Wollen Sie mit mri tanzen?
Wollen Sie mit mri tanzen?Foto-Quelle: Collage: ri

Mein Wort zum Sonntag: Mäusetango

News Team
Beitrag von News Team

In den Wahrsagekarten der Madame Lenormand gibt es eine Karte, wo Mäuse einen dicken Getreidesack anknabbern. Sie stehen für Zermürbung, Auflösung, langsame Zersetzung. So ging's dem Autor an einem Tango-Abend.
Eigentlich bin ich gut drauf an diesem Abend. Die Menge wogt, viele bekannte und unbekannte Gesichter schweben übers Parkett oder warten auf den geeigneten Partner. Das müsste also ein schöner Abend werden.
Eine Weile sehe ich zu, dann entdecke ich drei einsame Damen. Neben einer ist noch ein Stuhl frei, also setzte ich mich neben sie und fange ein höfliches, unverbindliches Gespräch über die roten Plüsch-Sessel und das allgemeine Ambiente an. Aber ich bin nicht zum Plaudern gekommen, und so stelle ich bald die unvermeidliche Frage: Tanzt du einen Tango mit mir? Nein, ich tanze nur mit meinem Partner. Und wo ist der? Der kommt noch. Wann? So gegen Mitternacht. Und bis dahin bleibst du hier sitzen? (Es ist 21 Uhr!) Sie bleibt, und ich verlasse fluchtartig den Ort meiner ersten Enttäuschung an diesem sonst so schönen Abend.
Aber ich bin ja gut drauf. Auf dem Weg an der Wand entlang sehe ich eine flüchtige Bekannte. Ohne lange zu zögern lächle ich ihr zu und stelle die obligate Frage: Tanzt du einen Tango mit mir? Sie zögert und sagt dann, ihr Partner wäre gerade unterwegs, ein Bier zu holen. Bis der kommt, könnten wir beide ja - ? Können wir aber nicht, denn da kommt er, das Bier balancierend (für Tangotänzer ein eher untypisches Getränk; für Tangotänzerinnen erst recht. Aber das geht mich nichts an.) Also wieder nichts, weiter suchen. Schließlich war ich ja gut drauf. Sagte ich "war"? Quatsch, ich bin gut drauf. Also auf zur nächsten Anfrage!
Tanzt du einen Tango mit mir? Die Dame sieht mich verwirrt und beleidigt zugleich an. Ich kann nicht Tango tanzen. Gar nicht? Nur ein paar Schritte. Das macht doch nichts, dann tanzen wir eben die. Sie sieht mich zögernd an und sagt dann: Nein, ich trau mich nicht. Mein Drängen hilft nichts, also lasse ich ab. Drei Sekunden später liegt sie in den Armen eines Unbekannten, und ich stehe irgendwie blöde und verloren da. Aber eigentlich war ich gut drauf, und jetzt ist es definitiv ein "war".
Eine andere flüchtige Bekannte wendet sich auf meine Frage hin demonstrativ ab. Bin ich vielleicht zu direkt? Also gut, machen wir's auf die indirekte Art. Auch die Dame kenne ich, und ich weiß, dass sie auf einem Seminar bei Lehrern war, die ich auch kenne. Wie war's denn so bei den beiden? Mir ist kalt; ich habe heute noch nicht getanzt. Jetzt nichts überstürzen! Also plaudere ich weiter, bis sie mitten im Satz (in meinem Satz) aufspringt und laut "Stefan!" ruft. Dann fügt sie noch hinzu: Endlich ein guter Tänzer, und weg ist sie mit Stefan, mitten im Tanzgewühl.
Jetzt kann von "gut drauf sein" keine Rede mehr sein. Irgendwie fühle ich mich definitiv unwohl, um nicht zu sagen verbittert. So sitze ich in einem jener roten Plüsch-Sessel, einsam und abweisend, und sehe zu, wie die anderen Männer von den Damen geholt werden, wie sie sich zieren, was die Damen in ihrem Bemühen noch mehr anstachelt, bis sie ihren Traumpartner endlich haben. Wieso geschieht das mir nie? Warum holt mich nie eine Frau? Ach wäre doch da jemand ...
Ich hätte es wissen müssen. Sich etwas wünschen ist sehr gefährlich. Denn die Götter erfüllen, boshaft lachend, meinen Wunsch. Siehe da: Eine alte Bekannte taucht auf. Erika stolpert, nicht mehr ganz nüchtern, in meine Arme und sagt, jetzt möchte sie mit mir tanzen. Erika ist unter nüchternen Bedingungen fast nicht zu führen, aber in diesem Zustand ist auch meine geballte Kraft hoffnungslos verloren. Irgendwann gebe ich's auf, und so stolpern wir ohne Rhythmus, ohne Eleganz oder auch nur einen Funken Gemeinsamkeit durch den Saal. Zufällig sind gerade sehr wenige Tanzpaare auf dem Parkett, und so habe ich das Gefühl, alle, die nicht tanzen, sehen uns zu und grinsen hämisch ... Verfluchte Mäuse ...
(Mehr zum Tango hier)