Der Banküberfall

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin


Der Banküberfall ( Krimi )

Es ist ein grauer Sommertag in Mosdorf, einem kleinen, verschlafenen Nest am Rande der Lüneburger Heide. Eine Dame im fortgeschrittenen Alter steht in der alten Sparkasse am Schalter und unterhält sich mit der Kassiererin Frau Winter über diesen Sommer, der von den Temperaturen und von Regenhäufigkeit bisher
einem lang anhaltenden April gleicht. Ihr Regenmantel mit Kapuze ist vom letzten Guß noch nicht getrocknet und sie verspürt keine Lust das Haus zu verlassen, weil es schon wieder stärker regnet. Der Wetterbericht hat auch nichts Gutes gemeldet und so beklagen sich beide über die fehlende Sonne und daß man am besten in den Süden fahren müßte. Die Uhr zeigt wenige Minuten vor Schalterschluß und Frau Winter freut sich auf die Mittagspause. Die einzige Straße des Ortes ist menschenleer, am Straßenrand stehen vereinzelt parkende Autos. Das Dorf in seiner Idylle scheint wie ausgestorben, denn die Bauern füttern ihre Tiere im Stall und wer nicht unbedingt muß, geht heute nicht ins Freie.

Plötzlich wird das Gespräch jäh unterbrochen.
Das schrille Kreischen von Bremsen zerreist die beschauliche Stille des Mittags. Vor der Tür hält abrupt ein großer schwarzer Wagen und die beiden Damen witzeln: „Keiner hat heute mehr Zeit, alles muß schnell, schnell gehen“.
Augenblicke später stürmt ein verkleideter mittelgroßer Mann mit vorgehaltener Pistole in den Schalterraum.
Er hält der Kassiererin Frau Winter einen Zettel vors Gesicht , worauf in ungelenk geschriebenen Buchstaben steht:

„ICH SCHIESSE SOFORT, WENN SIE ALARM GEBEN, ALLES GELD IN DIESE TASCHE“,

„dawai dawai“ ruft der Vermummte laut und knallt die Tasche mit lautem Getöse auf den Tresen. Dabei fuchtelt er wild mit seiner Waffe herum. Seine schwarze Gesichtsmaske hat etwas Furchterregendes an sich. Die Stimme klingt erregt, unsicher und heiser. Die beiden Damen starren wie gebannt auf die Waffe, ihnen ist vor Schreck die Sprache weg geblieben. „Nur jetzt nichts Falsches tun“, denkt Frau Winter und fügt sich den Anweisungen des Verbrechers.


„Ein Profi scheint das nicht zu sein“, flüstert die Bänkerin der Kundin zu.
Die Kundin setzt ihre gefüllte Einkaufstasche ab und steht wie versteinert am Tresen. „Hoffentlich drückt der Kerl nicht ab, das Geld kann man ja ersetzen, aber ein Menschenleben nicht“, denkt sie im Stillen bei sich. Sie spürt, wie ihre Knie weich werden. Die Kassiererin zögert einen Augenblick, da entsichert der Mann seine Waffe und schreit in gebrochenem Deutsch: „Keine Tricks“. Mit zitternden Händen füllt die Kassiererin ängstlich die Tasche mit allem Geld, was sie in der Kasse findet. Es ist nicht viel, denn der Bestand in Mosdorf wird, gemäß Anweisung der Zentrale in Lüneburg, niedrig gehalten. Die wenigen Kunden, die sich heute hier her verirrt haben, konnten den traurigen Bestand auch nicht entscheidend anheben.
Als sie alles ausgeräumt hat, fragt sie den Mann mit unsicherer Stimme: „Und was nun“? „Tresor“, brüllt der Räuber. Doch der Tresor steht halb offen und der Mann erkennt, daß er nichts Wesentliches enthält. Als der Räuber die Leere sieht, schreit er zornig: „Tasche, dawai“, ergreift die Tasche mit dem enttäuschenden Inhalt, und verläßt eilig den Schalterraum. Ein Komplize hat den Motor des Wagens vor der Tür laufen gelassen. Der Motor heult auf und beide fahren in hoher Geschwindigkeit davon.

„Ist es vorbei“? fragt die Kundin tief Luft schnappend die Bankangestellte, doch sie bekommt keine Antwort. Sie richtet sich mühsam auf und sieht, wie die Kassiererin im Schalterraum zusammen gesunken ist und Schmerz verzerrt nach ihrem Herzen greift. Ohne lange nach zu denken, will sie hinter den Tresen eilen, doch die Beine versagen ihr den Dienst. Schließlich reist sie sich zusammen und ruft die Polizei an, meldet den Überfall und bittet um einen Krankenwagen aus der Stadt. Nun ist schnelle Hilfe von Nöten.

Als Polizei und Krankentransport erscheinen, hat sich der Vorfall schon herumgesprochen und zahlreiche Dorfbewohner haben sich in der Sparkasse versammelt. Der Krämer von nebenan hat sogar einen kräftigen Schnaps mitgebracht.
So haben beide den ersten großen Schock mit einem kräftigen Schluck aus der Flasche überstanden und können wieder, wenn auch noch innerlich aufgewühlt, herzhaft lachen. Es hätte ja auch schief gehen können, wenn der Kerl geschossen hätte. Der Schreck sitzt noch gehörig in den Gliedern. Die Kassiererin Frau Winter, die am meisten Angst ausgestanden hat, wird vorsorglich unter ärztliche Aufsicht gestellt. Eins ist sicher: die Story wird noch lange im kollektiven Gedächtnis des Dorfes haften bleiben und von Generation zu Generation weiter erzählt werden.