Der Herzdiamant

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin


Der Weg des Diamanten

Ostberlin, im Sommer des Jahres 1965.
Vier Jahre nach dem Bau der Mauer hatte sich die politische Lage allmählich stabilisiert.
Jeder hatte sich eingerichtet so gut es ging, mit den Gegebenheiten abgefunden und war zur Tagesordnung übergegangen.
Es war Urlaubszeit und die Straßen schienen in den Mittagstunden wie leer gefegt.
Wer konnte, war an die Ostsee gefahren. Wer zu Hause bleiben mußte, tummelte sich nach Feierabend an einem der vielen Badeseen, in und um Berlin.
In einem Juweliergeschäft, nahe der östlichen Stadtgrenze zum Berliner Umland, erschien Bettina, eine junge Frau und legte ein Medaillon vor, um es schätzen zu lassen.
Das Schmuckstück befand sich in einer altmodischen abgeschabten Schachtel und war in schmutziger Watte eingepackt. Die kupferne Einfassung war korrodiert, stark beschädigt und stand im krassen Gegensatz zur Schönheit des edlen Steines, eines ungewöhnlich großen Diamanten mit Herzschliff. Der erfahrene Fachmann sah sich das Stück an und fragte nach den üblichen Papieren. „Es muß doch ein Zertifikat oder eine Urkunde dafür geben, welches die Echtheit des Steins dokumentieren kann“? fragte der Juwelier fordernd.
Er erklärte der Ahnungslosen, dass es keinesfalls der Norm entspricht einen echten Edelstein, noch dazu einen solchen Hochkaräter, in unedles Metall zu fassen. Das Medaillon mußte aus irgend einem Grunde umgearbeitet worden sein.
Zunächst wollte die Frau nicht recht heraus mit der Sprache, doch nach einigen Zwischenfragen begann sie zu erzählen:
„Großmutter hatte mir das Medaillon anläßlich meines vierzehnten Geburtstages geschenkt.
Als sie starb, war ich sechzehn. Der Schmuck stellt ein Familienerbstück dar, das über viele Generationen weiter gereicht wurde. Den genauen Wert kennt keiner. Großmutter hatte nur immer sehr geheimnisvoll getan, daß dieser Schmuck sehr wertvoll sei. Die Großeltern müssen einmal sehr wohlhabend gewesen sein.“
Als Bettinas Erzählung langsam in Gang kam, erschien die nächste Kundschaft im Laden und der Juwelier bedauerte, für heute abbrechen zu müssen.
Er bat die junge Frau mit freundlichen Worten am darauf folgenden Samstag nach Geschäftsschluß noch einmal zu ihm zu kommen und das Gespräch in Ruhe fort zu setzen.

Großmutter hatte Bettina schon beiläufig einiges über ihre Familie erzählt, doch so genau hatte das Mädchen damals nicht zugehört und den Rest inzwischen vergessen. Die Papiere mußten irgendwann verloren gegangen sein. So mußte sie nun ihre Mutter nach den genaueren Einzelheiten befragen. Am Abend holte die Mutter einige alte, vergilbte Bilder hervor, brachte Bücher und eine alte Landkarte mit. Beide Frauen ließen sich im Schneidersitz auf dem Teppich der guten Stube nieder und breiteten die Unterlagen zwischen sich aus. Es sollte ein langer Abend werden, denn Mutter erzählte alles, was sie aus der Überlieferung von den Großeltern wußte. Sie konnte die Familiengeschichte packend und anschaulich erzählen und berichtete nicht ohne Stolz von ihren bedeutenden Vorfahren. Zwischendurch tranken die beiden Frauen süßen Wein, naschten Schokolade und Nüsse und benahmen sich wie zwei alte Freundinnen. Erst bei Anbruch des neuen Tages fanden Mutter und Tochter zum Ende. Für Bettina erschien ihre Familie auf einmal in einem völlig neuen Licht, sie hatte in wenigen Stunden ein gänzlich neues Selbstwertgefühl gewonnen.
Der Juwelier, ein gepflegter alter Herr nahe der siebzig, hatte schon vor Jahren seine Frau verloren. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Er und seine Frau hatten all ihre Kraft und Zeit in das kleine Geschäft gesteckt und die Frage eigenen Nachwuchses in all den Jahren verdrängt. Nun im Alter bereute er bitter, daß er Besitz und erworbenes Wissen nicht an Kinder weiter reichen konnte. Da ihm sein eigenes Leben nicht besonders spektakulär vorkam, sammelte er bemerkenswerte Geschichten seiner Mitmenschen.
Die Familiengeschichte Bettinas erschien ihm viel versprechend zu sein und so sah er voller Erwartung dem Samstag entgegen.
Er ging davon aus, daß jeder bedeutende Schmuck eine bemerkenswerte Geschichte hätte.
Mit dem sicheren Gespür des erfahrenen Mannes witterte er einen interessanten Nachmittag.
Er hatte sein bestes Geschirr aus dem Schrank genommen und einen guten Kaffee gekocht.
Als es schellte, tänzelte er in freudiger Erwartung zur Tür. Er hatte sich gerne die Zeit genommen und war gespannt, was die junge Frau berichten würde. Bevor Bettina beginnen konnte, gab er ihr eine kleine Lektion zur Behandlung und Beurteilung eines solchen Schmuckes. „Sehen sie“, begann er und blickte bedeutungsvoll über seine Brille, „erstens ist es merkwürdig, daß ein so großer, lupenreiner Diamant von fast vier Karat, in einer so billigen Kupferfassung steckt.
Zweitens hat der Diamant einen Herzschliff. Das Schmuckstück muß einmal das Geschenk für eine schöne Frau in großer Liebe gewesen sein. Ich könnte mir vorstellen, daß hinter diesem Geschenk eine tiefe Symbolik steckt.“ Aus dieser Perspektive hatte Bettina die Angelegenheit bisher noch nicht gesehen. „Kennen sie sich etwas in der Schmuckbranche aus?“ wollte er weiter wissen. Die junge Frau, die in einfachen Verhältnissen aufgewachsen war, winkte ab: „Wir konnten uns bisher nur Modeschmuck leisten, alles andere war kein Thema“.
„Wir reden im Moment nur vom Diamanten“, fuhr der Fachmann fort, „weil die Einfassung aus unerfindlichen Gründen billiger Schrott ist und nicht zu einem so edlen Stein paßt.
Sie müssen wissen, dass man einen Diamanten nach vier Kriterien beurteilt und entsprechend bewertet: das Gewicht in Karat, die Art des Schliffs und die Farbe des Steins und schließlich die Reinheit, das heißt, wie viel Einschlüsse zu erkennen sind. In unserem Falle ist der Stein nahezu makellos, was einem hohen Reinheitsgrad entspricht. Der Stein ansich muß einmal sehr teuer gewesen und die Fassung irgendwann umgearbeitet worden sein. Doch ich bin gespannt auf ihre Geschichte.“ Damit gab er der jungen Frau das Zeichen zu berichten.

Bettina begann zögernd: „Ich habe Mutter befragt und die hat mir erzählt, was sie wußte. Die Familienchronik geht bis in die Zeit der Kreuzritter zurück. Von Zeit zu Zeit waren die in der Kriegskunst gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Ritter gefordert die Grenzen des Reiches zu verteidigen oder zu erweitern. Doch nicht nur durch Raub wurde das Land erweitert, sondern auch durch standesgemäße Heirat. Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als Polen durch den sächsischen Kurfürsten August der Starke regiert wurde, hatte sich der älteste Sohn meiner Familie eine Tochter aus einem alten polnischen Adelsgeschlecht zur Frau genommen. Als Hochzeitsgeschenk hatte die außerordentlich schöne Braut ein wertvolles, in Gold gearbeitetes Medaillon erhalten. Damit hatte die eigentliche Geschichte des Schmuckstückes begonnen. Die Familie hatte sich dann in den Masuren bei Allenstein nieder gelassen, erfolgreich Landwirtschaft betrieben und edle Pferde gezüchtet, begünstigt durch eine ausgedehnte Seenlandschaft und fruchtbare Äcker und Weiden .
Die Familie hatte ein beträchtliches Anwesen und eine ganze Schar an Bediensteten gehabt, Knechte und Mägde. Während der Ernte hatte man immer noch Tagelöhner hinzu gezogen, weil die Arbeit mit den normalen Kräften nicht zu schaffen war.
Die Großeltern waren es gewöhnt hart zu arbeiten aber auch ausgelassen zu feiern. Am schönsten müssen immer die Feiern zum Ernte Dankfest gegen Ende September, Anfang Oktober gewesen sein. Während einer solchen Feier war es aus Unachtsamkeit zum Feuer gekommen und das schöne Anwesen ist abgebrannt.
Die Dame des Hauses, die in aller Eile die edlen Pferde noch frei lassen wollte, war bei dieser Aktion umgekommen, doch die Tiere konnten allesamt gerettet werden. Vater und Tochter hatten überlebt. Bei Aufräumarbeiten haben Arbeiter dann die Reste des Medaillons gefunden. Das Feuer hatte die Fassung weg geschmolzen, nur der Diamant war noch unversehrt geblieben. Ein Goldschmied war damals weit und breit nicht aufzutreiben und so hat man kurzerhand einem Kupferschmied beauftragt den edlen Stein neu zu fassen. Dieses Provisorium sollte später geändert werden, doch dazu ist es nie gekommen. Viele Jahre sollten vergehen und das Medaillon ist allmählich in Vergessenheit geraten.
Zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Front der zurückweichenden deutschen Truppen näher gekommen war, wurden die wichtigsten Habseligkeiten zusammen gepackt und auf Pferdewagen verladen.
Man hatte schon ständig das Grollen der Kanonen in den Ohren, Bomben waren vom Himmel gefallen und diverse Züge mit verwundeten Soldaten waren in Richtung Westen gefahren.
Sie haben sich beeilen müssen, weil die Frontgeräusche schnell näher gekommen sind. Großmutter war eine energische Frau. Sie hat die geordnete Flucht organisiert und den Treck ständig angetrieben. Auf zerbombten Straßen sind die Wagen mehrmals kaputt gegangen und mußten auf dem langen Weg nach und nach zurück gelassen werden.
Durch Beschuss von sowjetischen Tieffliegern hatten die Flüchtenden große Verluste erlitten und viele haben nur das nackte Leben retten können.
Als der Treck schließlich in Bad Buckow bei Berlin zum Stehen gekommen war, hatten die Großeltern nur noch das Medaillon und einige persönliche Dinge gerettet, alles andere hatten sie unterwegs zurücklassen müssen. Hier haben sie sich in ein leer stehendes Haus einquartiert und die siegreichen Truppen erwartet. Die Nazi Propaganda hatte von Vergewaltigungen berichtet, und so waren sie auf das Schlimmste gefaßt. Doch der Lärm hat irgendwann wieder nachgelassen, denn die Front war um sie herum mit Stoßrichtung Berlin gegangen. Nach der Kapitulation hatte man sich hier eine neue Bleibe geschaffen. In den fünfziger Jahren ist Großvater und wenig später Großmutter gestorben. Als Großmutter den nahenden Tod fühlte, hat sie mich zu sich gerufen und mir das Medaillon mit den Worten überreicht: „Behalte das Erbstück in Ehren. Es hat unsere Familie durch gute und schwere Zeiten begleitet und stets Rückhalt und Sicherheit bedeutet. Gib es nur her, wenn du in großer Bedrängnis und Not bist und andere Mittel nicht mehr helfen. Es soll dir Glück bringen.“
Mutter hat die schweren Zeiten der Nachkriegsjahre dadurch überstanden, indem sie bei einem russischen General den Haushalt führte. Zwangsläufig hat sie die russische Sprache gelernt und aus dieser Position ihren Vorteil gezogen.
Ich hatte bisher keine Beziehung zu dem alten Erbstück“, fuhr sie fort, „es war unansehnlich und hat so gar nicht in unsere moderne Zeit gepaßt. So habe ich mich entschlossen den tatsächlichen Wert feststellen zu lassen um es dann zu veräußern.“
Der betagte Juwelier war tief bewegt von der geschilderten Familiengeschichte und fand nicht gleich die Beherrschung wieder. Doch der Mann überlegte, wie man in diesem Falle verfahren sollte und eröffnete Bettina: „Mir gefällt das, was sie erzählt haben, hören Sie meinen Rat: „Ein Diamant in dieser Größe ist selbst bei reichen Handwerksmeistern zur Zeit nicht verkäuflich. Anders verhält es sich bei kleineren Steinen, die ordentlich in Gold gefaßt sind.
Doch wenn wir den großen Stein in drei kleine teilen und sie jeweils mit einem Brillantschliff versehen, zerstören wir dessen Schönheit“. Dabei lächelte er verständnisvoll und wartete auf Bettinas Reaktion. „Wenn sie die bloßen Steine veräußern, wie hoch würde der Erlös ausfallen“, wollte Bettina wissen. „Etwa vierzigtausend Mark“, lautete die Antwort.
„Aber erst, wenn ich die Steine in Gold gefaßt und verkauft habe.“
Nachdenklich ging die junge Frau nach Hause. Sie war sich nicht schlüssig, was man machen sollte. Einerseits brauchte sie dringend Geld, doch andererseits scheute sie sich diesen Glücksbringer zu zerstören, der ihre Familie über so viele Jahre begleitet hatte.
Mutter, der die Sorgenfalten ihrer Tochter nicht verborgen geblieben waren, riet zur Besonnenheit. Schließlich gab sie Bettina einen Rat: „Gehe zum Friedhof an das Grab der Großmutter und sprich mit ihr. Wenn du richtig zuhörst, wirst du auf deine Frage eine Antwort bekommen“. Bettina blickte ihre Mutter ungläubig an: „Du denkst, ich kann mit Großmutter reden? Meinst du das im Ernst?“ „Ich bin mir sicher, es wird dir gelingen“, entgegnete die Mutter.
Am Abend darauf nahm Bettina allen Mut zusammen und ging zögernd an das halb verfallene Familiengrab der Großeltern. Die Nacht war stockdunkel, nur von weitem schien das fade Licht einer Gaslaterne herüber und malte gespenstische Schatten. In den Wipfeln der Bäume spielte ein frischer Wind und verursachte ein beständiges Rauschen. Ihr war bei all dem nicht geheuer, doch sie zwang sich trotz weicher Knie weiter zu gehen und am Grab ihre Fragen zu stellen. So sehr sie ihre Sinne anspannte, sie konnte kein verständliches Signal empfangen. Plötzlich in dieser Stille, ein ohrenbetäubender Lärm. Bettina erschrak fast zu Tode. Offenbar fühlte sich ein Vogel in seiner Nachtruhe gestört und flog aufgeregt flatternd davon. Ihr lief es eiskalt über den Rücken herunter und so verließ sie schaudernd diesen unwirtlichen Ort.
Innerlich aufgewühlt und fröstelnd schlief sie schließlich sehr spät ein.
Am nächsten Morgen erschien sie beim Juwelier und bestellte für den Stein eine würdige Fassung. Obwohl sie das Geld dringend für andere Anschaffungen gebraucht hätte, hatte sie sich entschieden, die Tradition der Familie würdig fort zu setzen.

In den Folgemonaten fügten sich die Ereignisse günstig für Bettina und aus der ursprünglichen Hoffnungslosigkeit entwickelte sich ein kleiner Wohlstand.
Wer weiß, vielleicht hat ihr der Familienschmuck doch noch Glück gebracht, oder der Geist der Großmutter hat das Schicksal günstig gelenkt. Vielleicht hat auch nur das gewachsene Selbstvertrauen der jungen Frau ihre Lage zum Guten gewendet.