Plötzliche Erinnerungen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Plötzliche Erinnerungen....!

Die folgende Geschichte habe ich gar nicht bewusst miterlebt
und kenne sie nur aus den Erzählungen meiner Mutter.

Es war das Jahr 1951, und ich war gerade mal drei Jahre alt geworden.

Wir wohnten in einem Dorf nahe unserer Kreisstadt Nordhorn.

Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, dass wir Kinder gar kein Spielzeug
besessen hätten.

Die größeren Kinder hätten Fußball gespielt oder sich in den Wäldern Höhlen gebaut,
um die imaginären Feinde aus den Comic-Heftchen wie „Tarzan“ , Sigurd und Bodo“ sowie aus „Entenhausen“ abzuwehren.

Da ich jedoch selber erst drei Jahre alt war, sei ich von diesen Spielen ausgeschlossen worden.

Meine ältere Cousine habe sich meiner angenommen und mit mir Flugzeug gespielt, worüber ich mich immer sehr gefreut hätte.

Dazu habe sie mich an einem Bein und an einem Arm festgehalten und sich immer schneller um die eigene Achse gedreht, bis ich etwa auf ihrer Armhöhe schwebte.

Mir habe das immer sehr gefallen und ich hätte aus Freude gejubelt.

Plötzlich jedoch hätte ich geschrien und geweint.
Meine Cousine habe mich nach Hause gebracht und meiner Mutter übergeben.
Sie wisse nicht, warum ich plötzlich geweint hätte.

Auf dem Arm meiner Mutter hätte ich nur noch leise gewimmert.

Von unserem Wohnort aus gab es leider nur sehr wenig Busverbindungen in unsere Kreisstadt.
Einen Arzt gab es bei uns auch nicht, dafür jedoch zwei Gaststätten.

Meine Mutter habe geahnt, dass sie etwas unternehmen müsse, da mein Wimmern immer lauter geworden sei.

Sie habe mich in ihren Armen gehalten und sich zur Bundesstraße, die in unserer Kreisstadt führte, begeben.

Zu dieser Zeit seien noch viele Fahrzeuge der englischen Besatzungsmacht auf dieser Straße unterwegs gewesen.

Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, dass ein offenes Militärfahrzeug neben ihr angehalten habe.

Der englische Offizier habe etwas deutsch gesprochen und sich erkundigt, was passiert sei.

Meine damals 26-jährige Mutter habe ihm erklärt, dass sie nicht wisse, warum ich in ihrem Arm nur noch wimmern würde und sie deswegen dringend zu einem Arzt müsse.

Der Offizier bat meine Mutter, in das Militärfahrzeug einzusteigen und auf den hinteren Sitzen Platz zu nehmen.

Danach habe er seinen Fahrer angewiesen, mit hoher Geschwindigkeit zu unserem Kreiskrankenhaus zu fahren.

Dort angekommen habe er barsch einen Arzt sprechen wollen.
Dieser sei dann auch sofort gekommen und habe mich in Augenschein genommen.
Der Arzt habe sofort feststellen können, dass mein rechter Arm ausgekugelt worden sei.
Mit einem Ruck habe er sofort meinen Arm wieder eingekugelt.
Schon nach wenigen Minuten habe ich nicht mehr so laut gewimmert und sei eingeschlafen.

Der englische Offizier habe mein Mutter wieder zu seinem Fahrzeug gebracht und den Fahrer angewiesen, wieder dorthin zurückzufahren, wo er meine Mutter und mich aufgenommen habe.
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Diese Geschichte hatte ich eigentlich schon längst vergessen.
Irgendwie schlummerte sie jedoch in mir und verlangt, dass ich sie anderen Menschen erzähle.

Wie wir wissen, war die Nachkriegszeit für die deutschen Bürger voller Entbehrungen und großer Not.

Auch meine noch junge Mutter befand sich plötzlich zusätzlich in einer seelischen Notsituation.

Dank des englischen Offiziers wurde ihr, und besonders auch mir, geholfen.

Dieser Offizier hegte sicher keinen Groll mehr gegen die deutsche Zivilbevölkerung, denn sonst hätte er nicht so menschlich und gutmütig gehandelt.

Heute empfinde ich einen großen Dank gegenüber diesem Offizier.

Meine Mutter ist seit ihrem 82. Lebensjahr nicht mehr unter uns und ich vermute,
dass auch der englische Offizier nicht mehr bei uns sein wird, da er damals schon einige Jahre älter gewesen sei.

Ich kenne seinen Namen nicht, aber hätte ich ihn in früheren Jahren erfahren, würde ich mich auf die Suche nach diesem guten Mann gemacht haben.

Ich wünsche mir, dass er später in seiner englischen Heimat in Frieden leben konnte und dass er sich vielleicht in einer stillen Stunde bei einer Tasse Tee an die Situation an der Bundesstraße 213 im Jahre 1951 in unserem ehemaligen Dorf erinnert......!

Möge er in Frieden ruhen......!

- DS -