Marotten: Smarties nach Farben sortiert
Marotten: Smarties nach Farben sortiertFoto-Quelle: John Penton und Paul Hughes, http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Smarties_old_new.jpg

Spleens, Schrullen und Marotten – sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Die einen zählen Stufen, die anderen essen Gummibärchen oder Smarties nur nach Farben sortiert und wieder andere sammeln eifrig Plastiktüten. Fast jeder von uns hat seine ganz speziellen Marotten - meistens sind es liebenswerte Gewohnheiten, mitunter aber auch Schrullen, die den Mitmenschen den letzten Nerv rauben…

Lesen Sie in der Zeitung immer zuerst die Todesanzeigen oder pflücken Sie akribisch die kleinen Wollknubbel von den Pullovern anderer Leute ab? Können Sie nur auf einer bestimmten Seite einschlafen oder kontrollieren Sie beim Verlassen des Hauses alle Schlösser mehrfach und kehren regelmäßig um, nur um die Kaffeemaschine zum dritten Mal auszuschalten? Dann gehören Sie zu den ganz normalen Durchschnittsmenschen. Fast jeder hat einen gepflegten Spleen und ist deswegen noch lange kein Exzentriker. Schrullen haben eine wichtige Funktion – selbst wenn sie auf den ersten Blick unsinnig erscheinen.

Gewohnheiten strukturieren unser Leben
Viele Spleens sind bereits in der Kindheit angelegt. Kinder lieben Rituale. Sie strukturieren den Alltag und vermitteln Geborgenheit und Sicherheit. Fehlt ihnen die Struktur, greifen sie auf einen kleinen Trick zurück – den Tick. Auch als Erwachsene bringt uns Unvorhersehbares und Unberechenbares aus dem Gleichgewicht.

Die Marotte hat System
Im Alltag werden wir häufig mit ungewohnten Situationen konfrontiert. Wir überbrücken dann unsere innere Unruhe mit seltsamen Angewohnheiten. Wenn uns auch der rote Faden abhanden kommt - der Tick ist zuverlässig da. Er entlastet uns und hilft uns, die Spannung abzubauen.

Harmlos oder nervtötend?
So eine kleine Schrulle ist normalerweise einfach nur harmlos und amüsant. Spleenige Menschen sind bestenfalls ein kleines bisschen „verrückt“. Krankhaft wird es erst, wenn der Zwang zermürbend ist und das ganze Leben beherrscht. So manche Marotte kann allerdings für die Mitmenschen auch absolut nervtötend sein. Das Finger-Trapsen auf dem Tisch zum Beispiel, das Zubbeln an der Nagelhaut oder gar das Gebissklappern.

Meist sind uns die Schrullen gar nicht bewusst und wir können sie deswegen auch nicht steuern oder kontrollieren. Sie passieren uns eben. Ganz automatisch. Und sie fallen uns überhaupt nur dann auf, wenn wir dabei gestört werden. Sie sind so fest in unserem Alltag verankert, dass wir uns nur sehr schwer davon lösen können.

Kann man sich Marotten abgewöhnen?
Gewohnheiten sind erlernt. Wir bleiben bis ins hohe Alter lernfähig und daher können wir Marotten auch wieder „verlernen“. Allerdings benötigen wir dazu viel Zeit und Geduld: „Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen ist das Schwerste, was es für das Gehirn gibt", so der Hirnforscher Gerhard Roth. Das liegt daran, dass sie unserem bewussten Willen nicht direkt zugänglich sind.

Deswegen besteht die effektivste Methode darin, sich die eigenen Marotten bewusst zu machen - zum Beispiel indem man andere bittet, einen darauf aufmerksam zu machen - und dann die alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen. Dieses Verhalten muss über einen längeren Zeitraum praktisch täglich eingeübt werden. Dabei ist es hilfreich, sich regelmäßig für Fortschritte zu belohnen.