Mont Blanc 2007
Mont Blanc 2007Foto-Quelle: Luisa Maria Francesca Clerici

- Zwei Seelen in meiner Brust -

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es gibt keinen Neuschnee - (Kurt Tucholsky)
„Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend umsiehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen erklimmen kann, du, ganz allein –: dann entdeckst du immer Spuren im Schnee. Es ist schon einer vor dir dagewesen.“


Warum soll es mich stören? Was für mich zählt ist doch, dass ich es geschafft habe und ich kann am Besten beurteilen, mit welcher Mühe ich bis ganz oben angekommen bin.
Dabei ist der Begriff „ganz Oben“ für jeden und in jedem Alter von anderer Bedeutung: Das Abitur, die Fahrprüfung, die Berufsausbildung immer ein neues Ziel vor Augen...DARAUF kommt es an!

Warum soll ich es jemand anderes nicht gönnen, dass auch er es bis dahin geschafft hat. Da kann ich doch oben auf dem Berg stehen und stolz wie Oskar ihm mit einem breiten Grinsen gratulieren!

Bitte nicht falsch verstehen, natürlich wäre das Glücksgefühl etwas stärker, wenn in der Tat die Schneedecke noch unberührt wäre aber die Erfahrung zeigt, wenn schon bisher kein Mensch da war, dann ein Schneehase oder eine Bergziege, also definitiv nicht jemand der mir den Erfolg nicht gönnt sondern einfach nur seine Wege geht.

Wenn ich mich auf dem Weg mache, dann um persönlich etwas zu erreichen und am liebsten ganz aus eigener Kraft; der Weg bis zum Ziel ist meine größte Herausforderung...bin ich angekommen, dann ist die Tatsache, dass die Schneedecke vielleicht schon Fußspuren aufweist nicht im Vordergrund, denn am wichtigsten ist das starke Gefühl den inneren Schweinehund besiegt zu haben und die Gewissheit erlangt zu haben, dass ich es kann!

Im übrigen, wäre es für mich persönlich schmerzhafter, wenn ich auf dem Weg erkennen müsste, dass meine eigene Kraft nicht ausreichend ist.
Eine weitere Herausforderung also, die Größe zu besitzen und um Unterstützung zu bitten.
Letztendlich, wenn das Ziel erreicht ist, ergibt sich ein Sieg auf der ganzen Linie...oben angekommen und Unterstützung angenommen....wen interessieren in einem solchen Moment fremde Spuren im Schnee?

Wie verhält es sich aber wenn es nicht darum geht Erfolge zu feiern, wenn es darum geht eine persönliche Niederlage zu verkraften?

Ich erinnere mich gut – und es sind inzwischen 28 Jahre her – als ich mit der Tatsache konfrontiert wurde, niemals Kinder bekommen zu können.

Ein Super Gau für eine junge Frau! Da fällt es schwer sich nicht wichtig zu nehmen und darüber nachzudenken, dass es ganz viele Menschen gibt, denen es auch nicht gut oder gar schlechter geht.
Kein Trost, wahrlich nicht! Eher eine Mogelpackung, die nach Betrug riecht.

Für mich persönlich waren damals die vielleicht wohlgemeinten Meinungen, ich sei noch mal von der Schippe gesprungen und ich sollte froh darüber sein, fast eine Beleidigung.
Und dass mir jetzt niemand wieder mit dem Satz ankommt, der liebe Gott hätte Besonderes mit mir vor gehabt!

Die Tatsache, dass ich mich nicht damit abgefunden habe nur in die Richtung zu schauen wo anderen, die auch in Not sind, sich durchkämpfen, sondern auch mal dahin geschielt habe, wo viele sich tummeln denen es besser geht, hat mir die Kraft gegeben weiter zu machen und zu lernen mit der für mich schlimmen Situation klar zu kommen.
Ein Prozess, bis heute noch nicht ganz abgeschlossen; dass die Zeit alle Wunden heilt ist nicht immer anwendbar.
Jetzt, wo ich sowieso keine Kinder mehr bekommen könnte, kämpfe ich gelegentlich mit der tiefen Traurigkeit, niemals als stolze Großmutter mit meinen Enkelkindern ein wenig angeben zu dürfen...da machen sich die alten Narben wieder bemerkbar.

Bei Niederlagen, besonders im ganz persönlichen Sinne, kann ich mit bereits vorhandenen Spuren im Schnee kaum umgehen; die Botschaft „nimm Dich nicht so wichtig“, „jemand anderes hat es auch schon erlebt“, ist die Tinte nicht wert mit der sie geschrieben wurde.

Erst wenn die Krise überstanden ist, dann eröffnet sich die Möglichkeit andere Spuren im Schnee zu akzeptieren und daraus ein Stück Stärke zu erfahren.
Geteiltes Leid ist niemals halbes Leid! Das Wissen um andere mildert aber den eigenen Schmerz.

Sollte ich im Erfolg arroganter werden und anderen nicht gönnen auch oben anzukommen?
Sollte ich in der Niederlage mehr Demut zeigen und das Unglück von anderen höher als das eigene bewerten?

Das glaube ich nicht, denn ich glaube dafür wäre es nötig Herz und Kopf auszublenden und das ist etwas, dass ich definitiv nicht kann und auch nicht lernen möchte!

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