorgsam mit mir umgegangen und der Zahn der Zeit hatte auch an mir genagt. Und dann kam es auch noch zu Querelen, denn der Verkäufer schien zu bereuen mich für einen derart niedrigen Preis hergeben zu müssen. Er wollte doch tatsächlich diese Frau, ihr Name ist übrigens Drega, überreden, mich doch nicht zu nehmen oder freiwillig einen höheren Preis zu zahlen, hatte sogar behauptet, mein Motor arbeitet nicht richtig! Aber Drega wollte mich haben und verkauft ist verkauft und sie taufte mich auch gleich auf den Namen Moppel. Ich war auch glücklich, weil ich hoffte wieder meiner ursprünglichen Bestimmung entsprechen zu können. Und etwas machte mir große Hoffnung, schien sich verdammt gut technisch auszukennen, was ja für eine Frau sehr ungewöhnlich ist. Sie ließ nämlich sofort reparieren und ein Oldtimergutachten erstellen, was mich sozusagen unter „Naturschutz“ stellte und auch verkehrsrechtlich viele Vorteile bot.
Aber naja, irgendetwas hatte die Werkstatt übersehen, so richtig wollte ich nicht in gang kommen. Es sollte noch viel Zeit vergehen, bis alles repariert und erneuert und meine Verkehrstüchtigkeit erneut überprüft worden war. Zudem verlief Dregas Leben nicht gerade sehr ruhig. Sie hatte große Probleme mit ihrer schwerkranken Mutter, welche sie liebte und pflegen musste und das noch dazu bei ihrem eigenen angeschlagenen Gesundheitszustand. Als dann endlich auch meine Bremsen repariert waren, stellte sie mich stolz vor ihrer Wohnung ab und ich hoffte, dass es jetzt endlich losgeht … Ja, so kann man sich täuschen, Drega lernte im Internet einen Österreicher kennen und die beiden verliebten sich. Und ich musste einstweilen vor ihrem Fenster weiter warten, aber sie kam oft und erzählte mir ihre Träume, dass sie diesen Mann in Wien besuchen wolle mit mir. Nun bekam ich es mit der Angst zu tun, sie könnte mich wegen diesem Mann wieder völlig vergessen. Naja, in der Aufregung hatten wohl meine Batterien versagt, so dass es Drega unmöglich war meinen Motor zu starten. Da sie aber schon knapp mit der Zeit war, konnte sie diesen Fehler nicht beheben und da war ja auch noch diese Behauptung irgendwie in ihrem Hinterkopf, dass der Motor nicht richtig liefe. Nun sie fuhr kurz entschlossen einfach mit ihrem Kangoo los, sozusagen meinem kleinerem Brüderchen, und ich musste ohnmächtig vor Verzweiflung zusehen. Naja typischer Fall von Eigentor.
Bei seiner Rückkehr schwärmte mir doch dieser Kangoo dann auch noch vor, wie schön es in Wien gewesen ist, ich sah aber auch, dass er bis aufs letzte Plätzchen angeräumt war. Er erzählte mir, dass Drega, nachdem sie mit Zehin , so hieß dieser Mann, in Wien seinen Geburtstag gefeiert und sich gründlich in der Stadt umgesehen hatte ihn gleich mitsamt seinen wichtigen Sachen mitgenommen hatte. Ich war leicht schadenfroh, als ich erfuhr, dass er auf der Rückfahrt über die miserablen Strassen Tschechiens seinen Auspuff verloren hatte und er eine Nacht in Prag verbringen musste. Aber letztlich war ich dann doch beschämt. Mir war vor kurzem ja das gleiche Missgeschick passiert. Und das nächste ließ nicht lange auf sich warten. Als ich meine Batterien leer gemacht hatte, suchte sie einen Weg, das zukünftig zu verhindern und ich musste wieder in die Werkstatt um meine Elektrik umzubauen und da es inzwischen Winter geworden war, musste ich mit einer langen Wartezeit für meinen Fehler büssen. Inzwischen war auch Dregas Mutter verstorben, der Tod hatte sie von weiterem Leiden erlöst und auch eine schwere Belastung von Drega genommen. Dann waren auch noch die beiden Turteltauben derart mit einander beschäftigt, dass sie für nichts anderes Augen hatten. So vergingen Weihnachten und Neujahr, ich muss gestehen ich war inzwischen ganz schön traurig und verzweifelt. Aber dann, kurz vor Ostern geschah es. Bei den beiden kam plötzlich eine ungewohnte Hektik auf, die Elektrik wurde sorgsam überprüft, die Batterie aufgeladen und ich bekam auch noch eine zweite dazu. Dann wurde alles Notwendige eingeladen, frisch getankt und los ging es, die beiden fuhren mit mir nach Wien. Vorsichtshalber fuhr Drega nicht über Tschechien, sondern über Hof, Passau und Linz nach Wien. Drega wollte selber fahren, weil sie Lust daran fand und sich riesig freute endlich mit einem Wohnmobil unterwegs zu sein. Zehin der zwar als ehemaliger Taxifahrer auch einen Führerschein besaß, aber auch keine Erfahrung mit einem derart großen, schweren Fahrzeug hatte, sollte noch sehr lange warten müssen bis ihm Drega ihren Moppel anvertraute. Ja, ich freute mich endlich wieder unterwegs sein zu dürfen und schnurrte brav vor mich hin. Es war die erste große Reise seit Moppelgedenken die ich erleben konnte. Als wir nach kurzer Pause in Wien angekommen waren und alles Nötige erledigt hatten, fuhren wir auf einen Campingplatz, wo wir noch fast 2 Wochen blieben. Dieser Platz am Rande des Wienerwalds und an einem kleinen Bach war schön ruhig und idyllisch gelegen, aber auch verkehrsmäßig sehr günstig.
Und da war noch diese Geschichte, als Drega und Zehin mit mir in Wien angekommen waren, die erste große Fahrt sollte besonders gefeiert werden. Drega zauberte aus einem meiner Regale eine Bouteille vom besten Rotwein hervor. Der Wein, dieses Wort wird dem edlen Getränk auf keinste Weise gerecht, wurde stilgerecht entkorkt und beide kosteten den feinen Duft aus. In den schönsten Gläsern, extra mitgenommen, funkelte das Rot im Kerzenlicht auf das Prächtigste. Die beiden waren so selig, gut angekommen zu sein und dankbar für mein braves Fahren. Sie stießen die Gläser an und ließen mich hochleben. Beim Niederstellen des Glases, passierte Zehin ein Missgeschick. Er stellte im Überschwang der Gefühle sein Glas zu heftig auf und der Fuß brach ab. Im Fallen riss das Glas auch das andere mit und gemeinsam vereint lagen nun die Scherben am Tisch, während der vergossene Wein sich weiter verbreitete und die vorher so schöne Tischdecke purpurrot einfärbte. Dabei hatte ich gar nicht gewackelt.
Naja, Scherben bringen Glück. Wie das wohl weiter geht?