Der Schall des Bösen
Der Schall des BösenFoto-Quelle: ©Angela Parszyk / www.pixelio.de

Der Schall des Bösen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Nur eine Straße führte durch das fast verlassene Dorf. Die meisten Fensterläden waren geschlossen. Ein Karren, der von zwei Ackergäulen gezogen wurde, schleifte mühsam voran. Die Räder kamen immer näher und die Mücken, die über den Pfützen kreisten, flüchteten. Niemand wusste wohin. Das gackernde Federvieh flatterte erschreckt von der Straße, dem Hahn blieb das Kikeriki im Halse stecken, Gänse trotteten unbekümmert den Wegesrand entlang und marschierten an der alten Frau vorbei, die mit gekrümmten Rücken ganz in Schwarz am Straßenrand wie eine einsame Vogelscheuche vor sich hinstarrte. Ihr war es egal, was um sie geschah. Der Karren fuhr vorüber und verschwand irgendwo am Ende der Straße, wenn es überhaupt ein Ende gab. Für nur kurze Zeit war die feuchte Spur des Fuhrwerks noch zu sehen, bis auch sie wie die Regenpfützen in der sengenden Sonne verdampfte. So war es immer. Es regnete kräftig und wenig später war nichts mehr davon zu sehen

Der alten Frau rang der Schweiß über Stirn und Rücken. Tief in Gedanken stand sie dort. Ihr Mann war letzte Nacht verstorben und niemand verstand, wie er in den Brunnen fallen konnte. Seit Menschen Gedenken stand der Brunnen am Eingang des Ortes. Auch wenn er meistens leer war, gingen die Frauen täglich mit Eimern hierher und hofften auf frisches Wasser. Im Dorf wären sie alle schon längst verdurstet, wenn nicht jede Woche ein Pferdekarren aus Temeschburg gekommen wäre, um den Menschen hier sauberes Wasser zu bringen. Heute in der Früh lief Mara zum Brunnen. Sie schaute in den Schacht und schrie ganz fürchterlich. Da unten lag eine Leiche.

Es geschah in der letzten Nacht. George flüsterte: „Hast du das gehört?“ Sie wachte auf auf erschrak. „Was soll denn sein?“, und George verstand nicht, warum sie nicht das Flüstern hörte, dass ihm befahl auf die Straße zu gehen. Er zitterte am ganzen Leib. Bis auf die Knochen spürte er, wie die Stimmen Besitz von ihm ergriffen. Der Vollmond zwängte sich durch die Gardinen. Als ob er Schreien wollte, riss der Mann sein grässliches Maul auf und seine Frau sah zwei Reißzähne heraushängen. Nur das grässliche Flüstern hielt ihn ab, seiner Frau das Blut auszusaugen

„Ich muss raus“, raunte er. Seine Stimme klang wie aus einer anderen Welt. Er fletschte die Zähne und ging zum Fenster. Hinter der Gardine flatterten Schatten. Ein grässliches Heulen drang ins Schlafzimmer. Das Fenster klirrte und George stand auf der Straße. Er lechzte das Mondlicht an. Glassplitter waren in seine Haut gedrungen. Er leckte am eigenen Saft. „Sauge dich leer!“, heulte der Chor und er glaubte, es seien die Fledermäuse. Das Heulen wurde immer lauter und fraß sich durch alle Winkel seiner Seele, bis die letzten Spur seines Menschseins vertilgt war. Er schlürfte seine Blutgefäße leer und schleppte sich mühsam vorwärts wie ein Ackergaul vor einem Karren. Gierig brannte er darauf noch mehr Blut zu trinken, sein bleiches Gesicht aber, als es sich über dem Brunnenrand neigte, in ein gähnendes Nichts schaute. Das Heulen fegte wir ein Orkan durch das Dorf und riss den Mann in die Tiefe.

Als am nächsten Tag die Leiche mit Metallhaken ans Tageslicht gezogen wurde, zerbröselte der Leichnam vor aller Augen zu Staub. Die Leute holten nicht die Polizei aus aus der Stadt. Den Ärger konnten sie sich sparen und jetzt stand die Witwe am Straßenrand und wusste nicht, wie sie ihren Mann beerdigen sollte. Sie machte kehrt, schloss hinter sich zu und betete für die Seele ihres Mannes. In der Nacht begann es wieder zu flüstern.

©MartinStauder