Das schwarze Schaf

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin


Das schwarze Schaf

Frau Steinle im Badischen Land fühlte, dass ihr Leben zu Ende ging, und lies einen befreundeten Notar kommen. In Anwesenheit dieses Mannes schrieb sie eigenhändig ihren letzten Willen auf und verfügte die Suche nach dem einzigen noch lebenden Erben in direkter Linie, ihren Sohn Christian.
Christian Steinle, galt seit den letzten Kriegstagen als in Norwegen verschollen. Detektive und Suchdienste hatten inzwischen vergebens versucht, den Sohn der Familie ausfindig zu machen, doch bisher waren alle Unternehmungen kläglich gescheitert. Die Suche würde sich also schwierig gestalten. Mutter Steinle hatte immer steif und fest behauptet: “Mein Sohn lebt noch, eine Mutter fühlt so etwas“. Wenige Tage später wurde sie zu Grabe getragen.
Der Notar beauftragte eine renommierte Frankfurter Detektei, die sich auf solche Nachkriegsrecherchen spezialisiert und eine hohe Erfolgsquote vorzuweisen hatte.

Zur Vorgeschichte:
Christian Steinle war lange vor Beginn des II. Weltkrieges als Letzter von Zwillingsbrüdern geboren worden. Der untersuchende Arzt hatte nur von der Geburt eines Kindes gesprochen, nun kam ungewollt, noch einer hinterdrein. Er galt als sympathisch, gutmütig, begabt und stand stets im Schatten seines schillernden Bruders Georg. Er schloss sein Abitur zum Unterschied zu seinem Bruder nur mit „sehr gut“ ab, nicht mit „Auszeichnung“. In seiner Jugend interessierte er sich schon für die Technik in der elterlichen Firma und der Vater ließ ihm einige Freiheiten. Noch in den letzten Kriegstagen schickte ihn Vater, aus falsch verstandenem Patriotismus, an die Front. Man sollte ihm nicht nachsagen können, dass er am Untergang des III. Reiches Mitschuld hätte, weil er seine Söhne geschont habe. Wenn einer daran glauben müsste, dann wenigstens nur der ungeliebte Sohn Christian.
Christian wurde gemustert und kam als hochgewachsener Mann in Kiel auf ein frisch in Dienst gestelltes Schnellboot. Dessen Kommandant sah sein vornehmstes Ziel darin, die anvertrauten halben Kinder unversehrt durch den bereits verlorenen Krieg zu führen. Das war Christians Glück. Die gesamte Mannschaft geriet, nach einer abenteuerlichen Fahrt bei Nacht und Nebel, in der Stadt Trondheim, in Norwegische Gefangenschaft. Hier wurde der technisch begabte junge Mann einem Norwegischen Reeder deutscher Abstammung zugeordnet. In der Werkstatt dieser Reederei sollte sich seine technische Vorbildung als sehr vorteilhaft herausstellen.
Unter anderem schlug er eine technische Neuerung für die effektivere Harpunierung von Großfischen vor und lernte den Reeder selbst kennen. Der erkannte nach einem intensiven Gespräch den Wert der Neuerung und erteilte Christian den Auftrag, die Neuheit in der firmeneigenen Werkstatt bis zur Praxisreife zu entwickeln.
Nach erfolgreicher Erprobung wurde der junge Kriegsgefangene ein geachteter Partner.

Bei der Feier zur Mittsommernacht wurde Christian der Familie des Reeders vorgestellt. Er musste allen berichten, wie man in Deutschland lebt und feiert und wie es seinen Angehörigen zu Hause ginge. Dabei bemerkte der Reeder mit einigem Unbehagen, wie gut der junge Mann seiner Frau und seiner Tochter gefiel. „Können sie in Deutschland auch tanzen“? frozzelte die Tochter Ingrid, um die Situation aufzulockern. Das war doch seine leichteste Übung. Nach den ersten zwei Runden wollte Ingrid nur noch mit ihm tanzen.
Mutter und Tochter luden Christian von nun an des Öfteren zum Mittagessen ein. Schließlich wünschte sich Ingrid, dass Christian zu ihrer Geburtstagsfeier kommen sollte. „Paps, bitte sag ja“, flötete sie ihrem Vater entgegen. Vater Amberge sah Schwierigkeiten auf sich zukommen: „Bedenke, der junge Mann ist Kriegsgefangener in unserem Land, wir müssen hier eine Menge Bestimmungen beachten“. Doch schließlich siegte die Vaterliebe, Ingrid hätte ja doch keine Ruhe gegeben. Da Christian nur seine Seekriegsuniform hatte, öffnete Vater Amberge seinen Kleiderschrank und stattete ihn mit ziviler Kleidung aus. „Von der Figur her müsste es passen“, hatte er überlegt.

Zum Geburtstag kam die weitläufige Verwandtschaft aus Nah und Fern und wollte auch den vielversprechenden jungen Mann aus Deutschland kennen lernen, den man sich im Hause Amberge gut als Schwiegersohn vorstellen könnte.
Christian wurde zufällig Zeuge eines solchen Gespräches und verließ aus Frust die Party. Ingrid bemerkte die Verstimmung, die Verwandtschaft war aber auch wieder taktlos gewesen. Kurzentschlossen nahm die junge Frau ihren Mantel und eilte ihm nach.
Als sie ihn endlich erreicht hatte, schimpfte sie, er sei eine Mimose und schrie in die Nacht hinein: „Ich liebe dich, du deutscher Kriegsheld, bleib` endlich stehen“. Das Paar blieb bis zum nächsten Morgen in Christians Quartier.
Am nächsten Tag lud Vater Amberge, der diese Entwicklung beobachtet hatte, Christian zu einer Fahrt nach Oslo ein und erwirkte dort, mit dem Gewicht seiner Persönlichkeit, bei den Behörden die Aufhebung des Kriegsgefangenenstatus.
Als nunmehr freier Mann hatte Christian auch Anspruch auf Entlohnung seiner Arbeiten und konnte sich eine eigene Wohnung mieten. Im Jahr darauf heiratete das Paar und als Geschenk erhielten sie von den Eltern ein schönes Anwesen in Bergen.

Die Stadt Bergen, eine alte Hansestadt zum Europäischen Nordmeer hin hat einen schönen Hafen und ist selbst in harten Wintern durch den Golfstrom eisfrei. Durch die Einflüsse der Hanse hat ein Großteil der Bevölkerung deutsche Wurzeln.

Wichtigste Bedingung für die Eheschließung: Christian musste den Familiennamen Amberge annehmen, damit das Unternehmen später seinen Namen weiterführen konnte. Damit war Christan unter seinem alten Familiennamen nicht mehr auffindbar. Vater Amberge weihte seinen Schwiegersohn in alle Belange seines Unternehmens ein und übergab ihm Verantwortung. Christian erwies sich auch in der Unternehmensführung als sehr geschickt und erfolgreich. Als sich Vater Amberge aus Altersgründen aus dem aktiven Geschäftsleben zurück zog, führte Christian das Unternehmen erfolgreich weiter und erweiterte die Geschäftsfelder um ein Vielfaches.

Anfangs kamen die beauftragten Detektive nicht voran, bis man auf die Idee kam, die Kirchenregister einzusehen. Also wurde man beim Pfarrer in Trondheim vorstellig. Den Zeitpunkt konnte man abschätzen und nach einigen Minuten hatte man die besagte Eintragung
gefunden. Hier war die damalige Eheschließung mit Namensänderung schließlich verzeichnet. Die Detektive gingen der gefundenen Spur nach und landeten schließlich beim Anwesen der Familie in Bergen. Die Telefonnummer war schnell gefunden und so riefen sie Christian Amberge an und baten um ein Gespräch.
Zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme, hatte dieser die Geschäfte bereits an seine Zwillingssöhne abgegeben und genoss inzwischen seinen Ruhestand.
Die Ermittler trafen einen großen, sehr gepflegten alten Seebären an, mit einem Rauschebart und Pfeife rauchend. „Darf ich sie zu einem Tee einladen“? Fragte er in akzentfreiem Deutsch. Ohne die Antwort abzuwarten rief er seine Frau: „Ingrid, die Herren wollen einen Tee trinken, bitte bereite auch etwas zum Naschen vor“. „Darf ich ihnen meine Lebensgeschichte erzählen“? wandte er sich wieder den Besuchern zu. Er begann zu berichten, wie er und seine Kameraden auf dem Schnellboot in den letzten Kriegstagen mit Mühe den englischen Bombern entkommen sind. Dabei hätte ihn sein Vater nicht an die Front schicken müssen. Die Firma der Familie produzierte kriegswichtige Maschinen und Ausrüstungen und war deshalb vom Kriegsdienst befreit. Er war immer noch verbittert und wollte mit seinen deutschen Wurzeln nichts mehr zu tun haben. Sein richtiges Leben hatte erst hier in Norwegen und mit Ingrid begonnen.
Es sollte eine lange Nacht werden.
Am nächsten Morgen ließ Christan einen Notar kommen und erklärte schriftlich, dass er auf das Erbe in Deutschland verzichtet. Es war eine dreistellige Millionensumme, für die er.
erbberechtigt war. Christian Amberge verabschiedete sich von den Detektiven: „Wenn sie wieder mal hier in unserer Nähe zu tun haben, kommen sie doch bei uns vorbei, wir würden uns ehrlich freuen“.

Die gestandenen Männer kehrten tief beeindruckt in ihre Heimat zurück.
Sie hatten einen unbeugsamen, sympathischen, warmherzigen und erfolgreichen alten Mann kennen gelernt, der allen Stürmen des Lebens getrotzt hatte.