Der stahlende Verlierer

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin


Der strahlende der Verlierer

Im Institut für Strahlenschutz Kiew sitzt Nikolai Kunkin und wartet auf die Ergebnisse der ärztlichen Gutachten. Er ist einer der leitenden Ingenieure des Atomkraftwerkes Tschernobyl und wird, wie alle in dieser Firma Beschäftigten, turnusmäßig gründlich untersucht.
Dieser Check war vorzeitig notwendig geworden, weil Kunkin seit einer Woche über starke Schmerzen in der Wirbelsäule klagt.
Der Professor tritt in den Warteraum und betrachtet mitleidig den Patienten.
„Ihr Gesundheitszustand gibt zu großer Sorge Anlaß“, beginnt der Professor vorsichtig diplomatisch.
„Wie schlimm sieht es aus? Sagen Sie mir die Wahrheit“, bittet ihn Kunkin.
„Sie werden mit sofortiger Wirkung pensioniert“, entgegnet der Professor. „Ich mache Ihnen noch heute ihre Unterlagen fertig. Wenn Sie die Bühne des Lebens nicht in kürzester Zeit verlassen wollen, dann halten Sie sich von jeglicher Arbeit mit spaltbarer Materie fern und befolgen meine Anweisungen. Ihre Wirbelsäule zeigt deutliche Spuren von Strahlungsschäden im fortgeschrittenen Stadium“, fügt der Professor nach einer kurzen Pause hinzu. „Sie müssen in letzter Zeit eine starke Überdosis harter Strahlung geschluckt haben“. „Ja“, bestätigt der Patient, „bei dem letzten Störfall in der Nacht vor reichlich zwei Wochen“. Die Medien hatten darüber berichtet.
Kunkin rasen die Gedanken durch den Kopf. Wie lange habe ich noch zu leben?
Was sage ich meiner jungen Frau und meinen Kindern die noch nicht zur Schule gehen, wie bringe ich das meinen Eltern bei?

Nikolai Fjodorowitsch Kunkin war in einem kleinen Dorf südlich von Kiew aufgewachsen. Er war ein sehr begabter Schüler und stets darauf bedacht so viel Wissen in sich hinein zu schaufeln, wie es nur ging. Als Klassenbester wurde er zum Studium für Kernphysik nach Moskau delegiert und absolvierte sein Studium mit Auszeichnung. Er war klug und fleißig und es gab beinahe nichts, was er sich nicht zutraute. Sein Professor wollte diesen begabten Jungen als Assistent bei sich behalten, doch mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion entschied sich der
Absolvent in seine Heimat, die Ukraine, zurück zu gehen.

Hier fand er zunächst keine Anstellung. Seine Bewerbung in der Uni Kiew als Assistent des leitenden Professors wurde zunächst abschlägig beantwortet.
Da er auf eine, seiner Qualifikation angemessene Tätigkeit aus war, bot man ihm eine schlecht bezahlte Stelle im Atomkraftwerk Tschernobyl an. Immerhin, es war besser, als den Eltern auf der Tasche zu liegen. Mit Fleiß und unbändiger Energie
arbeitete er sich hoch auf einen besser bezahlten Leitungsposten. Nun konnte er an die Gründung einer Familie denken. Er lernte Mascha, eine junge Lehrerin kennen und lieben. Sie beschlossen zu heiraten. Mascha, in einer großen Familie aufgewachsen, wollte am liebsten viele Kinder haben und als Hausfrau zu Hause bleiben, doch das ging finanziell nicht gut. Nikolai konnte sie nur mit seinem Gehalt nicht ernähren.
Als die Stelle des Wartungsingenieurs frei wurde, bewarb sich Nikolai. Hier verdiente er das Doppelte, von dem was er bisher bekommen hatte, doch hier wurde in erster Linie das gesundheitliche Risiko bezahlt.
Bei Wartungsarbeiten wurde er des Öfteren einer erhöhten Strahlung ausgesetzt, aber das würde er schon aushalten. Nun konnte er an die Vergrößerung seiner Familie denken und Mascha unterließ die üblichen Verhütungsmaßnahmen.
Nach mehreren Monaten wollte sich nicht einmal die Spur einer Schwangerschaft einstellen und so konsultierte das Paar einen bekannten Arzt.
Die Spermien des zukünftigen Vaters wurden ins Institut für Humanmedizin Kiew eingeschickt und Mascha wurde einer gründlichen Untersuchung unterzogen.
Im Ergebnis wurde festgestellt, daß Nikolai wegen der ständigen Strahlenbelastung nicht mehr zeugungsfähig sei. Aus der anfänglichen Niedergeschlagenheit der Beiden entwickelte sich der Gedanke Waisenkinder zu adoptieren. Mascha wollte wenigstens zwei.
Von nun an begann ein zermürbender Papierkrieg gegen die Bürokratie und die vielen hemmenden Paragraphen. Nach zwei Jahren zähen Ringens hatten sie schließlich die Zusage ein Zwillingspärchen adoptieren zu dürfen.
Eine Phase des Glücks begann, als das Ehepaar mit zwei Kindern, einen Jungen und ein Mädchen, in einem Waisenhaus persönlichen Kontakt aufnehmen durften. Die Eltern der beiden Kleinen waren durch einen Unfall ums Leben gekommen, und die Großeltern fühlten sich nicht in der Lage die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Sie gaben die Beiden im Alter von zwei Jahren zur Adoption frei.

Mascha und Nikolai wollten gut zu diesen Unglücksgeschöpfen sein. Bei ihnen sollten die Kleinen behütet aufwachsen. Sie sollten in einer schönen Wohnung groß werden, mit hellen Möbeln und großen Fenstern, die den Blick ins Grüne gestatteten.
Vielleicht konnten sie sich später mal ein kleines Auto leisten. Nikolai machte Überstunden, nun lohnte es sich wieder Einsatz zu zeigen und auch mal etwas zu riskieren. Diese Sondereinsätze wurden gut bezahlt, weil sie extrem gefährlich waren. Nikolai, darauf angesprochen, spielte die Gefahr herunter, bis jetzt war es ja gut gegangen, es ging sicher auch weiter so.

Vor etwa zwei Wochen hatte es dann einen Störfall gegeben. Aus dem Kühlmantel eines Reaktors war radioaktives Wasser ausgetreten. Der Reaktor drohte zu überhitzen. Das Leck wurde zum Glück in einer frühen Phase bemerkt. Die Alarmglocken schrillten durch die Räume. Um den Reaktor nach außen abzuschotten, schlossen sich die schweren Bleitüren automatisch und ließen keinen mehr passieren. Im Innenraum befanden sich zu dieser Zeit vier Mitarbeiter, die kurzzeitig zur Wartung abgestellt waren.

Es war kurz nach Mitternacht, Nikolai schlief tief und fest. Als das Telefon klingelte, erwachte zuerst Mascha, die einen leichteren Schlaf hatte.
Als sie hörte, was ihr der diensthabende Ingenieur zu berichten hatte, ahnte sie nichts Gutes. Widerwillig weckte sie ihren Mann und übergab den Hörer.
Nikolai wurde leichenblaß, denn inzwischen war schon die Polizei benachrichtigt und die Behörden waren gewarnt worden. Wenn die Störung nicht zu beheben war, mußten viele Menschen evakuiert werden, gab es wieder Tote und Verletzte und die Anlage mußte völlig abgeschaltet werden, wenn es noch ging.
Der Ingenieur kündigte an, daß man ihn in wenigen Minuten mit Blaulicht abholen würde. Es ging jetzt um Sekunden. Nikolai war zurzeit der Einzige, der sich perfekt in der Anlage auskannte. Um ein neues Unglück von globalen Ausmaßen zu verhindern, mußte er unverzüglich zum Kraftwerk gefahren werden. In Windeseile sprang er in seine Sachen und rannte auf die Straße, um den Einsatzwagen zu empfangen. Bremsen quietschten, der Polizeiwagen hielt hinter ihm.
Nachdem er sich mit Schwung auf den Rücksitz begeben hatte, ging es in hoher Geschwindigkeit, rote Ampeln ignorierend, durch die Stadt bis zur Anlage. Mitarbeiter standen schon bereit und halfen ihm in seinen Schutzanzug zu schlüpfen. Er sprang hinein, schloß mit einem Ruck den doppelten Reißverschluß und begab sich in den gefährdeten Bereich, um die Schotten für die eingesperrten Mitarbeiter teilweise zu öffnen. Über Funk hatte er Kontakt mit dem Innenraum aufgenommen, die Kollegen waren wohlauf, hatten aber einen Anflug von Panik, weil ihre Gefangenschaft schon einige Zeit andauerte.

Nikolai setzte die Steuerung eines Schotts kurzzeitig außer Kraft, damit die vier Eingeschlossenen evakuiert werden konnten. Anschließend beseitigte er aufwendig das gefährliche Leck und schaltete die Anlage wieder auf Normalbetrieb. Dabei setzte er sich außergewöhnlich lange der schädlichen harten Strahlung des Reaktors aus.
Glücklich, eine größere Gefahr abgewendet zu haben, kam er schmunzelnd wieder in den Außenbereich getaumelt. Er war wie benommen von der hohen körperlichen und psychischen Belastung, denn ein Fehler hätte fatale Folgen haben können. Am Ende waren alle froh, daß es noch mal gut gegangen war.

Zunächst ging jeder der an der Havariebeseitigung Beteiligten ihrer ganz normalen Tätigkeit nach, bis Nikolai eines Abends starke Schmerzen in der Wirbelsäule bekam. Durch eine Aspirin konnte er das Brennen im Rücken unterdrücken, doch die Schmerzen meldeten sich regelmäßig wieder.
Mascha hatte eine schlimme Ahnung und bat ihren Mann händeringend einen guten Arzt auf zu suchen, damit ihm schnell geholfen werden konnte.

Heute, da ihn sein angegriffener Gesundheitszustand aus der Bahn wirft, macht sich Ratlosigkeit und Niedergeschlagenheit breit. Bohrende Fragen kreisen durch seinen schmerzenden Kopf:
War das alles, was das Leben zu bieten hatte? Was wird aus seinen schönen Plänen? Was wird aus seiner jungen Familie? Was werde seine Eltern dazu sagen?

Er war sich damals der Gefahr voll bewußt, doch hätte er an irgendeiner Stelle je die Wahl gehabt?