Aus meiner Kindheit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Mein Vater, ein gelernter Holzkaufmann, war bei der Wehrersatzinspektion in Gießen angestellt. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen ins entmilitarisierte Rheinland wurde er nach Koblenz versetzt. Dort wurde ich am 20. Juni 1938, auf den Tag genau zehn Jahre vor Beginn des D-Markzeitalters geboren.Das "Tausendjährige Reich" durfte ich sieben Zwölftel erleben, das sind umgerechnet 583 Jahre, rechnet man die Jahre danach noch hinzu, denn ich lebe ja noch, sind es über 600. Jetzt verstehe ich, wie die Urväter im Alten Testament so alt werden konnten.
Getauft "met Rhein-Musel-Wasser un met Wein", wie es im koblenzer Schängellied heißt, war ich also Rheinländer mit hessischem Migrationshintergrund. Wir wohnten im koblenzer Ortsteil Horchheim, Mendelssohnstraße 104, die aber damals aus Gründen der Rassenreinheit so nicht heißen durfte und in Hochstraße arisiert worden war (Oder muss es verarischt heißen?). Aus dem Küchenfenster unserer Dachgeschosswohnung konnten wir auf der anderen Rheinseite Schloss Stolzenfels, die Königsbacher Brauerei und den Rittersturz sehen, einen imposanten Felsen mit einem Hotel auf der Höhe, in dem sich 1948 die Ministerpräsidenten von elf westdeutschen Bundesländern treffen sollten, um die Gründung der Bundesrepublik vorzubereiten. 1972 musste es abgerissen werden, da es abzustürzen drohte. Nachts konnten wir beobachten, wie die alliierten Bomber Koblenz angriffen. Dass ich die Puppenküche meiner Schwester aus dem Fenster und einen Wecker in einen mit Wasser gefüllten Putzeimer geworfen haben soll, daran kann ich mich nicht erinnern, man hat es mir später erzählt.
Etwa 200 Meter von unserer Wohnung besaßen wir einen großen Garten, direkt hinter der Ortsgrenze, er gehörte also schon zu Niederlahnstein. Es gab dort wunderschöne Obstbäume. Mein Vater hatte sich ein Häuschen gezimmert, in dem er zehn Bienenvölker hielt. Auf der anderen Seite des Weges stand ein einzelnes Haus. Der Besitzer züchtete Deutsche Schäferhunde, oder um genau zu sein, er besaß einen preisgekrönten Rüden, den er züchten ließ. Außerdem hatte er zwei Söhne, Heinz, zwei Jahre jünger, und Franz, zwei Jahre älter als ich. Zwei Jahre mehr sind in früher Kindheit ein bedeutender Vorsprung an Lebenserfahrung. Eines Tages, ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein, fragte mich Franz, ob ich mitkommen wolle, er wisse, wo man Gold finden könne. Ich wollte. So machten wir uns auf, Franz mit einem Meißel und einem Hammer, zum alten Friedhof, wo Franz sogleich begann, Buchstaben aus Messing von den Grabsteinen zu lösen. Wir waren noch nicht lange am Werk, da kam ein Soldat mit einem Eimer auf den Friedhof um Wasser zu holen. Franz versteckte sich sofort hinter einem Grabstein. Ich, der ich keine Schuld verspürte, blieb einfach stehen. Franz rief, ich solle mich auch verstecken. Das hörte der Soldat. Er kam herbei und sah, was wir angerichtet hatten.
Einige Tage später klingelte es an der Haustür. Meine Schwester schaute nach unten und sagte:
"Mutti, unne stitt en Butze." So nannte man in Koblenz die Schutzleute, der Ausdruck Bulle war noch nicht in Mode. Ich wusste sofort: der Besuch gilt mir. Den Augenblick, in dem meine Mutter mit meiner Schwester zur Tür ging, nutzte ich, um mich im Schlafzimmer unter einem Bett zu verstecken. Als erwachsener Mann bin ich in eine solche Situation nicht gekommen. Es dauerte eine Weile, bis man mich gefunden und unter dem Bett hervorgezogen hatte. Der Schutzmann fing laut an zu lachen: " Was, der?" Dazu muss man noch hinzufügen, dass ich als Kind immer hinter den Alterskameraden hergewachsen bin. Wenn wir uns im Sportunterricht, wie damals üblich, der Größe nach aufstellen mussten, stand ich immer am Ende.
Wieder ein paar Tage später musste ich mit meinem Vater in die Stadt auf das Polizeirevier.
O Koblenz, wie hat dich der Krieg verändert! Alles lag in Trümmern. Der Kaiser auf dem Deutschen Eck hing mit seinem Gaul bedrohlich schlaff zur Seite. Nach dem Krieg wurde er, Viagra gab es noch nicht, von seinem Sockel gesprengt. Das Polizeirevier hat meinen sich in der Entwicklung befindenden Wortschatz um ein Wort bereichert: Baracke! Diese ging nach einem weiteren Luftangriff in Flammen auf und verbrannte mitsamt der mich betreffenden Akte. So verdanke ich es einem alliierten Luftangriff, dass ich bis auf den heutigen Tag straffrei geblieben bin.
Anfang 1945 zogen wir, nachdem unsere Wohnung durch Brandbomben unbewohnbar geworden war, zu meinen Großeltern nach Hessen. Heinz wurde Psychiater und Franz ein allseits geachteter Uhrmacher im Eifelstädtchen Mayen.

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