"PrügelKind"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Blaue Flecke auf der Seele


"Eine vor aller Augen geschlagene Wunde muss auch vor aller Augen genäht werden."
- Sprichwort der Kikuyu -

Offene, sehr offene Worte…
Nicht jeder wird sie verstehen.
Vielleicht aber helfen sie dem einen oder anderen ein wenig… vielleicht findet sich in diesen Worten jemand wieder und fühlt sich dann nicht mehr so ganz alleine….

Ein ganzes Leben all das Schlimme, all die Gewalt, physisch wie psychisch zu verdrängen, kostet jeden einzelnen Tag eine so immense Kraft, das es eher 48 Stunden bedarf um wenigstens ein klein wenig zu glauben, das man in dieser Welt einen kleinen Platz hat, sein darf.

Das man vielleicht auch als unerwünschtes, geprügeltes Kind eine Daseinsberechtigung hat.

All die Ängste, Tränen, blaue Flecke, Schmerzen, sie heilen niemals wirklich.

Sie scheinen sich manifestiert zu haben in einem Seeleneckchen.
Sie treten plötzlich und unerwartet aus der Dunkelheit hervor und überwältigen einen in Sekundenschnelle.
Völlig neben der Spur versucht man sich dann wie ein PuzzleSpiel wieder zusammenzusetzen.

Bilder der Erinnerung werden glasklar je reifer, je älter man wird.

Da laufen unkontrollierte Tränen.
Egal wo man sich auch befindet. Es scheint keinen Schutz zu geben.
Es ist wohl wahr… man nimmt sich immer mit, egal wohin man auch geht.

Dieses ewige Schweigen, Beherrschen, Zusammenreißen, Verdrängen… es bereinigt und beseitigt nichts.

Je älter ich geworden bin umso klarer wird mir das Ausmaß der Gewalt.

In schlaflosen Nächten setzen sich die Gewaltsituationen aus tiefster Seele frei, tanzen unermüdlich vor meinen Augen.

Es ist als ob ich gerade in diesen Momenten diese Gewalt wieder und wieder erfahre.
Fühle den Schmerz und sehe wie die Blutergüsse meinen Körper einnehmen.
Von Kopf bis Fuß.
All die Ohrfeigen für Kleinigkeiten.
Es reichte durchaus wenn ich ein paar Minuten zu spät nach Hause kam oder einen Kratzer auf meinen neuen Schuhen hatte.
Die Hände meines Vater`s, sie waren Pranken.
Mein Rücken, meine Beine, blitzeblau.
Doch am schlimmsten ist die Angst. Diese nie endende Angst.

Meine Mutter schlug eher mit Gegenständen.
Kochlöffel wurden regelmäßig auf mir in Stücke geschlagen. Sie hatte einen enormen Verbrauch.
Im Jugendalter schlug sie dann mit Fäusten auf mich ein und verpaßte mir Tritte.
All die Demütigungen vor fremden Menschen, all die Ausdrücke, die ich wohl auf ewig tief in mir trage.

Stöcke, Hosengürtel waren ideale Prügelutensilien.

Mit der Schnalle des Gürtels, mit Bambusstöcken grün und blau geprügelt.
Die Treppe hinauf geschlagen.
Atemlos, panisch versuchte ich drei Stufen auf einmal zu ersteigen um den Schlägen zu entwischen.
Mein Vater, schnell und dicht hinter mir, der mir wieder und wieder die Gürtelschnalle auf die nackten Beine schlug.
So blau, das ich mich nicht getraute am Sportunterricht teilzunehmen. Aus tiefer Scham und aus Angst.

All die schlimmen Ausdrücke die niemals in Vergessenheit geraten.

Gab es keine körperliche Gewalt so wurde verlangt das ich einen Satz wie z.B . „Ich darf die Türe nicht schlagen“, durchnummeriert „5000“ mal auf eine Tapetenrolle schreiben mußte.
Ich weiß nicht wie viele unterschiedliche Sätze ich schrieb, weiß nicht wie viele Tapetenrollen ich vollschrieb.
Gefühlt sicher so viele, dass ich die ganze Stadt darin einwickeln könnte.
So in etwa wie „Christo“.

Es gab nur Schule, alle möglichen Hausarbeiten zu verrichten, stundenlang meine Stiefschwester im Kinderwagen spazieren fahren und das jeden Tag unmittelbar nach Schulschluß.
Wäre eine Freundin, die ein Nachbarkind täglich ausfuhr, nicht an meiner Seite gewesen, so wäre ich schon damals mehr als verzweifelt.

Es gibt kaum einen Platz an dem nicht ein Trailer meines Lebensfilms in puncto Gewalt oder Demütigung abläuft.

Der Schmerz ist gewaltig.
Vor allem die unzähligen Ausdrücke, Beschimpfungen, Beleidigungen, Demütigungen.
Sie haben kein VerfallsDatum.

Die „Täter“, ein ganzes Leben in Sicherheit.
Niemals zur Rechenschaft gezogen.
Sie spielen ihr Spiel weiter und weiter.
Nie erfahren sie eine Konsequenz.
Das Leid bleibt immer und ewig im und beim "Opfer".

Wenn ich heute in die Gesichter dieser Menschen schaue, die mir so viel Gewalt antaten, die mich in gewisser Weise lebenslänglich gefangen halten, die sich ihr ganzes Leben nur so durchgelogen haben, so kann ich die Abneigung, die ich empfinde, nicht in Worte fassen.

Der Schrei nach Gerechtigkeit, ein ganzes Leben in die Welt geschrien und ewig blieb er ungehört.

Die Wunden, sie heilen niemals.
Die Narben, sie brechen immer wieder auf.
Die Sprüche von verzeihen und vergeben, sie fruchten bei mir nicht.

Nicht wenn es um diese Menschen geht.
Sie erhalten keinerlei Absolution!!!
Schon alleine der Gedanke an ihre Gesichter erzeugt Schüttelfrost, Erbrechen bei mir.

Wer zieht diese Menschen, diese Täter zur Rechenschaft!?
Wer klagt sie an, wer straft sie!?
NIEMAND!!!

Sie können gut, sehr gut mit sich leben.
Sie werden alt und grau in ihrem Nest aus Lügen.
Sie kennen keinerlei Scham. Lassen es sich rundum gut ergehen.
Gewalt, Macht, Gier, Lügen, Gerüchte, Intrigen das ist ihre Welt.
Erstaunlich, dass diese Art Menschen am längsten und am besten leben.

Kein Tag in meinem Leben ist ohne Beeinträchtigung solange ich lebe.
Alles in meinem Leben war/ist ein „Paradoxon“.

Niemals war/ist es mir möglich „Liebe“ anzunehmen.
Daher wohl auch die ewige, unerfüllte Sehnsucht und die nie endenden Träume.

Wie viel ist wohl in einem Menschenleben zerstört , wenn er in Panik gerät und die Flucht ergreift, so als ob er den Teufel persönlich getroffen hat, sobald Worte gesprochen werden wie: „Ich liebe dich“.

Ist das nicht „LEBENSLÄNGLICH“ !?

Eine ewige Todeszelle, die man in/mit sich trägt.
Jeden Tag die Suche nach der Schuld in sich, obwohl man genau weiß das es sie nicht gibt.
Jeden Tag die stille, laute Frage nach dem „WARUM“…. die ewig ohne Antwort bleiben wird……

Eine große Hilfe dieses Buch entdeckt zu haben: „Die Geprügelte Generation“ - Ingrid Müller-Münch -


"Jedes Kind braucht einen Engel" - "Klaus Hoffmann"

- Ich wünsche uns allen einen Engel.... dem "Kind" in unserem Herzen.