Ein folgenreicher Tag im September

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin

Ein folgenreicher Tag im September

Paul hatte Herrn Schmidt, dem freundlichen Nachbarn angeboten, am Samstag bei der Obsternte zu helfen und war am Ende für seine Plackerei nur mit einem Händedruck zum Dank und einem Apfel belohnt worden. So wenig Lohn für so viel Arbeit? das konnte nicht sein. Paul, ein aufgeweckter Junge von fünf Jahren, der sich schon mit Computern auskannte und bei seinen Altersgenossen immer auf seinen Vorteil bedacht war, betrachtete es als schlimme Beleidigung, daß ihn Herr Schmidt nicht angemessen bezahlt hatte. Wenigstens eine Zwei Euro- Münze hätte der Nachbar herausrücken können, wo doch der Korb, den er immer vom Baum zum Keller getragen hatte, so schwer gewesen war.Paul war gekränkt und das war nicht so schnell wieder gut zu machen.
Er gab ja zu, daß der verdiente Apfel, den Herr Schmidt extra für ihn von der Krone des Baumes gepflückt hatte, viel süßer war, als die Äpfel, die er bisher heimlich gemopst hatte, aber trotzdem, Paul war in seiner Würde verletzt.Dabei war doch Herr Schmidt immer so freundlich und gab ihm die Hand zum Gruß, wenn sie sich trafen, wie zwei alte Freunde .Pauls Mutter bemerkte beim Abendessen ihren mürrischen Sohn und erfuhr, daß der Junge den ansonsten so netten und freundlichen Nachbarn ab sofort nicht mehr leiden mochte. Einen Apfel, als Belohnung, das war ja lächerlich.
Die Mutter konterte:“ aber du hast vergessen, wir sind morgen bei Schmidts zum Apfelkuchen eingeladen, außerdem... muß man denn für eine Hilfeleistung immer eine hohe Belohnung erwarten?
Kann man nicht auch mal helfen, ohne daß es dafür eine Gegenleistung gibt?“Apfelkuchen, Apfelkuchen, das war doch wieder etwas für die Erwachsenen murrte Paul. Für einen Jungen seines Alters war das nichts.Am nächsten Vormittag duftete es aus der Nachbarschaft ganz verführerisch.
Nach der überschlafenen Nacht war sein Groll eigentlich doch nicht so groß und er sollte seinem großen Freund vielleicht seinen Irrtum nachsehen?Nach dem Mittagessen war das übliche Schläfchen zu machen und dann ging man zu den Nachbars, um den frisch gebackenen Apfelkuchen zu kosten.
Schon bei Eintritt in Nachbars Flur duftete es köstlich und dazu schwebte einem ein angenehmer von Kaffeeduft um die Nase.
Mutter hatte sich im Eintreten bei Frau Schmidt für die Einladung bedankt, offenbar floß ihr schon in Erwartung des Gaumenkitzels das Wasser im Munde zusammen. Herr Schmidt kam etwas später dazu, er hatte noch Restarbeiten im Garten zu erledigen. Na Paul, begrüßte ihn der Nachbar freundlich, ich bin richtig froh darüber, daß du uns gestern so fleißig geholfen hast, alleine hätten wir das so schnell nicht geschafft. Bei so viel guten Worten traute sich Paul gar nicht zu widersprechen. Ich habe doch gerne geholfen, wollte er noch sagen, da ging es schon zu Tisch, von dem die verführerischen Düfte herrührten.Der Apfelkuchen war ja tatsächlich lecker und die Erwachsenen plauderten wie immer über Dinge die Paul nicht interessierten.Das bemerkte Herr Schmidt und er wandte sich an seinen kleinen Helfer.Du bist immer ein so netter und fleißiger Junge und so haben wir beschlossen, dir eine kleine Freude zu bereiten.
Damit begab er sich in das Nebenzimmer und holte einen schönen rotpolierten Holzbehälter herüber, der bei näherem Hinsehen ein wertvolles Schachspiel enthielt. Die Figuren waren aus weißen und schwarzen Naturhölzern gearbeitet und die Felder durch Perlmutteinlagen verschiedenfarbig gestaltet.
Es gehört jetzt dir, hörte er Herrn Schmidt sagen.
Frau Schmidt ergänzte zustimmend, Schach ist das Spiel der Könige und wer es gut beherrscht, ist auch in der Lage, schwierige Aufgaben im Leben mit gutem Erfolg zu lösen.
Schmidts hatten keine eigenen Kinder und somit konzentrierten sie all ihre Liebe auf den aufgeweckten Jungen der alleinerziehenden Nachbarin. Vergessen war all die Schmach des Vortages und die vermeintlich undankbaren Nachbarn erwiesen sich im Gegenteil als erstaunlich großzügig.
Frau Schmidt wollte wissen, ob Paul schon Schach spielen könnte doch er mußte zugeben, er hatte von diesem angeblich königlichen Spiel bisher nicht sehr viel gehalten. Handyspiele und Computer waren eher seine Welt, aber Schach, das konnte nur langweilig sein.
Herr Schmidt bat Paul zum Nebentisch und erklärte ihm die Spielregeln und wie man die Steine sinnvoll setzt. Der Junge stellte sich nicht ungeschickt an, wie Herr Schmidt anerkennend äußerte und er begann mit jeder Runde mehr Freude an diesem Spiel zu entwickeln. Zumal es ganz schön knifflig zuging, wenn Herr Schmidt seine Streitmacht auf dem Brett in Position brachte und Paul grübeln mußte, um die aufgebauten Gefahren für seinen König abzuwenden.
Als Mutter am Abend zum Heimgehen mahnte, waren beide Kontrahenten so in die Partie vertieft, daß keiner sogleich aufhören wollte.Beim Abschied hatte dann Paul vor Aufregung ein hochrotes Gesicht und er bedankte sich artig für das schöne Geschenk.
Verflogen war sein Frust über den gestrigen Abend und die undankbaren Nachbarn. Er schämte sich fast, daß er an seinen Freunden gezweifelt hatte.
Die Schmidts fanden später in den Wintermonaten öfters einen Grund, Paul zum Schachspiel einzuladen. Aus dem Jungen wurde mit der Zeit ein guter und leidenschaftlicher Schachspieler und für Herrn Schmidt ein ernst zu nehmender Gegner.
Mit Unbehagen dachte er manchmal noch an seinen Zorn, als er damals nur einen Apfel für seine Arbeit erhalten hatte.
Mutter hatte Recht gehabt, man mußte nicht für jede Hilfe eine Gegenleistung oder eine Belohnung erwarten.

Hilfe muß von Herzen kommen, erst dann ist sie echt und wertvoll.