Kirmes in Arzheim (Aus meiner Kindheit, Fortsetzung)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein oder zwei Jahre nach unserem Umzug nach Hessen durfte ich in den Sommerferien meine ehemaligen Spielkameraden Heinz und Franz in Koblenz- Horchheim besuchen.
Am Rande des Weges, der zum Friedhof führte, wuchs Liebstöckel, auch Maggikraut genannt. Weil die Stängel innen hohl sind, schnitt ich mir ein dickes Stück davon ab, um es als Blasrohr zu benutzen. Den Saft mit den ätherischen Ölen, der aus der Wandung kam, schluckte ich hinunter. Nun wird die Pflanze zwar als Heil- und Würzmittel genutzt, aber damals hatte ich noch nichts von einem Theophrast Bombast von Hohenheim gehört, Pracelsus genannt, der erklärt hatte. dosis facit venenum, die Menge macht das Gift! Am Abend wurde es mir übel, und ich musste mich übergeben. Bis auf den heutigen Tag vertrage ich keinen Sellerie, dessen Geschmack dem des Liebstöckels so ähnelt.
Für den folgenden Sonntag wurde meine Gastfamilie von deren Bekannten oder Verwandten zur Kirmes nach Arzheim eingeladen, und ich durfte mit. Am Nachmittag gab es Kaffee und Kuchen. Heutzutage werden bei solchen Gelegenheiten deftige Cremetorten aufgetischt, aus denen ich mir nicht viel mache. Hier aber gab es noch richtige auf Blechen gebackene Kuchen, mit Belägen von Streuseln, Quark und Obst, auf die ich ganz erpicht war. Einen Nachteil haben sie allerdings, die Randstücke sind trocken, denn sie haben kaum Belag.
Eine Dame mittleren Alters, ich erinnere mich nicht mehr, ob sie hübsch war, denn damals interessierte ich mich mehr für Kuchen als für weibliche Reize, diese Dame also glaubte, mich bemuttern zu müssen und schob mir ein Stück auf den Teller. Leider war es ein Randstück. Folgsam aß ich es auf und freute mich auf das nächste Stück, das sicher aus der Mitte kam. Wie hatte ich mich da getäuscht. Mit süßlicher Stimme pries sie den wohlschmeckenden Kuchen an und legte mir wieder ein Randstück auf den Teller. Auch dieses wanderte durch meinen Schlund in der Hoffnung, das nächste wäre gewiss ein saftigeres. War es pure Boshaftigkeit oder hatte diese Dame meine Not nicht erkannt? Es folgten weitere Randstücke, die ich in mich hineinstopfte, da ich durch meine Erziehung und Schüchternheit nicht zu protestieren wagte. Am liebsten hätte ich dieses Weibsstück erwürgt. Schließlich spielte mein prall gefüllter Magen, der wohl auch noch durch die Liebstöckelsäfte gereizt war, nicht mehr mit und gab alles wieder von sich. Verwundert fragten alle: "Warum hat der auch so viel Kuchen gegessen?"
Ja, warum wohl!

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