Anmache
Anmache

Anmache

Beitrag von wize.life-Nutzer

Q.E.D. schrieb der Mann hinter dem Pult an die Tafel und knallte den Rest der Kreide in den Mülleimer, der unter dem Waschbecken stand , dass es schepperte.
„Quod erat demonstrandum, meine Herren, ich danke Ihnen“, sprach´s griff Mantel, Hut, Stock und Tasche und verließ watschelnden Schrittes den Physikhörsal. Zuvor hatte er über drei Tafelseiten die Theorie zum Zeeman Effekt entwickelt.
Hanne, die einzige weibliche Studentin in diesem Kurs, saß zwischen mir und dem Fenster. Ich schaute zu ihr hinüber. Die Abendsonne bildete das Profil ihres Kopfes scharf ab. Dem, mit einer Schleife gebundene Pferdeschwanz, folgte der wohlgeformte Hinterkopf. Stirnlinie und Nase bildeten ein harmonisches S. Der Mund war gut ausgeprägt , so, wie das Kinn. Die Halslinie schwang sich zum, durch einen Pullover verhüllten Brustansatz. Die Mappe, verdeckte ihre Brust. Hanne hatte sie bereits in der Hand, jedoch verhielt sie noch, wohl in Gedanken versunken.

Hanne gefiel mir sehr. Wir begegneten uns regelmäßig, aber rein freundschaftlich. Ich mochte sie auch gerne leiden.

Hanne bemerkte, dass ich sie beobachtete. Sie senkte den Kopf , atmete tief ein und drängte den anderen nach, hinaus aus der Bankreihe.
Später, auf dem Weg zu ihrem Elternhaus, in ihrem alten VW, gestand sie mir, dass die Ignoranz des Dozenten ihr, der einzigen Frau im Saal, gegenüber, sie wie ein Keulenschlag getroffen hätte.
Hanne hatte mich gebeten, sie zu begleiten, um die Vorlesung nochmals mit ihr durchzuarbeiten.
Hannes Eltern waren wohlhabend. Wir fanden Platz in der Bibliothek des Vaters. Eigentlich befasste sich Hanne nur widerwillig mit ingenieurwissenschaftlichen Themen. Wesentliche Abläufe blieben ihr deshalb auch verborgen. Ich gewann für mich den Eindruck, dass wohl des Vaters Begehren, einen Nachfolger für sein Unternehmen zu finden, sie zu diesem Studium geleitet hatte.
Gegen 7 betrat die Mutter die Bibliothek und rief uns zum Abendessen. Der Vater war wohl auf Geschäftsreise. Ich wäre bestimmt nicht der Auserwählte gewesen. Außerdem trug ich einen Ehering. Hannes Mutter akzeptierte mich als nützliches Neutrum.
Hanne hätte meine Anwesenheit noch gerne ausgedehnt, jedoch drängte ich darauf, dass sie mich nachhause führe. Bevor ich ausstieg, stellte sie den Motor ab und wir rauchten noch eine gemeinsame Zigarette. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Im Rückspiegel sah ich, dass sie weinte. Hanne fürchtete sich vor den bohrenden Fragen der ehrgeizigen Mutter nach dem Studienerfolg. Ich konnte ihr nicht helfen. Bald darauf wechselte sie das Fach. Ich verlor Hanne aus den Augen, erfuhr aber, dass sie einen Aristokraten geheiratet hätte.

Heute Nacht begegnete ich Hanne wieder. Im Traum.
Hanne hatte mich gebeten, sie doch zu einem Gastvortrag an einer Fränkischen Hochschule zu begleiten.
Ein Vortrag über Poetik.
Sie war Germanistin geworden und hatte mich gebeten, die Reise nach ER zu organisieren. Ich hatte im IBIS gebucht. Am Bahnhof hatte ich ihr die Umhängetasche abgenommen und so schlenderten wir zum Hotel.

Träume verlaufen bei mir emotionsbestimmt. Emotionen bleiben mir im Gedächtnis haften.

Ich verspürte den Wunsch, Hanna um die Hüfte zu fassen. Ein Bedürfnis, das mir Hanna gegenüber ungewohnt war; das mich überraschte. Sie unterstützte mein Bestreben eher, als dass sie sich gewehrt hätte.
Am Hoteltresen nannte ich meinen Namen und erhielt einen einzigen Schlüssel. Mein Herzschlag mag wohl auch im Schlaf schneller geworden sein. Ich vermag mich genau zu erinnern. Hanna sah mich an und sagte lakonisch: „ Doppelzimmer?“ „Ja ---- wir sind doch keine 20 mehr.“ „Ich aber bin nicht single.“
Mir fiel ihr Verhältnis zur Mutter ein, das damals von Ängsten und Hemmungen bestimmt war. Inzwischen waren 40 Jahre vergangen , sie war 60 und hatte Lebenserfahrung gesammelt. „Du bist ganz schön frech! Aber das mag ich an Dir.“ So spontan, sorglos und ungezwungen hatte ich Hanne nicht in Erinnerung. Ich war erschrocken. Wie von einem Peitschenhieb geweckt erkannte ich, dass Hanne gar nicht Hanne war, sondern dass Connie vor mir stand.
Connie hakte mich unter und drängte zum Aufzug. Ruckartig hoben wir ab. Der Riemen der Tasche rutschte von der Schulter. Beide Hände waren frei, um ihr Gesicht in meine Hände zu nehmen und ihr ein Nasenbussi zu geben. Sie schloss die Augen. „Du Frechdax.“

Ich hatte Connie nie zuvor gesehen. Wir hatte uns mehrere mails geschickt und erkannt, dass wir uns in Schicksal , Neigungen und Talenten ähnelten. Bestimmt waren wir nicht deckungsgleich. Das nicht, aber auf gleicher Augenhöhe waren wir, auch wenn Connies Stirn unter mein Kinn passte. Das war uns wichtig und das hatten wir herausgefunden.

Bevor der Aufzug den 4. Stock erreicht hatte, umfasste ich Connie um die Taille und erhöhte sie auf einen Kopf größer als ich es war. Sie streckte ihre Zunge raus und machte meine Nasenspitze nass. Ruck, der Aufzug hielt, Connie hatte wieder den für sie so lebenswichtigen Boden unter den Füßen.

Connies Vortrag war für 2 Uhr angesetzt, sodass genügend Zeit zum Ausschlafen und zum Vorbereiten bleiben würde.

Zum Betreten des Zimmers hatte ich nun nicht mehr den Schlüssel in der Hand, sondern eine Zahlenkombination im Kopf. Klick, die Tür sprang auf - vor uns lag ein eher frugales als üppiges Gemach. Connie eilte zum Fenster und ratsch war der Rollo unteren. Sie wusch sich die Hände von der Bahnfahrt öffnete ihren Hosengürtel und stand vor mir in ihrem roten Slip, der zur Hälfte noch vom Pullover verdeckt wurde. Ihren BH öffnete sie noch und streckte sich dann lang auf dem Bett aus. Entspannt schloss Connie die Augen. „Hast Du noch Hunger?“ „Nein, aber ich freue mich auf´s Frühstück.“ Connies Beine waren braungebrannt, wie auch ihr Hals. Braune Locken umrahmten ihr Gesicht. Sie war dezent geschminkt und hatte grüne Augen, wie auch ich. Ich mochte sie gerne anschauen. Das Rot ihres Schlüpfers harmonierte gut mit der Farbe ihrer Haut. Der Pulli war hoch gerutscht und ich konnte ein grünes Schleifchen unterhalb ihres Nabels erkennen. „Massierst Du mir die Schultern, mein Lieber?“ Pulli und BH in Einem legte Connie ab. Abgelegt hatte sie auch jegliche Scheu vor mir. Nein, ich wollte sie nicht überrumpeln. Hätte sie den Wunsch geäußert, alleine im Zimmer zu schlafen, so hätte ich eine Lösung gefunden.

Ich hatte das Fenster geöffnet und blickte auf die Stadt hinunter.
Ihre Arme umschlossen mich , ich spürte ihren Atem im Nacken. „Ich bin bereit… zur Massage . Aber Rollo bitte runter.“ Für mich war es das erste Mal, dass ich massierte. Deshalb bildete ich mir ein, meine Hände könnten Zauberkräfte ausüben. Zärtlich griff ich jeden einzelnen Muskel ihres Schultergürtels und walkte ihn. Braungebrannt waren auch Rücken und Schultern. Connie tat die Kraft meiner Hände sichtlich wohl. „Ich friere, lege bitte die Decke über mich und lösche das Licht.“ Ihre Vertrautheit hatte mich ermuntert, nackt unter die Decke zu schlüpfen. Ich tastete nach ihrem Kopf und begegnete ihrer Hand, die den meinen wohl suchte. Ich legte Connies Arm um meinen Nacken und umfasste Ihren Rücken, um ihn enger an mich zu ziehen. Unsere beiden Körper berührten sich nun von den Haarspitzen hin bis zu den Füßen. Meine Sinne waren bereit, jede Äußerung von Connie zu verschlingen. Ihren Geruch, ihre Stimme, die Wärme ihrer Haut, ihre Begierde, ihre Nähe. Wie hatte ich mir diesen Augenblick herbeigesehnt. Ihre Zuneigung, ihre Vertrautheit, die Schönheit ihrer Gedanken waren es, nach dem im mich gesehnt hatte. Und jetzt konnte ich das Glück greifen, konnte nach ihm fassen, wollte es nicht mehr missen, nicht mehr entgleiten lassen.
„Ich habe dich unendlich lieb. Ja, ich liebe dich, weil du da bist.“

Die Schmetterlinge wurden rebellisch und kreischten in meinem Bauch: „ Greif zu, verführ´ sie, lass uns hinüber fliegen in ihren Bauch lass uns hinüber zur Vereinigung.“

Als hätte Connie das Gezeter auch wahrgenommen, umschlang sie mich mit beiden Armen, sodass sie auf mir zu liegen kam. Ich stieß wild nach ihr und hielt doch behutsam inne, um sie nicht zu verletzen. Nein, es war ja gar nicht möglich. Ihr roter Slip hielt schier hermetisch ihren Schoß dicht und widerstand allen meinen Attacken.
Meine Linke tastete nach ihm, um ihn hinweg zu fegen und mir das Tor zu öffnen. Doch Connie biss mich ins Ohr und hauchte: „Bitte, nein, du trägst noch einen Ring.“

Bevor ich das Licht anknipste, strich ich Connie mit den Fingernägeln zärtlich vom Nacken bis hinunter zu ihrem Po.
Unser beider Leiber waren etwas abgekühlt. Ich küsste ihren Nacken, ihren Mund , ihre Augen , ihre Stirn. Connies Halsschlagader pulsierte noch sichtlich. Dann hatte sie sich beruhigt und legte ihren Kopf auf den Bizeps meines rechten Oberarms während ich ihr die Geschichte von Hephaistos, dem Schmied, erzählte.

Ich wachte auf, weil mich dürstete. Die Schmetterlinge in meinem Bauch forderten ihren Nektar.

Wo war Connie? Oh, ich erinnerte mich. In ihrer Nachricht, die mir gestern zugegangen war, hatte sie zwar geschrieben sie würde mich lieben, weil ich da sei.
Das hatte diese Schmetterlingsbande aus dem Winterschlaf geweckt.
Die Botschaft, die nur ich verstehen konnte und sollte, lautete aber: weil ich nicht da sei.

Und damit müssen wir nun leben.
Ab mit euch jetzt, ab zu den Hühnergöttern, ihr flatternden Glücksverbreiter.

Kopierrechte bei Manfred Reul

Um Kritik bitte ich!


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